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Der 42. Rheinische Archivtag fand am 5. und 6. Juni 2008 in Rees, der ältesten Stadt am unteren Niederrhein, statt. Beide Tage waren dem Thema „Filmarchivierung" gewidmet. Rund 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten der Einladung des Landschaftsverbandes Rheinland – Rheinische Archivberatung / Fortbildungszentrum Brauweiler (RAFo) – in das Bürgerhaus der Stadt Rees, um Erfahrungen im archivischen Umgang mit Filmmaterial auszutauschen.
Dr. Arie Nabrings, Leiter der/des RAFo in Pulheim-Brauweiler, heißt stellvertretend für Milena Karabaic, Dezernentin für Kultur und Umwelt des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), alle Gäste des Archivtages willkommen, dankt im Namen des LVR dem Bürgermeister für die Gastfreundschaft und den Organisatoren, hier besonders Stadtarchivarin Tina Oostendorp, für die ausgezeichnete Zusammenarbeit bei der Vorbereitung der Tagung.
Er begründet die Auswahl des diesjährigen Themas damit, dass rheinische Archive immer mehr Filmmaterial verwahren, gleichwohl die wenigsten Archivarinnen und Archivare mit Filmarchivierung vertraut sind. Nach einer kurzen Einführung in den Programmablauf begrüßt Dr. Bruno Ketteler, Bürgermeister der Stadt Rees, herzlich die Gäste und äußert sich in der gebotenen Kürze zur geschichtsträchtigen Stadt Rees und ihrem heutigen Profil.
Das Grußwort des kurzfristig verhinderten Präsidenten des Landesarchivs NRW in Düsseldorf, Prof. Dr. Wilfried Reininghaus, übermittelt Dr. Martina Wiech mit Verweis auf die große Bedeutung der Filmarchivierung, ohne die die Archive in Zukunft nicht auskommen werden.
In seinem Eröffnungsvortrag „Die Bedeutung des Films im Spektrum historischer Quellen – Die volkskundliche Filmdokumentation des Amtes für rheinische Landeskunde" stellt Dr. Berthold Heizmann von der Rheinischen Landeskunde (LVR) in Bonn die Filmarbeiten einer Dienststelle des Landschaftsverbandes Rheinland vor. In Zusammenarbeit mit der Landesbildstelle Rheinland in Düsseldorf, später mit dem Medienzentrum Rheinland in Düsseldorf wurden seit 1962 etwa 270 Filme produziert, die alltägliche Phänomene im Rheinland festhalten. Die Hauptthemen, mit denen sich die Filme, die das Gedächtnis der Alltagskultur im Rheinland bilden, beschäftigen, sind Bräuche, handwerkliche und ländliche Arbeit, Industrie und Alltagsleben. Als praktisches Beispiel der Filmproduktion führte Dr. Heizmann einen Filmausschnitt von „Blau brennt gelb" aus dem Jahr 2006 über Tonbergbau im Rheinland vor.
Hans Hauptstock vom WDR Köln, Abteilung Dokumentation und Archive, berichtet über das Thema „Archivischer Umgang mit Filmmaterial". Seinen Beitrag teilt er in sechs Unterkapitel auf: 1. Format und System, 2. Trägermaterial, 3. Schadensarten, 4. Umgang mit Filmen, 5. Langzeitarchivierung und 6. Sanierung/Überspielung. Die einzelnen Themen werden ausführlich erläutert, die wichtigsten Begriffe anschaulich erklärt, Schadensbilder und Konservierungsmöglichkeiten aufgezeigt (z.B. das Essigsyndrom). Ein so genannter „Preservation Calculator" rechnet aus, wie viele Jahre ein Film bei bestimmter Temperatur und relativer Luftfeuchtigkeit haltbar ist. Der Beitrag schließt mit einem Hinweis auf das Filmmuseum in Düsseldorf, wo auch fremde Filme fachgerecht deponiert werden können.
Dipl.-Ing. Klaus Pollmeier, Mitarbeiter für „Konservierung Neuer Medien und Digitaler Information" an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart macht in seinem Beitrag „Von VHS und U-MATIC zu JPEG2000? Zur Archivierung von Videoaufzeichnungen und neuen Berufsbildern" deutlich, dass das technische Verständnis vieler Archivarinnen und Archivare infolge fehlender Ausbildungsinhalte nicht ausreichend sei. Die finanziellen Herausforderungen und der Arbeitsaufwand würden oft unterschätzt. Pollmeier empfiehlt daher, externe Dienstleister als Spezialisten mit ins Boot zu holen, und verweist in diesem Zusammenhang auf einen neuen Masterstudiengang an der ABK in Stuttgart („Konservierung Neuer Medien und Digitaler Informationen"), dessen Schwerpunkt auf dem langfristigen Erhalt von Fotografien, Videos und digitalem Archiv-, Bibliotheks- und Museumsgut liege.
Dr. Arie Nabrings, RAFo, stellt in seinem Beitrag „Filmarchivierung im Rheinland – Ein Verfahrensvorschlag" ein Kooperationsprojekt der/des RAFo und des Medienzentrums Rheinland in Düsseldorf in Zusammenarbeit mit dem Filmmuseum Düsseldorf vor, das auf breiter Basis die historischen Filmbestände in rheinischen Archiven sichern und erschließen möchte. Danach könnte die digitale Kopie eines Filmes in einer zentralen Datenbank digital archiviert, ausgewählte Filme auch neu aufgearbeitet, die analoge Kopie und das restaurierte Original im Filmlager des Filmmuseums in Düsseldorf sicher verwahrt werden.
Die daran anknüpfende Diskussion dreht sich um die Wahrung der Rechte des Urhebers und um Nutzungsgebühren, aber auch um generelle Fragen der Bewertung und Erschließung von Filmen.
Das Auditorium teilt sich in vier Gruppen und besucht im Rotationsverfahren 4 verschiedene Arbeitsstationen.
In der ersten Station „Digitalisierung historischer Bildbestände im Medienzentrum Rheinland" skizziert Markus Nemitz, Sachgebietsleiter Fotografie/Fotoarchiv und Fotografenmeister, ein Projekt, bei dem fast 16 000 Glasnegative aus der Gutehoffnungshütte in Oberhausen mit maßgeschneidertem Scannsystem gescannt wurden. Die Glasplatten mit Maßen von 6 mal 7 cm bis 30 mal 40 cm werden konservatorisch behandelt, digitalisiert und dokumentiert. Nemitz schildert anschaulich die zahlreichen technischen Probleme und ihre Bewältigung, die die Bearbeitung dieses großen und stark beschädigten Bestandes mit sich brachte.
In der Station „Archivierung, Erschließung und Vermittlung historischer Filme in Westfalen" schilderten Dr. Volker Jacob und Dr. Ralf Springer aus dem LWL-Medienzentrum für Westfalen die Erfahrungen mit Filmarchivierung beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Seit 18 Jahren sammelt, sichert und erschließt das Filmarchiv des LWL Bild-, Film- und Tonmaterial. Den Bestand bilden vor allem Amateurfilme und semiprofessionelle Filme, seltener ist ein gestalteter Film vertreten.
In der Station „Einblicke in die Praxis der Filmrestaurierung" führt Martina Werth-Mühl von der Abteilung Filmarchiv des Bundesarchivs in Berlin zusammen mit einem Kollegen aus Koblenz einige praktische Beispiele der Beschädigung von Filmen (z. B. Nitrofilme) vor. Aus der langjährigen Erfahrung des Bundesarchivs im Umgang mit Filmen erhält das Publikum einschlägige Hinweise zum Stand der Filmkonservierung und ist Zeuge einzelner kleinerer praktischer Konservierungsanwendungen.
In der letzten Station „Abtastung, Migration und Sicherung von Filmbeständen" beschrieben Tony Tintes, Geschäftsführer der Firma eins:eins medienproduktion GmbH, und Christian Journet, french connexion, die Dienstleistungen der beiden Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, die unterschiedlichen Filmformate (35 mm, 16 mm) digital abzutasten und je nach Verwendungszweck auf Bandspeichersystemen abzuspeichern (HDCam oder HDCam-SR). Von dieser Plattform erfolgen die weiteren Schritte, vornehmlich das Encoding und eine serverseitige Speicherung der Daten, die von hier aus komfortabel inhaltlich erschlossen und distribuiert werden können.
Der erste Tag endet mit einem Stadtrundgang, der Besichtigung des kürzlich erst bezogenen neuen Archivgebäudes der Stadt Rees und einer kulinarisch angereicherten Schiffstour auf dem Rhein.
In der zweiten Arbeitssitzung stellt Prof. Dr. Manfred Rasch, Leiter des ThyssenKrupp Konzernarchivs in Duisburg, in seinem Beitrag „IndustrieFilm Ruhr – Historische Öffentlichkeitsarbeit der Ruhrgebiets-Wirtschaftsarchive", eine Veranstaltungsreihe vor, die seit dem Jahr 1997 alle zwei Jahre stattfindet. Verschiedene Filme aus den Wirtschaftsarchiven im Ruhrgebiet, die zuvor erschlossen wurden, werden im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe präsentiert – unter reger Diskussionsbeteiligung der Zuschauer, die mitunter auch die Gelegenheit nutzen, den Film noch näher zu beschreiben und zu identifizieren.
Über „Digitale Speicherung von Filmen am Beispiel des Filmforums Duisburg" referiert Kai Gottlob, Geschäftsführer der filmforum GmbH – Kommunales Kino & filmhistorische Sammlung der Stadt Duisburg. Das filmforum besitzt eine umfangreiche Filmsammlung. Das Filmmaterial wird dem Publikum zugänglich gemacht und in die Öffentlichkeit verbreitet. Gottlob erklärte eine technisch komplizierte Methode der Abtastung (2K Format) und Speicherung (DPX Einzelbilder) des Filmes. Dieses Verfahren ermöglicht eine Wiederherstellung des Filmes in vielen Formaten (16 mm, VHS, digital).
Verena Kinle berichtet über „Die Praxis der Filmerschließung am Beispiel des Hauptstaatsarchivs Düsseldorf", wo die Erschließung mit dem Datenbankprogramm VERA erfolgt, deren Verzeichnungsmaske ausführlich vorgestellt wird.
Die Aktuelle Stunde moderiert Dr. Peter Weber, RAFo. Zum ersten Thema „Novellierung des Personenstandsgesetzes" fasst Prof. Dr. Wilfried Reininghaus, Präsident des Landesarchivs NRW, in einem kurzen Statement die wichtigsten Änderungen für Kommunalarchive und Personenstandsarchive zusammen. Der Vorschlag für NRW, die Erstbücher bei den Kommunen zu belassen und künftig in den Kommunalarchiven vor Ort zu verwahren, die Zweitbücher den Personenstandsarchiven anzubieten, findet allgemeine Zustimmung. Bezüglich Sperrfristen und personenstandsrechtlichen Auskünften durch die Archive besteht noch Klärungsbedarf.
Über den Wettbewerb "Archiv und Jugend" berichtet Dr. Erika Münster-Schröer, Leiterin des Stadtarchivs Ratingen, wo dieses Projekt erfolgreich durchgeführt und von den Jugendlichen mit großem Engagement angenommen wurde. Bei der Bearbeitung des Themas „Immobilien und Wohnverhältnisse" haben diese auf verschiedene Art das Archiv kennengelernt und mit Akten und Schriftstücken gearbeitet, die teilweise in alter deutscher Schrift verfasst waren. Dr. Peter Weber appelliert an das Auditorium, sich auch an dem künftigen Wettbewerb zu beteiligen und bis zum 30. Juni formlose Projektanträge beim RAFo einzureichen.
Der geplante Aufruf des Landessportbundes Düsseldorf an die rheinischen Archive, sich an der „Archivierung von Vereinsschriftgut" zu beteiligen, ist leider auf Grund der aktuellen Umorganisation beim Landessportbund ausgefallen. Dr. Weber erläutert kurz das Modell, zu dem bereits Multiplikatorenveranstaltungen in den beiden Archivberatungsstellen stattgefunden haben.
Dr. Florian Gläser, RAFo, referiert die Ergebnisse einer gemeinsam mit der westfälischen Archivberatung durchgeführten Umfrage, die den Fortbildungsbedarf zum archivischen Umgang mit digitalen Daten ermittelte. Er konstatiert, dass das Interesse vieler Kommunalarchive gering sei, sich überhaupt mit der Thematik auseinander zu setzen, was man an dem geringen Rücklauf der Umfrage ablesen könne. Dem gegenüber stehe ein erheblicher Fortbildungsbedarf, da die meisten Kolleginnen und Kollegen, die sich an der Umfrage beteiligten, ihre eigenen Kenntnisse als eher gering einstuften. Eine genauere Auswertung der Umfrage stehe aber noch aus.
In seiner Vorstellung als neuer Leiter der Papierrestaurierungswerkstatt, die ab 1. Juni 2008 wieder zur Rheinischen Archivberatung zurückkommt, geht Volker Hingst, Dipl.-Restaurator auch auf die Dienstleistungen der Mikrofilmstelle in Brauweiler ein und verweist auf den frisch gedruckten Flyer.
Dr. Bettina Bouresh, RAFo, Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, kündigt die sich in Vorbereitung befindende Ausstellung „200 Jahre Hebammenwesen im Rheinland" an, deren Eröffnung im Historischen Archiv der Stadt Köln für Mai 2009 vorgesehen ist. Weiter verweist sie auf die Möglichkeit der Ausleihe von zwei schon laufenden Wanderausstellungen, zum einen die Ausstellung „Gemeinsam ganz normal", die das Leben von behinderten Menschen schildert, zum anderen die Ausstellung „Riss durchs Leben", die den ehemaligen Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine gewidmet ist.
Prof. Dr. Leo Peters, Kulturdezernent des Kreises Viersen lädt zum 43. Rheinischen Archivtag nach Viersen ein.
Mit der Empfehlung von Dr. Arie Nabrings, die Tagung, das Thema Film ernster als bisher zu nehmen, und seinem Dank an alle, die zum Gelingen des Archivtages beigetragen haben, endete der 42. Rheinische Archivtag.
Mgr. Ivana Zelek, RAFo