Süßes für den „Ernst des Lebens“
LVR-Landeskundler untersucht die Geschichte der Schultüte / Seit über 100 Jahren ist Form gleich geblieben
Köln. / Rheinland. 6. August 2008. „Alle Kinder lernen lesen, Indianer und Chinesen. Selbst am Nordpol lesen alle Eskimos, hallo Kinder, jetzt geht’s los…“ Nicht mehr lange und dann beginnt für die I-Dötzchen im Rheinland der sprichwörtliche Ernst des Lebens. Aber ganz so ernst wird es meist doch nicht. Versüßt wird der große Tag durch die Schultüte.
Dr. Alois Döring, Landeskundler beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) ist der Ge-schichte der Zuckertüte auf den Grund gegangen: Und die beginnt vor über 100 Jahren. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Schultüte in Mitteldeutschland belegt.
Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert tritt die Schultüte endlich bei uns ihren Siegeszug an. Erstmals - propagiert durch die Kaufhäuser, die das große Geschäft wittern - kommt sie auch in das Rheinland. Die Lehrer sind darüber gar nicht erfreut. Denn Größe, Form und Füllung zeigen, welches Kind arm und welches reich ist. Doch selbst Verbote nützen nichts: Die Schultüte gehört einfach dazu. Kein Fotoalbum ohne Erinnerungsfoto mit Schultüte und Tafel mit der Aufschrift „Mein erster Schultag“.
Und während die Form der Schultüte seit mehr als 100 Jahren gleich geblieben ist, hat sich der Inhalt ständig geändert. „Wirft man heute einen Blick in die Schultüte, findet man neben Schulutensilien wie Stiften und Linealen auch größere Geschenke – etwa ein Computerspiel oder die erste Armbanduhr“, so Döring. In den 1930 und 1940er Jahren freuen sich die Jungen und Mädchen über ganz andere Dinge. Selbstgemachte Bonbons, Plätzchen und Äpfel bringen Kinderaugen mindestens genauso zum Leuchten wie die Wohlstandgeschenke der heutigen Zeit. Und weil Süßes in den Kriegsjahren nicht so reichlich ist, ist die Tüte unten mit Holzwolle ausgestopft. In den 1930er Jahren wird sie ersetzt durch die "Einheitstüte" des NS-Regimes. Nach 1939 setzt sich die städtische und vom Gewerbe propagierte Form der Schultüte durch, wobei die historische und soziale Situation offenbar keine Bedeutung mehr haben.
Heute ist es häufig so, dass Jungen und Mädchen gemeinsam mit den Eltern ihre Schultüte im Kindergarten selber basteln. Dabei wird aus der einst schlichten Spitztüte heute ein buntes Kunstwerk mit Piraten und Prinzessinnen. Aber egal, wie sie aussieht: Auch in diesem Jahr werden die I-Dötzchen ihrem großen Tag wieder entgegenfiebern. Denn schließlich lüftet sich dann das Geheimnis: Was ist drin in der Schultüte?
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