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Fleischfresser im Sarkophag

„Fund des Monats" präsentiert neueste Grabfunde und Forschungsergebnisse aus dem Kooperationsprojekt „Walberberg" des LVR und der Universität Bonn


Bonn. 30. Juni 2010. Seit August 2006 findet alljährlich die Lehrgrabung der Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie an der Universität Bonn in Kooperation mit dem LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland in Bornheim-Walberberg (Rhein-Sieg-Kreis) statt. Ermöglicht werden die Grabungen durch das Denkmalförderungsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen. Der Walberberger Fundplatz bietet die seltene Möglichkeit, frühmittelalterliche Siedlungsspuren und Töpferöfen im Umfeld eines bis in die Spätantike genutzten römischen Landgutes zu untersuchen. Außer diesen erwarteten frühmittelalterlichen Befunden kam unter anderem eine kleine Gruppe von Gräbern des späten 4./frühen 5. Jahrhunderts zutage, die vermutlich zu dem nahe gelegenen Landgut gehörte.

In dem 2009 geborgenen Sarkophag eines jungen Mädchens konnten bei der sorgfältigen Untersuchung in der Werkstatt des LVR-LandesMuseums Bonn unscheinbare Reste von Insekten identifiziert werden. Netta Dorchin, Kuratorin für Fliegen im Museum König Bonn, weist diese der Familie der Fleischfliegen (Sarcophagidae) zu. Es handelt sich um leere tönnchenförmige Puppenhüllen (Puparien), deren Deckel durch die schlüpfenden Fliegen abgesprengt worden waren, sowie um Teile des chitinhaltigen Außen-Skelettes entwickelter Fliegen.

Das Bild zeigt eine Puppenhülle einer Fleischfliege.
Diese Puparie einer Fleischfliege fanden Archäologen bei der Untersuchung eines Sarkophags aus Bornheim-Walberberg. (Foto: LVR)

Da Fleischfliegen, anders als beispielsweise Buckelfliegen, nicht aktiv in Gräber eindringen können, müssen die Larven dieser lebend gebärenden Insekten vor der Bestattung auf der Leiche abgelegt worden sein. In der Regel kommt hierfür nur die wärmere Jahreszeit zwischen März und Oktober in Frage. Die Beisetzung der Toten im Sarkophag erfolgte wahrscheinlich noch während der Fressphase der Larven. Die leeren Puppenhüllen belegen, dass zwangsläufig auch die Verpuppung der Larven im Sarkophag stattfand.

Neben diesem aktuellen Forschungsergebnis präsentiert die Fundschau gläsernes Trinkgeschirr, das als Beigabe in den Sarkophag und die anderen spätrömischen Gräber gelangte. Wiederholt fanden sich gläserne Trinkschalen umgestülpt im Bauch-/Brustbereich der Bestattungen. Diese besonders im Kölner Raum verbreitete Sitte der Glasgefäßbeigabe leitet sich vermutlich von geselligen antiken Trinksitten ab, in die die Verstorbenen auch nach ihrem Tod eingebunden bleiben sollten. In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts, als im Anschluss an die römische Zeit Franken das Rheinland beherrschten, entstand im Umfeld des aufgegebenen Landgutes eine neue Siedlung. Hier wurden ab der Zeit um 700 Töpferwaren hergestellt; dies belegen Reste mehrerer Töpferöfen und die hier zahlreich geborgene Keramik der so genannten Walberberger Ware.

Der Fund des Monats Juli ist täglich außer montags im LVR-LandesMuseum Bonn zu sehen. Weitere Infos unter: www.landesmuseum-bonn.de
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Birgit Ströter
LVR-Fachbereich Kommunikation
Tel 0221 809 - 77 11