Landschaftsverband Rheinland - Qualität für Menschen

41. Rheinischer Archivtag

9.-10. August 2007 in Pulheim-Brauweiler

Banner des 41. Rheinischen Archivtags im Prälaturhof der ehemaligen Abtei BrauweilerAm 9. und 10. August fand der Rheinische Archivtag zum 41. Mal statt, in diesem Jahr in der historischen Abtei Brauweiler. Die beiden Tage standen unter dem Thema "Die rheinischen Kommunalarchive – Herausforderungen des 21. Jahrhunderts". Dieses Motto zog mehr als 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem ganzen Rheinland an, ein Zeichen für die Aktualität der gewählten Schwerpunkte.

Eröffnung

Milena Karabaic, Landesrätin „Kultur und Umwelt" beim Landschaftsverband Rheinland, eröffnete die Veranstaltung. Der Bürgermeister der Stadt Pulheim, Dr. Karl August Morisse, richtete herzliche Grußworte an die Gäste, und Peter Landmann, Staatskanzlei des Landes NRW, gab einen kurzen Überblick über archivische Aspekte der Landeskulturpolitik.

Erste Arbeitssitzung: Aufgabenkanon und Aufgabenerledigung
Moderiert von Drs. Bert Thissen, Stadtarchiv Kleve.

Dr. Ernst-Otto Bräunche, Vertreter der Bundeskonferenz der Kommunalarchive (BKK), zeigte Trends im Archivwesen des 21. Jahrhunderts auf und sprach besonders die Notwendigkeit der Kooperationen zwischen staatlichen und kommunalen Archiven bei Überlieferungsbildung und Bewertung an. Dies dürfe kein Tabu sein, Aktenübernahmen von in Staatsarchiven als kassabel bewerteten Unterlagen in Kommunalarchive seien aufgrund der unterschiedlichen Dokumentationsziele durchaus vorstellbar. Bräunche verwies dabei auf das Beispiel Baden-Württembergs im Bereich der Schulen.

Dr. Andreas Berger, Kreisarchiv Kleve, stellte in seinem Vortrag Übernahme und Schrift-gutverwaltung die Abläufe und Arbeitsprozesse in einem Zwischenarchiv vor. Durch die Beteiligung des Archivs an der Schriftgutverwaltung, die auf Grundlage des KGST-Aktenplans erfolgt, können ganze Aktengruppen prospektiv und Sachakten nur anhand von vorgeschriebenen Abgabelisten bewertet werden.

Dr. Peter Weber, Rheinisches Archiv- und Museumsamt (RAMA), verwies in seinem Vortrag Überlieferungsbildung: werten und ergänzen auf bestehende Probleme in der gängigen Bewertungspraxis und zeigte so die Notwendigkeit, ein Dokumentationsprofil als handhabbares Hilfsmittel für Kommunalarchivare zu entwickeln, mit dem die lokale Lebenswirklichkeit über die reine Verwaltungstätigkeit hinaus abgebildet werden kann. Am Beispiel des vom Arbeitskreis Überlieferungsbildung bei der BKK erarbeiteten Musterdokumentationsprofils für den Bereich Politik erörterte er, dass nur amtliche und nichtamtliche Überlieferung zusammen ein realitätsnahes lokales Abbild ergeben.

Dr. Arie Nabrings ging in seinem Referat Verwahren, Erhalten, Instandsetzen zunächst auf grundsätzliche Fragen und präventive Maßnahmen zur Bestandserhaltung ein. Angestoßen durch die Landesinitiative "Substanzerhalt" wurden in den letzten Jahren fünf Kompetenzzentren zur Massenentsäuerung aufgebaut, in denen Archive mit Unterstützung der Landschaftsverbände ihre Bestände entsäuern lassen können. Weiterführende Informationen können bei den Archivberatungsstellen erfragt werden.

Das anschließende Podiumsgespräch Fit für die Zukunft – Archivische Fort- und Weiterbildung wurde von Dr. Urs Diederichs, Stadtarchiv Remscheid, moderiert. Adelheid Rahmen-Weyer M.A., RAMA, berichtete einleitend über die Entwicklung der Fortbildungsangebote der Archivberatungsstelle. Deren Themen reichen von klassischen Aspekten der Archivistik bis hin zu Fragestellungen, die moderne Medien betreffen, wobei die Nachfrage zu letzteren in den letzten Jahren deutlich angestiegen ist. Thilo Martini M.A., ebenfalls RAMA, stellte das Fortbildungsprogramm der Museumsberatung vor. Er drückte die Hoffnung aus, dass in Zukunft Archive und Museen in einen engeren fachlichen Austausch treten und zunehmend Kooperationen anstreben. Blick ins Auditorium; Foto kann in einem neuen Fenster vergrößert werdenIn der folgenden Diskussion mit dem Publikum wurde einerseits der Ruf auch nach verstärkter Abstimmung der Fortbildungsprogramme zwischen den beiden Landschaftsverbänden Rheinland und Westfalen-Lippe laut, andererseits zeigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Interesse an Themen, die über die eigentliche archivische Kernarbeit hinausgehen, wie zum Beispiel Mitarbeiterführung, Fundraising und Umgang mit dem Neuen Kommunalen Finanzmanagement (NKF). Eine dezentrale Durchführung der Fortbildungen könnte diese zudem näher an die Kunden, die Archivare vor Ort, heran bringen.

Elisabeth Kremers, Stadtarchiv Krefeld, berichtete in ihrem Vortrag Erschließen aus dem Alltag eines mittelgroßen Stadtarchivs, in dem aufgrund der schwierigen personellen Situation kaum noch eigentliche Verzeichnung betrieben wird. Um so zentraler in ihrer Bedeutung sind daher die Abgabelisten der Verwaltung. Das Krefelder Stadtarchiv verzichtet gänzlich auf die Erstellung klassischer Papierfindbücher und setzt vollkommen auf die Erfassung der Bestände in Datenbanken. Jedoch wuchsen die komplett unerschlossenen Bestände in den letzten Jahren an, so dass derzeit über eine provisorische, oberflächliche Verzeichnung nachgedacht wird. Elisabeth Kremers wies abschließend darauf hin, dass sich in Krefeld der Verkauf von Bilddateien zu einem geringen Stückpreis bewährt habe: Einerseits sei dem Archiv so eine zusätzliche Einnahmequelle erschlossen worden, andererseits sei es eine gute Möglichkeit, Bürger als Kunden des Archivs zufrieden zu stellen.

Dr. Norbert Schloßmacher, Stadtarchiv Bonn, referierte über die Entwicklung bei Nutzung und Auswertung von Archivgut in den letzten Jahren. Er konstatierte einerseits eine zunehmende Quantität, andererseits eine abnehmende Qualität der Benutzung. Dies hänge eng mit dem Rückgang von Benutzern aus dem wissenschaftlichen Umfeld, vor allem den Universitäten, zusammen. Erfolgreich seien leicht verdauliche Sammlungsbestände, Fotodokumentationen und die beliebten Zeitungen. Diese publikumswirksamen Bestände sicherten die Existenzberechtigung der Archive in der Wahrnehmung von Bürgern und Politikern. Für die Zukunft postulierte er die Notwendigkeit, dass Archive offensiv auf Bildungseinrichtungen wie Schulen, Volkshochschulen und Universitäten zugehen, um auch die qualitative Nutzung und Auswertung der Bestände zu sichern.

Die anschließende Diskussion zur ersten Tagungssitzung verdeutlichte die große Übereinstimmung darüber, dass neue Wege in der Archivarbeit zu gehen sind, beispielsweise durch Kooperationen und public-private-partnerships, und dass Archivare ihrerseits durch offensives Auftreten den Stand ihrer Einrichtungen in der Öffentlichkeit festigen müssen.

Eine Führung durch die ehemalige Abtei Brauweiler, ein Konzert in der Abteikirche St. Nikolaus und ein Abendessen im historischen Kaisersaal ließen den Abend ausklingen.

Zweite Arbeitssitzung: Archivische Rahmenbedingungen
Moderiert von Dr. Angela Faber, Landkreistag NRW.

Andreas Wohland, Städte- und Gemeindebund NRW, leitete den Tag ein mit einem Vortrag zum Thema NKF und seine Auswirkungen auf die Archive. Der Referent umriss zunächst die Entwicklung des Neuen Kommunalen Finanzmanagements und erklärte, dass Archive dem Produktbereich „Kultur und Wissenschaft" zugeordnet sind. Ob Archive innerhalb des kommunalen Haushaltes ein eigenes Produkt darstellen bzw. sogar noch in Einzelprodukte unterteilt werden sollen, sei letztlich die Entscheidung jeder einzelnen Kommune. Er wies darauf hin, dass Archivgut im Sinne eines umfassenden Vermögensbegriffs durchaus als Vermögen gilt, aber in der Regel mit einem symbolischen Erinnerungswert von einem Euro angesetzt werden kann. Er betonte, dass die finanzielle Bedeutung von der kulturellen deutlich zu trennen sei. Wohland geht davon aus, dass sich die Auswirkungen der Einführung von NKF auf die Archive in Grenzen halten werden. An der Ansetzung des Kulturgutes mit einem Euro entzündete sich eine Diskussion hinsichtlich der rechtlichen Möglichkeiten zur Veräußerlichkeit von Kulturgut, um kommunale Haushalte zu sanieren.

Reiner Schiparowski, Gemeindeprüfungsanstalt NRW, stellte in seinem Vortrag Wirtschaftlichkeitsaspekte in kommunalen Kultureinrichtungen zunächst die Arbeit der GPA vor, die vor allem aus den drei Säulen Beratung, Prüfung und Service bestehe. Er machte deutlich, dass der Bereich „Kultur, Bücherei, VHS" ein optionales Prüfgebiet sei und dass Prüfungen im Archivwesen in der Regel lediglich anlassorientiert erfolgten. Die Prüfung der Wirtschaftlichkeit werde auf vergleichender Basis zwischen Kommunen gleicher Größenordnung vorgenommen.
Dies sorgte dann auch in der sich anschließenden Diskussion für kritische Nachfragen, da Archive vergleichbarer Träger nicht notwendigerweise vergleichbare Bestände haben und überdies beim Vergleich reinen Zahlenmaterials die möglicherweise sehr unterschiedlichen archivischen Leistungsstandards unberücksichtigt bleiben.

Podiumsgespräch; von links nach rechts: Dr. Angela Faber, Raimund Bartella, Eva Kniese, Prof. Dr. Clemens Graf von Looz-Corswarem; Foto kann in einem neuen Fenster vergrößert werdenEhrenamt im Archiv – Grenzen und Möglichkeiten war das Thema des Podiumsgesprächs, bei dem Eva Kniese, Stadtarchiv Mülheim, Prof. Dr. Clemens Graf von Looz-Corswarem, Stadtarchiv Düsseldorf, und Raimund Bartella, Städtetag NRW, über ihre Erfahrungen mit ehrenamtlichen Kräften im Archiv berichteten. Die Teilnehmer stimmten darin überein, dass ehrenamtlichen Mitarbeitern keine archivischen Kernaufgaben übertragen werden sollten, sie jedoch durchaus nach kurzer Einführung fachlich ergänzende Tätigkeiten, die ihren Interessen entgegen kommen, übernehmen können. Vorraussetzungen seien im Allgemeinen eine klare Ziel- und Qualitätsdefinition und im Besonderen die Einrichtung eines Arbeitsplatzes mit Computer sowie die Gewährleistung des Versicherungsschutzes der Ehrenamtlichen während der Ausübung ihrer Tätigkeiten. Das Archiv müsse sich im Klaren sein, dass der Einsatz ehrenamtlicher Kräfte zwar Entlastung für die Mitarbeiter bringen könne, aber auch ein nicht unerheblicher Betreuungsaufwand notwendig sei.

Aktuelle Stunde

In der abschließenden Aktuellen Stunde wurde noch einmal kurz auf die Initiative "Substanzerhalt NRW" sowie das Projekt "Archiv und Jugend" hingewiesen. Ministerialrätin Rita Bung, Staatskanzlei, informierte über Eckpunkte des Diskussionsstandes bezüglich der Novellierung des Archivgesetzes NRW. Dr. Florian Gläser stellte die neu gestaltete Homepage des Rheinischen Archiv- und Museumsamtes vor. Auf der neuen Seite ist es nun möglich, sich in den Newsletter-Verteiler einzutragen, um regelmäßig über Neuigkeiten aus dem rheinischen Archivwesen informiert zu werden. Dr. Gläser ermunterte alle anwesenden Archivarinnen und Archivare, diesen Newsletter auch als Plattform für eigene Projekte und Informationen zu nutzen.

In seinem Schlusswort dankte Dr. Arie Nabrings allen Teilnehmenden und Referenten der beiden Tage. Frau Tina Oostendorp lud zum 42. Rheinischen Archivtag am 5. und 6. Juni 2008 nach Rees ein.

Eine Veröffentlichung der Beiträge des 41. Rheinischen Archivtags ist geplant.

Katrin Clever
Angelika Neugebauer

Pulheim-Brauweiler

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