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Der Rheinische Archivtag, der vom 8.-9. Juni 2006 bereits zum 40. Mal stattfand, stand diesmal unter dem Thema „Wirtschaft und Archive. Überlieferungsbildung durch Kooperation". Er wurde vom Landschaftsverband Rheinland, Rheinisches Archiv- und Museumsamt (RAMA), in enger Zusammenarbeit mit der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln (RWWA) im Festsaal der Orangerie von Schloss Benrath in Düsseldorf ausgerichtet.
Dr. Norbert Kühn, Leiter des Rheinischen Archiv- und Museumsamtes, konnte als Vertreter der Veranstalter rund 130 Teilnehmende aus kommunalen, staatlichen und Unternehmensarchiven des Rheinlands begrüßen.
Nach der Eröffnung der Tagung durch den
Vorsitzenden der Landschaftsversammlung Rheinland, Dr. Jürgen Wilhelm, und den Kulturdezernenten der Stadt Düsseldorf, Hans-Georg Lohe, überbrachte der Staatssekretär für Kultur und Chef der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen, Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, die Grußworte der
Landesregierung: Im Rahmen einer „Aufmerksamkeitsökonomie-Gesellschaft" – so Grosse-Brockhoff - dürfe die Beständigkeit in der Kulturpflege mit dem Ziel der Nachhaltigkeit nicht aus dem Blick geraten angesichts des Eventcharakters zahlreicher Projekte im kulturellen Bereich. So fördere das Land die kulturelle Bildung im
schulischen Bereich ebenso wie die wissenschaftliche Forschung auch auf der Grundlage der Archive. Als Zeichen setzend sei in diesem Zusammenhang auch die Bestandserhaltungsinitiative des Landes zu sehen, das die Massenentsäuerung von Archivgut mit der Übernahme von 70% der entstehenden Kosten ab Herbst des laufenden Jahres fördern wird.
In ihrer thematischen Einführung betonten Dr. Kühn und Dr. Ulrich Soénius, Direktor der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln, die Bedeutung von Kooperationen zwischen Archiven und der Wirtschaft, auch wenn bzw. gerade weil zwischen beiden keine prinzipielle Affinität bestünde. So sei die Wirtschaft für archivische Belange ebenso zu sensibilisieren wie sich Archive als Dienstleister im Informationsmanagement zu präsentieren und zu profilieren hätten.
Zum Thema „Wirtschaft: Gegenstand und Forschungsanliegen im lokalen und regionalen Spektrum" skizzierte Prof. Dr. Paul Thomes, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, ausgehend von der These, dass die Steuerung wirtschaftlicher Prozesse auch einer systematischen und professionellen Überlieferungsbildung bedürfe, die Grundlagen einer fruchtbaren Kooperation zwischen Archiven und der Wirtschaft. Aus der Sicht des Forschenden sei dabei eine möglichst breite und dichte Überlieferungsbildung durch die Archive unter Beachtung horizontaler und vertikaler Zusammenhänge - d.h. auch in Absprache mit anderen Archiven - wünschenswert. Aus dem Kreis der Teilnehmenden wird dem entgegengehalten, dass eine derartige Überlieferungsbildung sehr schnell an die Grenzen der materiellen und personellen Grenzen der Archive stoßen müsste.
Nicht zuletzt dem Tagungsort war das Thema des Referates von Prof. Dr. Clemens Graf von Looz-Corswarem, Stadtarchiv Düsseldorf, über „Die Düsseldorfer Wirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert" geschuldet. Instruktiv zeichnete Graf Looz die reziproken Entwicklungslinien von wirtschaftlicher Konjunktur und strukturellem Wandel in dieser rheinischen Metropole von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart nach. Aus archivischer Sicht sei dabei vor allem der Verlust zahlreicher Registraturen aufgelöster Wirtschaftsunternehmen zu beklagen.
Nach der Mittagspause begann die 1. Arbeitssitzung unter den Schlagworten „Wirtschaft – Geschichte – Dokumentation", die von PD Dr. Ralf Stremmel, Historisches Archiv Krupp, Essen, moderiert wurde, der die These zur Diskussion stellte, die Überlieferung zur Wirtschaftsgeschichte werde zu unsystematisch und zu vereinzelt gebildet.
Dr. Soénius stellte die Anforderungen an „Die Dokumentation eines regionalen Wirtschaftsraumes aus der Sicht der Wirtschaftsarchive" dar. Trotz einer großen Vielfalt rheinischer Wirtschaftsarchive sei ein Trend zur zahlenmäßigen Reduktion der Wirtschaftsarchive im Rheinland zu konstatieren, wobei ein kleiner Teil professionell geführter Wirtschaftsarchive den großen Nutzen für ihre Träger unter Beweis stellen könne. Es fehle jedoch eine Dokumentation des rheinischen Wirtschaftsraumes und seiner Überlieferungssituation. Hier sei die Kooperation zwischen kommunalen und staatlichen Archiven einerseits und Wirtschaftsarchiven andererseits gefragt. Die Zusammenarbeit könne etwa im Austausch von Dokumentationen der jeweiligen Bestandsbildung bestehen, ebenso wie in der gemeinsamen Erarbeitung von Bewertungsrichtlinien oder in Absprachen darüber, welches Archiv welche Bestände übernehmen könnte. Die gemeinsame Erarbeitung einer besseren Informationsgrundlage – sei es in Form eines Registers von Unternehmen mit überlieferungswürdigen Registraturen, sei es in Form von übergreifenden Sach-, Branchen- und lokalen Inventaren – könne dabei sehr hilfreich sein. Schließlich sei eine solche Kooperationsbasis auch geeignet, die öffentliche Wahrnehmung beider Kooperationspartner zu verbessern.
„Wirtschaft im Bereich der Finanzverwaltung. Leitlinien eines Archivierungsmodells" war das Thema des Referates von Dr. Martin Früh, Landesarchiv NRW, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf. Angesichts der großen Menge angebotenen Registraturguts hat das Landesarchiv NRW ein mittlerweile verbindlich gewordenes Archivierungsmodell für die Unterlagen der Landes- und der regionalen Bundesfinanzverwaltung entwickelt. Im breiten Spektrum der Aktentypen, das von der Planung über die Verwaltung bis hin zu den einzelnen Steuerakten reicht, ist sowohl die Übernahme von Einzelfallakten in Kombination mit ergänzenden Unterlagen vorgesehen als auch die Anwendung von Sampling-Methoden bei massenhaft gleichförmigen Akten zur Abbildung zeittypischer Trends. Zur Bildung einer aussagekräftigen Gesamtüberlieferung sei ein multiperspektivischer Blick nötig, um neben den Einzelfallakten auch die ergänzende Überlieferung erkennen und übernehmen zu können. Zur Vermeidung von Redundanzen sei darüber hinaus auch außerhalb der Zuständigkeit des Landesarchivs der vertikale Abgleich der Überlieferung erforderlich.
„Die Dokumentation eines regionalen Wirtschaftsraumes aus Sicht eines Kommunalarchivs" erörterte Dr. Erika Münster-Schröer, Stadtarchiv Ratingen in ihrem Referat: In Ratingen sei das Nutzerinteresse an Unterlagen zur Wirtschaftsgeschichte zwar vorhanden, doch sei generell zu bezweifeln, ob die Dokumentation eines lokalen Wirtschaftsraumes für ein Stadtarchiv überhaupt zu leisten sei. Die in diesem Zusammenhang zu erhebenden Forderungen seien sehr anspruchsvoll: eine Skizzierung des lokalen Wirtschaftsraumes und deren Niederlegung im Stadtarchiv; eine Erhebung und die Koordination des Nutzerinteresses unter Beachtung der räumlichen Kontexte; Mutmaßungen über zukünftige Forscherinteressen; die Einbeziehung sozialgeschichtlicher Aspekte wie z.B. der Arbeitsmarktsituation; ein Fotoarchiv. Diese Aufgaben seien nur in vielfältigen Kooperationen zu bewältigen, für die angesichts schrumpfender Ressourcen in den Archiven keine Kapazitäten zur Verfügung stünden.
An die bis dahin gehaltenen Referate der 1. Sektion der Tagung schloss sich eine lebhafte Diskussion an, die einmal mehr deutlich machte, dass die Herausforderungen einer Überlieferungsbildung zur Beantwortung wirtschaftshistorischer Fragestellungen weit über die Zuständigkeiten eines einzelnen Archivs hinausgehen und daher der Kooperation der Archive untereinander, aber auch zwischen den Archiven und der Wirtschaft selbst bedürfen.
Der zweite Teil der 1. Sektion war zwei Beispielen für den Aufbau und die firmeninterne Nutzung eines Unternehmensarchivs gewidmet: Stefanie Peters, Prokuristin und Mitglied der Eigentümerfamilie der Maschinenbaufirma Neumann-Esser, Übach-Palenberg, schilderte den Anlass und die Motivation zur Gründung eines Firmenarchivs sowie den vielfältigen Nutzen, den ein traditionsreiches Familienunternehmen aus dieser Einrichtung ziehen kann.
Ulrich Melk, Unternehmensarchiv BPW Bergische Achsen KG, widmete sich der Frage „Was gehört in ein Unternehmensarchiv" am Beispiel des von ihm betreuten Archivs. Melk sprach sich für eine an der Nachfrage orientierte Überlieferungsbildung ohne feste Vorgaben aus: der Bestand sei so zu bilden, dass er für den Fall der Fälle die „richtigen" Archivalien enthalte. Er plädiert damit für eine eher intuitiv geleitete Arbeitsweise, da zum Zeitpunkt der Bestandsbildung die prospektive Nachfrage naturgemäß weitgehend spekulativ ist.
Dr. Michael Farrenkopf, Bergbau-Archiv Bochum, wandte sich einem allgemeinen archivischen Problem in einer spezifischen Ausprägung zu: der „Identifizierung, Evaluierung, Verwahrung und Nutzbarmachung von Nachlässen aus der Wirtschaft". In der Konkurrenz der Archive um interessante Nachlässe seien klare Kriterien für die Erwerbspolitik notwendig. Die Profilierung des Bestandes in einem Branchenarchiv müsse sich sowohl in horizontaler Perspektive der ganzen Breite der vertretenen Branche widmen, als auch bemüht sein, in vertikaler Perspektive die vorhandenen Hierarchieebenen und ihre Vertreter in der Überlieferung abzubilden. Die Beschreibung von Kriterien zur Identifizierung von Nachlässen und deren gezielte Auswahl erfordere den Aufbau von Netzwerken, wie sie z.B. Branchenverbände darstellen können. Der Grad der Nutzbarkeit derartiger Netzwerke hänge dann allerdings von der Aktivität, dem Handlungsradius und der Branchenkenntnis des Archivpersonals ab.
In seiner Zusammenfassung der 1. Arbeitssitzung betonte PD Dr. Stremmel, dass ein Vorhaben, Wirtschaft in ihren räumlichen und zeitlichen Bezügen dokumentieren zu wollen, nur in mehreren aufeinander folgenden Schritten zu bewältigen ist: Eine systematische Erfassung der Verhältnisse im Rheinland setzt systematische Nachweise in den jeweiligen archivischen Zuständigkeiten voraus.
Die Voraussetzungen für ein derartiges Vorhaben seien im Rheinland jedoch vergleichsweise gut, da in diesem Raum mit öffentlichen und privaten Archiven, der Archivberatungsstelle und der Stiftung RWWA bereits zahlreiche verschiedenartige Kooperationspartner vorhanden seien.
Im Anschluss an die Arbeitssitzung bestand die Möglichkeit, an Führungen durch das Europäische Gartenkunstmuseum oder das Corps de Logis in Schloss Benrath teilzunehmen. Der Abend klang mit einem Empfang und einem anschließenden gemeinsamen Abendessen aus.
Die 2. Arbeitssitzung am folgenden Tag – moderiert von Dr. Peter Weber, Rheinisches Archiv- und Museumsamt – widmete sich unter dem Thema „Nachweis und Auswertung von Quellen zur Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte" verstärkt der Nutzungsperspektive.
Dr. Beate Battenfeld, Solingen, beschrieb in ihrem Referat „Überlieferungen zur Geschichte rheinischer Unternehmen" zunächst die Schwierigkeiten bei der einer Schleppnetzfahndung gleichenden Recherche zur Geschichte eines Unternehmens, das keine eigene Registratur hinterlassen hat. Daran anschließend forderte sie ein stärkeres Bemühen der Archive, relevante Unterlagen in ihren Beständen zu identifizieren und zu dokumentieren, um Benutzer darauf hinweisen zu können. In diese Dokumentationen müssten noch gesperrte, in Bearbeitung befindliche und sogar noch nicht abgegebene Bestände mit einbezogen werden. Die Akquisition im Bereich der Sammlungen und Nachlässe müsse aktiv von den Archiven ausgehen und auch Produktinformationen eines Unternehmens einschließen. Anleitung und Hilfestellung für die Benutzer seien zu intensivieren.
Frauke Schmidt M.A., Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln, berichtete über „Die Überlieferung von Genossenschaftsbanken: Quellen von zentraler Bedeutung für die lokale und regionale Wirtschaftsgeschichte". Die Herausforderung für die Dokumentation dieser Bestände, die reichhaltiges, aber sehr heterogenes Material bieten (neben den wichtigen Protokollbüchern der Leitungsgremien auch Mitglieder- und Personalakten, Konten- und Hauptbücher, Sparbücher und Fotos, um nur einige zu nennen), besteht in dem seit Jahrzehnten anhaltenden Konzentrationsprozess dieser Institutionen in Folge des Infrastrukturwandels und der Intensivierung der Geschäftstätigkeit. Eines der Ziele eines entsprechenden Projektes im RWWA besteht in der Erarbeitung einer handbuchartigen Quellendokumentation, die die zahlreichen, auf einander folgenden Fusionen und ihre Folgen für die Überlieferung der Genossenschaftsbanken nachvollziehbar machen soll. Ein solches Kompendium ließe sich nicht nur für die Banken- und Wirtschaftsgeschichte, sondern auch für die Ortsgeschichte gewinnbringend nutzen.
Ein Beispiel für den konkreten Nutzen eines Unternehmensarchivs für seinen Träger stellte Mark Stagge M.A., Historisches Archiv Krupp, Essen, in seinem Referat „Historische Topographie: Die Dokumentation von Flächenumnutzungen" vor. Durch die Bestände des Historischen Archivs Krupp konnten die firmeninternen Planungen zu einer erneuten Nutzung von teilweise seit Jahrzehnten nicht mehr genutzten Betriebsflächen wesentlich effizienter gestaltet werden: Vor allem Unterlagen der Firmenabteilung „Liegenschaften" (Flächennutzungs- und Gebäudepläne; Statiken usw.), ergänzt durch rechtlich-administrative Dokumente, die Überlieferung der Stabsstellen und der Rechtsabteilung trugen häufig dazu bei, kosten- und zeitaufwändige Bodengutachten zu vermeiden. Die bestehende gute Überlieferung im Archiv führt also zu einer hohen firmeninternen Nutzung und einer daraus resultierenden hohen Wertschätzung des Unternehmensarchivs.
Die Schlussdiskussion machte deutlich, dass die raumbezogene Dokumentation von Archivalien, die sich zur Bearbeitung wirtschaftsgeschichtlicher Fragestellungen eignen, und deren Zugänglichkeit ein Desiderat ist, dass nur durch eine möglichst systematische Kooperation und Koordination aller Beteiligten (Wirtschaft, Archive und Forschung) zu erfüllen ist. Neben der Sensibilisierung aller Beteiligten für die spezifischen Bedürfnisse der jeweils anderen Partner können ganz konkrete Maßnahmen ein derartiges Vorhaben auf den Weg bringen: Die Wirtschaft muss für den Erhalt von im Tagesgeschäft nicht mehr benötigten Unterlagen sorgen; Archive müssen Bewertungsmodelle erarbeiten und mit Sachinventaren die Nachweisbarkeit von wirtschaftsrelevantem Archivgut herstellen; die Forschung muss ihre wissenschaftlichen Fragestellungen und das zu deren Bearbeitung benötigte Archivgut und Dokumentationsmaterial beschreiben.
Dr. Weber schloss die 2. Arbeitssitzung mit der Mahnung, den Appellen auch Taten folgen zu lassen. Er kündigt an, dass die Ergebnisse der Tagung dokumentiert und auch die Umsetzung der Vorhaben der „Basis", den Archiven im Rheinland, zur Verfügung gestellt werden sollen.
In der aktuellen Stunde wurde zunächst die Bestandserhaltungsinitiative des Landes Nordrhein-Westfalen durch Dr. Hanns-Peter Neuheuser, Rheinisches Archiv- und Museumsamt, vorgestellt. Möglich wurde diese Initiative durch die Verdoppelung des Kulturhaushaltes zur Umsetzung nachhaltiger Maßnahmen. Eines der finanziell und organisatorisch gewichtigsten Vorhaben in diesem Rahmen ist die Massenentsäuerung von Archivgut. Nutznießer dieser Initiative sollen vor allem die nicht staatlichen Archive sein. Zu diesem Zweck wird das Land zunächst 1 Mio. Euro sowie zusätzliches Personal zur Verfügung stellen, um dieses auf fünf Jahre angelegte Projekt in Kooperation mit den Landschaftsverbänden zum Erfolg zu führen. Die Finanzmittel dienen der 70%igen Deckung der Verfahrenskosten. Zur Vor- und Nachbereitung sowie für den Transport des Archivguts werden 100 Stellen aus der Arbeitsverwaltung zur Verfügung gestellt (ALG II-Empfänger).
Unter der Federführung der Staatskanzlei und in Trägerschaft des Landes – vertreten durch das Landesarchiv – und der Landschaftsverbände wird eine Logistikgruppe die operative Steuerung übernehmen. Das Verfahren selbst wird durch die Neschen AG zentral in Brauweiler durchgeführt werden. Vor- und Nachbereitungsarbeiten sollen dezentral in Unterzentren stattfinden, die aus dem Projekt mit Sach- und Personalmitteln ausgestattet werden. Die Archivämter der Landschaftsverbände werden die dezentralen Maßnahme koordinieren und nach bestimmten Kriterien weitere Zuschüsse zur Verfügung stellen können.
Im zeitlichen Ablauf soll dem Aufbau einer Infrastruktur (ab Herbst 2006) die Priorisierung der infrage kommenden Bestände folgen. Die Sichtung des Archivguts wird durch die Gebietsreferenten in den Archivämtern koordiniert, die durch restauratorische Fachkräfte unterstützt werden. Zur Steuerung des Restaurierungsbedarfs wird parallel dazu ein landesweites Schadenskataster aufgebaut werden. Eine Neuregelung der Zuschussfähigkeit ermöglicht auch die Bezuschussung von Restaurierungsmaßnahmen, die der Vorbereitung der Einzelblatt-Entsäuerung dienen. Zu diesem Zweck sind Zuschüsse der Landschaftsverbände sowie aus einem besonderen Förderfond vorgesehen.
Kritische Nachfragen ergaben sich vor allem zur Konzentration auf die Massenentsäuerung und die Festlegung auf die Neschen AG als externem Dienstleister; auch sei der Eigenanteil der Archive immer noch zu hoch. Zudem sei eine „belastbare" schriftliche Grundlage zur Vorlage bei den Archivträgern erforderlich.
Prof. Dr. Wilfried Reininghaus stellte klar, dass die Neschen AG in einem regulären Prüfverfahren als der einzige Anbieter ermittelt wurde, der die Anforderungen an das Verfahren erfüllen konnte. Des weiteren bekräftigte er die Forderung nach einer schriftlichen Entscheidungsgrundlage, für die allerdings die Staatskanzlei als Trägerin der Maßnahme zuständig sei; hier habe es durch die Beteiligung der Arbeitsverwaltung Verzögerungen gegeben. Er rief zugleich dazu auf, die positiven Aspekte in den Vordergrund zu stellen. Dr. Norbert Kühn, Rheinisches Archiv- und Museumsamt, schloss einen vehementen Appell in der gleichen Richtung an: Die zum Teil berechtigte Kritik sei angesichts dieses bisher nie da gewesenen Angebots des Landes zurückzustellen, um das Gesamtprojekt nicht zu gefährden. Kritiker sollten sich konstruktiv in das Projekt einbringen, um im Rahmen einer „Politik der kleinen Schritte" die Zielsetzung des Vorhabens in den nächsten Jahren zu erreichen.
Anschließend berichtete Prof. Dr. Wilfried Reininghaus, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, über das von der DFG mit einer Laufzeit von zehn Jahren geförderte Projekt „Retrokonversion von Findmitteln". Die Vorbereitungsphase sei erfolgreich verlaufen, so dass die Umsetzung ab 2007 in die „Fläche gehen" könne. Als koordinierende Geschäftsstelle wird ein DFG-Kompetenzzentrum eingerichtet werden, das die Archive mit dem Ziel der Einheitlichkeit der Austauschformate beratend unterstützen wird. Die Förderquote wird 10% der Konversionskosten betragen; die online-Stellung der konvertierten Findmittel wird erwartet. Erklärtes Ziel sei auch die Nutzbarkeit durch die Masse der kleinen und kleinsten Archive.
In engem inhaltlichen Zusammenhang mit dem Vortrag ihres Vorredners stand die Vorstellung des erweiterten und neu gestalteten Portals „archive.nrw.de" durch Dr. Martina Wiech, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen: Denn eine der wesentlichen Neuerungen des Portals, das durch das Landesarchiv getragen und durch das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS) programmiert wurde, besteht in der Möglichkeit, dort elektronische Findmittel für die online-Recherche einzustellen. Die Bestellfunktion aus der Beständeübersicht heraus ist optional. Zunächst werden die bisherigen Inhalte in das neue System migriert. Die zukünftige Pflege des Systems basiert auf zwei Säulen: einer Datenbank und einem Content Management System (CMS). Beide Bereiche können durch die beteiligten Archive selbst betreut werden – wie es heißt - mit größerem Komfort und mehr Gestaltungsfreiheiten als dies bisher der Fall war. Wenn das System im Herbst online geht, wird es Schulungsangebote durch das LDS geben. Ansprechpartner für alle mit dem neuen Portal in Zusammenhang stehenden Fragen ist die Abteilung 2 des Landesarchivs.
Die aktuelle Stunde schloss mit einem Bericht von Dr. Bettina Bouresh, Archiv des Landschaftsverbands Rheinland, zu einer archivpädagogischen Initiative des Rheinischen Archiv- und Museumsamtes und der Fachstelle für Regional- und Heimatgeschichte im LVR in Kooperation mit den Universitäten Köln und Düsseldorf. Die im Rahmen des Bologna-Prozesses aufzubauenden Bachelor- und Master-Studiengänge im Fach Geschichte erfordern Studien begleitende Praktika. Zur Koordinierung und inhaltlichen Vorbereitung dieser Praktika ist für den Juli die Durchführung eines dreitägigen Seminars mit dem Titel: „Einführung in die Archivkunde" geplant. Im Anschluss an dieses Seminar werden die Teilnehmenden jeweils vierwöchige Praktika in verschiedenen rheinischen Archiven absolvieren, um sich danach zu einer gemeinsamen Auswertung wieder zusammenzufinden. Das Ziel ist die Erarbeitung eines Pilot-Konzeptes, das übertragbar und ausbaufähig ist.
Dr. Kühn beendete die Tagung und kündigte den 41. Rheinischen Archivtag 2007 in Brauweiler an.
Dr. Florian Gläser; Pulheim-Brauweiler
