Landschaftsverband Rheinland - Qualität für Menschen

Rheinischer Archivtag 2005

2. / 3. Juni 2005 in Kerpen

Der diesjährige Rheinische Archivtag beschäftigte sich zum einen mit dem Thema „Archive und Denkmalpflege" und zum anderen mit den „Überlieferungen zur kommunalen Geschichte in Adels- und Kirchenarchiven". War die Thematik der zweiten Arbeitssitzung den erfahrenen Archivmitarbeiterinnen und -mitarbeitern durchaus vertraut, führte die erste Arbeitssitzung viele in „Neuland": eine Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Archiven und Denkmalpflege ist immer noch nicht selbstverständlich und wird doch als dringend notwendig angesehen. Beide Sparten sind einem gemeinsamen Ziel verpflichtet: zu entscheiden, was für die kommenden Generationen als erhaltenswert beurteilt wird. Dabei können beide Seiten voneinander profitieren, müssen aber für diese Frage erst sensibilisiert werden.

Der Archivtag wurde eröffnet von dem scheidenden Landesrat Dr. Gert Schönfeld, Landschaftsverband Rheinland. Er hatte sich die Grundsatzfrage, ob eine solche Veranstaltung noch zeitgemäß sei, positiv beantwortet: Es gingen wichtige Impulse von dieser Tagung aus, neue Themen würden kommuniziert und Begegnung schaffe Kooperation.

Die Grußworte der gastgebenden Stadt überbrachte Bürgermeisterin Marlies Sieburg. Sie ging auf die Geschichte der Stadt ein und wies darauf hin, dass der berühmteste Sohn der Stadt nicht der Rennfahrer Wolfgang Graf Berghe von Trips, sondern Adolf Kolping sei.

Auf zwei Ausstellungen wies die Bürgermeisterin hin: die Fotoausstellung „Kriegsende in Kerpen" und die historische Ausstellung im Stadtarchiv „Kerpen in Spanien".

Prof. Dr. Wilfried Reininghaus betonte die enge Zusammenarbeit mit der Abteilung Archivberatung, vor allem in der Frage der Bestandserhaltung. Er verwies auf das gemeinsame Dach, das Landesarchivgesetz NW, das Kulturgutschutzgesetz und auf zwei wichtige gemeinsame Arbeitsschwerpunkte: die Benutzerbetreuung und die Zukunft der verwaltungsinternen Ausbildung.

Die 1. Arbeitssitzung, moderiert von Dr. Peter Weber, widmete sich dem Thema „Archive und Denkmalpflege".

Den programmatischen Einstieg machte Dr. Ludger J. Sutthoff, Rheinisches Amt für Denkmalpflege, mit dem Thema „Vom Werden eines Denkmals". Er hatte seinen Vortrag in fünf Sachbereiche eingeteilt.

- Archivwesen und Denkmalpflege sind in einer „Partnerschaft" verbunden. Beide - Archive und Denkmäler - sind Kulturdenkmäler. Sie haben gemeinsame Themenkomplexe. Eine ordentliche Archivpflege ist Voraussetzung für eine ordentliche Denkmalpflege.

- Die Komplexität von Archivbestand und Denkmalbestand macht fachlichen Sachverstand unbedingt notwendig. Der Referent forderte einen „Umgebungsschutz" für Archivgut und Denkmalbestand. Er erläuterte das am Beispiel eines schlecht gelagerten Archivbestands zur Baugeschichte einer Stadt. Der Wert von Baudenkmälern erschließt sich erst in der Auswertung aller erdenklichen Quellen.

- Archivgut ist eine Quelle des Wissens für die Denkmalpflege. Wer Archivgut aufgibt, gibt letztlich auch denkmalwerte Gebäude auf.

- Ein besonderes Problem ist die Tatsache, dass die Entstehung eines Denkmals ein Prozess ist. Denkmalschutz ist unabhängig vom Alter, daher ist die Vermittlung des Denkmalwertes bei jungen Denkmälern schwierig.

- Mit Blick in die Zukunft von Archivwesen und Denkmalpflege warnte er davor, dass die Fehler bei der heutigen Denkmalpflege von zukünftigen Generationen zu tragen seien. Der Verlust eines Unikats sei - wie im Archivwesen - irreparabel.

Mit seinem Vortrag „15 Jahre Symbiose. Stadtarchivar und Untere Denkmalbehörde in Geldern" bewies Dr. Stefan Frankewitz, Leiter des Stadtarchivs Geldern, dass diese Verbindung in Personalunion sehr erfolgreich und fruchtbar sein kann.

Nach einem historischen Rückblick - wenige durch Clemen eingetragene Denkmäler, große Verluste durch den „Modernisierungsfimmel" nach dem Zweiten Weltkrieg, 1964 einsetzende Inventarisation durch den Landeskonservator - ging er auf die heutige Situation ein. Ab 1971 gab es ein „Schnell-Inventar". Erst mit Inkrafttreten des Landesdenkmalschutzgesetzes 1980 kam den Kommunen als Unterer Denkmalbehörde die Aufgabe der Eintragung in die Denkmallisten zu. Das wurde zögerlich umgesetzt. 1986 stellte die Stadt dann einen „Archivar und Denkmalpfleger" ein. Seine Hauptaufgabe war die Beschreibung der einzutragenden Denkmäler, die seit 1988 in einer neuen Liste erfasst waren. 1990 wurde dazu eine umfangreiche Publikation vorgelegt, die „Die Denkmäler der Stadt Geldern" ausführlich würdigte. Wichtigste Quelle war immer die Bauakte des entsprechenden Objekts mit den entsprechenden Zeichnungen.

Das Fazit des Referenten: Die Besetzung der Denkmalpflege mit Personal aus dem Bauamt macht „den Bock zum Gärtner". Soll Denkmalpflege an der Basis funktionieren, muss jemand damit betraut sein, der den ursprünglichen, originalen Zeugniswert erhalten will. Heute sind Denkmäler nicht einzeln, sondern schon in ihrem Kontext bedroht. Denkmalpflege aus historischer Sicht sollte deshalb ein Anliegen aller Archivarinnen und Archivare sein.

„Zur Dokumentation von Kulturlandschaften" sprach Dr. Thomas Otten, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz. Er erläuterte sehr anschaulich am Beispiel des Modellprojekts der Klosterlandschaft Heisterbach im Siebengebirge die Erstellung von Kulturlandschaftskatastern und Wandelkarten und stellte die entsprechenden Gutachten dar, die zur dreidimensionalen topographischen Aufnahmen führen.

„Zur Dokumentation von Bodendenkmälern" erläuterte Wolfgang Wegener M.A., Rheinisches Amt für Bodendenkmalpflege, zunächst das Denkmalschutzgesetz. Dann stellte er einige Beispiele für die gelungene Zusammenarbeit zwischen Bodendenkmalerfassung und Archiven vor. Ausführlich ging er auf die Zusammenarbeit mit Archiven bei archäologischen Grabungen ein. Hier seien die Altstadtkataster unerlässlich, um etwa in mittelalterlichen Städten eine Grundlage für Substanzerhaltung zu haben. Drei Grabungen wurden intensiver dargestellt. Die Ergebnisse der archäologischen Grabungen im Rheinland gehen in das sogenannte „Ortsarchiv" im Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege, wo sie wie in jedem anderen Archiv verzeichnet werden und dann benutzt werden können.

Den Part „Zur Dokumentation von Baudenkmälern" hatte Dr. Frank Kretzschmar, Rheinisches Amt für Denkmalpflege, übernommen, der Analoges zu der Erfassung von Baudenkmälern vortrug.

Das archivische Dokumentationsprofil zur kommunalen Denkmalpflege der Stadt Kerpen erläuterte sehr anschaulich die Leiterin des Stadtarchivs, Susanne Harke-Schmidt, unter dem Titel „Erhaltenswert aus „hauskundlichen" Gründen". Ihren fundierten Beitrag hatte sie unter vier Grundsatzfragen gestellt:

- Welchen Beitrag können die Archive zur Sicherung der Denkmäler unterschiedlichster Art leisten?

- Wie kann ein Dokumentationsprofil für Archive aussehen?

- Kann man ein „Musterdenkmal" kreieren?

- Welche Quellen bieten sich an?

Die Referentin stellte zunächst den Sachstand in der Stadt Kerpen vor: Es gibt 277 Baudenkmäler. Gründe für die Erhaltung waren wissenschaftliche, architekturgeschichtliche, ortsgeschichtliche, siedlungsgeschichtliche, städtebauliche, hauskundliche, volkskundliche und künstlerische Gründe. Fünf Baudenkmäler stellte sie näher im Beispiel vor: das ehemalige Rathaus, heute Haus für Kunst und Geschichte mit dem Stadtarchiv; ein landwirtschaftliches Anwesen mit Fachwerkwohnhaus von 1774, heute im Besitz der Referentin; die ehemalige Synagoge, heute Wohnhaus; die Wasserburg Hemmersbach, Adelssitz der Familie Berghe von Trips, heute Sitz eines Beratungsunternehmens; die Burg Hemmersbach als Bodendenkmal.

Unterlagen zu Denkmälern finden sich in kommunalen, staatlichen und kirchlichen Archiven, in Adels- und Wirtschaftsarchiven und sonstigen Archiven privater Registraturbildner.

Quellen sind Handzeichnungen, Urkarten und Umrisse, sonstige Kataster oder Flurkarten, Fotos, Zeichnungen und Grafiken, Bauordnungsakten, Akten des Hochbauamtes, sonstige Bauverwaltungsakten, Haushalts- und Rechnungsunterlagen, Steuerakten, Einwohnerlisten, -karteien, Standesregister, Unterlagen über Brandkatastrophen, Pachtverträge, Rats- und sonstige Protokolle und Gerichtsakten.

Die anschließenden Exkursionen führten zu Denkmälern auf dem Stadtgebiet von Kerpen und zu einer Grabung in der näheren Umgebung, bevor man sich auf Schloss Bergerhausen zum gemeinsamen Abendessen zusammenfand.

Die 2. Arbeitssitzung, moderiert von Dr. Wolfgang Schaffer, behandelte das Thema „Überlieferung zur kommunalen Geschichte in Adels- und Kirchenarchiven".

Den Bereich der Adelsarchive behandelte Dr. Hans-Werner Langbrandtner in seinem Vortrag „Lokalgeschichtliche Quellen in Adelsarchiven am Beispiel der Adelsarchive in der Erftregion". Ein Blick auf die Karte zeigt, dass allein 30 Burgen und Schlösser in dieser Region liegen, deren Bestände zum größten Teil nutzbar sind. Von der Struktur her sind sie vergleichbar: Sie spiegeln die Familienverbindungen einer Adelsfamilie wider, enthalten häufig auch die Überlieferungen von landesherrlichen Amts- und Gerichtsbezirken und beinhalten das eigentliche Burg- und Herrschaftsarchiv mit Urkunden und Akten der jeweiligen Lehnsinhaber.

Näher beleuchtet wurden drei Themenkreise, die auf Quellen aus Adelsarchiven beruhen und beispielhaft die lokale Geschichte und Lebenswelt beleuchten: Sie beziehen sich auf den rechtlichen Rahmen des Alltagslebens vor 1800 (Unterherrschaft, Gericht, Gemeinde, Kirche) mit Quellen zur Gerichtsbarkeit, zur Ausübung des Kirchenpatronats, zum Jagdrecht, zur Finanzverwaltung der Gemeinden und zur Steuererhebung, auf die Landwirtschaft (Adeliger Fronhof) mit Überlieferung zum Rechnungswesen der adeligen Haushalts- und Wirtschaftsführung, und auf die Industrialisierung am Beispiel des Braunkohlebergbaus auf der Ville.

Es wurde sehr anschaulich dargestellt, dass die Überlieferung in Adelsarchiven viele Aspekte der Landes-, Regional- und Ortsgeschichte sowie der Wirtschafts- und Sozialgeschichte dokumentiert.

In seinem grundlegenden Vortrag „Zum Quellenwert von Pfarrarchiven für die Stadt- und Gemeindegeschichte" zeigte Dr. Ulrich Helbach, Historisches Archiv des Erzbistums Köln, den großen Reichtum an Informationen, die diese Archive bieten. Bei seiner Untersuchung verknüpfte er die Aspekte der Überlieferungsstrukturen mit den inhaltlichen Erkenntnismöglichkeiten. Dazu nahm er drei Ebenen in den Blick: die Frage nach dem Vorkommen und dem zeitlichen und inhaltlichen Überlieferungshorizont; die unterschiedlichen Formen des Schriftguts und seine provenienzmäßige Einordnung in die pfarrliche Überlieferung; die Differenzierung der Pfarrarchive und ihrer Quellen mit ihrer Aussagekraft für die Stadt- und Gemeindegeschichte.

Die Bestände in Pfarrarchive sind theoretisch in drei Bereiche zu unterscheiden: echte pfarrliche Provenienzen, kirchliche Vorprovenienzen und angefallene Fremdprovenienzen.

Zu ersteren gehören Kirchenbücher, kirchliche Amtsbücher, Lagerbücher mit Grundstücksbeschreibungen und Skizzen, Vermögensunterlagen und später Akten; bei den Mischbüchern der Bruderschaften geht pfarrliche und Fremdprovenienz ineinander über.

Zu den kirchlichen Vorprovenienzen gehören die Dokumente der Stifte und Klöster, die säkularisiert wurden. Bei den Fremdprovenienzen handelt es sich z. B. um Abgaben von Vereinen, die keine rechtlichen, aber persönliche Beziehungen zur Pfarrei hatten, Pfarrernachlässe mit förmlichen Familienpapieren, Amtspapiere der Pfarrer als Dechanten wie Visitationsprotokolle und Schulinspektionen. Eine Vielzahl von Querverbindungen zwischen weltlichem und kirchlichen Leben lässt sich nachweisen. Je regionaler und ortsbezogener eine Forschung ist und je stärker auf die Zeit vor 1800 bezogen, desto ergiebiger ist der Beitrag der Pfarrarchive.

Als ähnlich ergiebig zeigten sich „Die Schöffengerichtsakten im Pfarrarchiv St. Martinus in Kerpen als Quelle zur lokalen Alltags und Sozialgeschichte", die von Dr. Maria Rößner-Richarz vorgestellt wurden. Die Referentin zeigte auf, dass hier ein bedeutender Fundus für die Alltags- und Sozialgeschichte der an lebensweltlichen Zeugnissen armen Zeit vor 1800 vorliegt. Ihr Beispiel konnte wichtige Angaben liefern zum Familienleben, zu Alltag und Lebensweg, der Arbeitswelt, zu Festen und Feiern, aber auch zu Alter, Krankheit und Tod, biographische Informationen zu einzelnen Personen, genealogische Angaben zu Familien, Informationen zum öffentlichen Leben, über die bäuerliche Gesellschaft und die Agrarstruktur, Besitz- und Pachtverhältnisse, wirtschaftliches und finanzielles Potential, zur Ortsgeschichte, zur Flurgliederung und den Besitzverhältnissen, zu den Grundherrschaften und Grundstücksbeteiligungen, zur Lage von Gebäuden, Ländereien, auch zu besonderen Ereignissen wie Feuersbrünsten, den Auswirkungen von Kriegen und militärischer Besatzung. Formal handelt es sich um Akten im eigentlichen Sinn, inhaltlich geht es um Zivil- und Strafrechtssachen, also Konflikte, die das Leben der Menschen widerspiegelt. Für eine geographisch begrenzten Raum sind Vergleichszahlen über das wirtschaftliche und finanzielle Potential zu erhalten.

In der Aktuellen Stunde schloss sich der Kreis zur Denkmalpflege wieder mit dem informativen Vortrag zum „Dokumentationszentrum des Rhein-Erft-Kreises" durch Gabriele Scholz, Leiterin des Kreisarchivs und Geschäftsführerin des Mühlenverbandes Rhein-Erft-Rur e.V.. Sie stellte die Aufgaben und Ziele des Zentrums vor, gab einen Überblick über die besichtigungsfähigen Mühlen und berichtete über den Beschluss zur Anlage eines Mühlenkatasters. Sinn und Zweck der Dokumentation wurden näher erläutert, das Dokumentationsprofil (Datensammlung, Informationserschließung, -aufbereitung, -vermittlung und –präsentation) und die Gliederung des Dokumentationszentrums mit Datenbank, Mühlenstandortskarte, Bibliothek, Fotoarchiv und der Internetpräsentation dargestellt.

Über die neuen Perspektiven der Pfarrarchivpflege berichtete Dr. Ulrich Helbach. Die seit 25 Jahren erfolgreich praktizierte subsidiäre Pfarrarchivpflege, die mit Unterstützung der Archivberatungsstelle Rheinland betrieben wurde und die dazu führte, dass immerhin fast 80% der insgesamt 800 Pfarrarchive in Findbüchern erschlossen sind, wird sich in Zukunft radikal verändern durch die im Jahr 2000 begonnene kirchliche Strukturveränderung, die eine neue Konzeption erforderlich machte. Aus den 800 Pfarreien wurde ein Netz von 210 Seelsorgebereichen geschaffen, jeder davon eine zukünftige Großpfarrei, von denen fast alle einen „Kirchengemeindeverband" besitzen. Die Archive liegen weiterhin in der Verantwortlichkeit der Pfarreien bei neuer Raumnutzung. Die neuen „Mittelpunktsarchive" - mehrzellige Archive eines neuen Pfarrarchiveigentümers - werden vom Historischen Archiv des Erzbistums eng betreut und versprechen erhebliche Synergieeffekte in mehrfacher Hinsicht (bessere räumliche Unterbringung, bessere Benutzungsmöglichkeiten, leichtere Betreuung, bessere Fördermöglichkeiten).

Der 40. Rheinische Archivtag wird am 8. und 9. Juni 2006 in Düsseldorf stattfinden.

Adelheid Rahmen-Weyer, Pulheim-Brauweiler

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