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Pressemeldung

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Zwischen Scham und Sorge – Angehörige von Patienten des Maßregelvollzugs

Heute Fachtagung von Angehörigen-Verbänden, Kliniken, Trägern und Land NRW / Kooperation zwischen Kliniken und Angehörigen soll verbessert werden

Köln. Düsseldorf. 22. September 2017. Metalldetektoren, Taschenkontrolle, vergitterte Fenster, Kameraüberwachung, Schleusen – Frau H. war geschockt, als sie zum ersten Mal ihren Sohn in der hochgesicherten Maßregelvollzugsklinik besuchte. Der damals 23jährige Sebastian H. hatte unter dem Einfluss einer Psychose versucht, einen Mitbewohner zu töten. Vorher hatte er bereits seinen Vater bedroht. Das Gericht befand, dass der psychisch kranke Mann schuldunfähig sei und ordnete seine Unterbringung in einer forensischen Klinik an.
„Erst einmal waren wir total geschockt von den strengen Sicherheitsmaßnahmen. Auf der anderen Seite bemühten sich seine Pfleger sehr darum, dass wir uns regelmäßig in erträglicher Atmosphäre mit unserem Sohn treffen konnten“, so die Mutter. Sie und ihr Mann, so sieht sie es im Nachhinein, mussten erst einmal Ruhe in ihr Leben bringen. Die zunehmende Krankheit des Sohnes und sein Drogenkonsum hatte die Familie viel Kraft gekostet, der Gerichtsprozess habe sie regelrecht traumatisiert.
Sebastian H. blieb drei Jahre in der Maßregelvollzugsklinik im Rheinland. In dieser Zeit haben ihn seine Eltern regelmäßig besucht: „Die Klinik unterstützte immer den Kontakt zwischen uns und unserem Sohn“. Allerdings, so die Mutter kritisch, habe sie manchmal auch den Eindruck gehabt, dass Angehörige als „störend“ empfunden würden – vor allem dann, wenn sie Entscheidungen der Klinik über Behandlungsmaßnahmen oder Lockerungsschritte kritisch hinterfragten. „Das Personal und die Angehörigen wachsen in so einer langen Zeit richtiggehend zusammen. Deshalb haben wir es erst nicht verstanden, dass auch im dritten Jahr bei jedem Besuch unsere Taschen kontrolliert wurden“, erinnert sich die Mutter.

Die Geschichte von Sebastian H. und seiner Familie ist kein Einzelfall. In den Forensischen Kliniken Nordrhein-Westfalens sind etwa 3.000 Patientinnen und Patienten untergebracht – oftmals zehn und noch mehr Jahre lang. Viele von ihnen haben keinen Kontakt mehr zu ihren Angehörigen oder diese wohnen weit entfernt von der Klinik.

Wie aber können kontaktbereite Angehörige forensischer Patientinnen und Patienten mit den Maßregelvollzugskliniken kooperieren? Diese Frage steht im Mittelpunkt der heutigen Fachtagung des Bundes- und Landesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen, der beiden Landschaftsverbände Nordrhein-Westfalens (LWL und LVR) sowie des Landesbeauftragten für den Maßregelvollzug in Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf.
Angehörige, ehemalige Betroffene und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter forensischer Kliniken formulieren und diskutieren aus ihrer Perspektive Vorschläge und Wünsche.

Dr. Gerwald Meesmann vom Bundesverband der Angehörigen psychiatrisch erkrankter Menschen e.V. hat ein klares Anliegen: „Angehörige müssen einen festen und auf ihre Sorgen eingehenden Ansprechpartner in der Klinik haben. Nur so sind die aus Unwissenheit entstehenden Vorurteile, Missverständnisse und Ängste zu vermeiden“.

Dr. Herbert Meurer, Chefarzt der forensischen Psychiatrie der LVR-Klinik Köln-Porz und wie Dr. Meesmann Referent der heutigen Fachtagung, kann dem nur zustimmen. Darum hat er eine Gesprächsgruppe für Angehörige seiner Patienten initiiert. In dieser Gruppe tauschen sich die Angehörigen untereinander und mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Klinik über den Alltag im Maßregelvollzug, die Behandlungsmaßnahmen, Krankheitsbilder und vieles andere aus: „Uns ist die Arbeit mit Angehörigen so wichtig, weil sie wichtige Aufgaben der Genesungsbegleitung übernehmen und zur gesicherten Wiederteilnahme an der Gesellschaft beitragen kann. Die Angehörigengruppe gleicht einer Rankenhilfe, besonders im hochgesicherten forensischen Bereich, um frühe Vernetzungen und frühere Bindungen neu aufzubauen“.

Infos zum Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen:
www.bapk.de
Der Landesverband Nordrhein-Westfalen der Angehörigen psychisch Kranker e.V.: www.lv-nrw-apk.de

Ihre Ansprechpartnerin für redaktionelle Rückfragen:

Landschaftsverband Rheinland
LVR-Fachbereich Kommunikation
Karin Knöbelspies
Telefon 0221 809-7714
E-Mail: karin.knoebelspies@lvr.de


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