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Auswirkungen, Alternativen und Gefahren: Der LVR diskutierte zum neuen Entgeltsystem für psychiatrische und psychosomatische Kliniken

Expertinnen und Experten fordern Weiterentwicklung / Fehlanreize gehen zu Lasten Langzeiterkrankter und anderer Versorgungssysteme / Psychiatrische Versorgung von Patientinnen und Patienten muss gesichert werden

Das Foto zeigt den Veranstaltungsraum und die Veranstaltungsteilnehmer
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Das neue Entgeltsystem für psychiatrische und psychosomatische Kliniken (PEPP) und dessen Auswirkungen auf die psychiatrische Versorgung wurde heute auf einer durch den Landschaftsverband Rheinland (LVR) organisierten Fachtagung in Köln intensiv diskutiert. Rund 230 Gäste nahmen teil, darunter Vertreterinnen und Vertreter der Krankenkassen, Mitglieder des Gesundheitsausschusses und der Krankenhausausschüsse des LVR, Vorstände und Beschäftigte der LVR-Kliniken, der LVR-Verbundzentrale sowie weiterer Kliniken aus dem Rheinland.

Die Expertinnen und Experten aus dem Gesundheitsausschuss und den Krankenhausausschüssen des LVR sowie die Vorstände der LVR-Kliniken sehen durch das neue Vergütungssystem vor allem die Ziele für die Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung gefährdet. Psychiatrische Erkrankungen erfordern mitunter intensive Therapien über längere Zeiträume. Das neue PEPP-Entgeltsystem belohnt jedoch kurze Verweildauern von Patientinnen und Patienten und setzt damit Fehlanreize zu Lasten eben dieser psychisch schwer kranken Menschen.

Besonders kritisch wird die Degression der Vergütung eingeschätzt. Während bisher jeder Tag der Behandlung gleich vergütet wird, nimmt im neuen System die durchschnittliche Vergütung je Tag mit zunehmender Verweildauer ab. Dies ist ein Grund, warum 87 Prozent aller leitenden Ärztinnen und Ärzte in psychiatrischen Kliniken das neue System ablehnen. „Selten waren sich auch die Fach- und Berufsverbände in der Psychiatrie so einig wie in der Ablehnung dieses Systems“, so Jutta Eckenbach, Vorsitzende des LVR-Gesundheitsausschusses, zu Beginn der Veranstaltung. „Dem LVR geht es bei dieser Diskussion aber nicht nur um die finanzielle Sicherung der LVR-Kliniken, sondern in erster Linie um die Sicherstellung und qualitative Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung im Rheinland“, betonte Eckenbach weiter.

Durch die Bindung der Entgelte an die Diagnose, welche im neuen System vorgesehen ist, wird die lange als sicher geglaubte Erkenntnis über Bord geworfen, dass Diagnosen in der Psychiatrie keine sicheren Prädiktoren für Behandlungsbedarf, Intensität und Komplexität der Behandlung darstellen. Der LVR als Krankenhausträger und Träger der überörtlichen Sozialhilfe hat bereits im Dezember 2012 mit einer Resolution die am System maßgeblich Beteiligten aufgefordert, das Entgeltsystem so weiterzuentwickeln, dass alle Menschen jederzeit umfassend stationär, ambulant oder gemeindeintegriert versorgt werden können. Patientinnen und Patienten dürfen nicht die Leidtragenden des neu konstruierten Vergütungssystems sein. Durch die ausbleibende Finanzierung von Langzeitbehandlungen sieht der LVR außerdem die Gefahr einer Belastung für andere Versorgungssysteme wie die überörtliche Sozialhilfe und das Hilfesystem der Gemeindepsychiatrie, die eine Akutbehandlung, die Nachsorge oder die begleitende Betreuung von erkrankten Menschen gewährleisten sollen.

Das Gruppenfoto zeigt LVR-Mitarbeiter
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Der LVR-Klinikverbund nutzt viele Gelegenheiten nicht nur Kritik am vorhandenen System vorzubringen, sondern auch aktiv an der Verbesserung mitzuwirken. So wurden 25 konkrete Verbesserungsvorschläge formuliert und in die weitere Systementwicklung eingebracht. Ein weiteres Handlungsfeld ist die Entwicklung von Alternativsystemen im Rahmen von Modellvorhaben. Diese sollen insbesondere die in der psychiatrischen Versorgung vorhandenen vernetzten Strukturen zwischen ambulanter und stationärer Behandlung auf eine bessere finanzielle Basis stellen. Gute Gesprächspartnerinnen hat der LVR-Klinikverbund hier in der AOK Rheinland/Hamburg und der Techniker Krankenkasse, die auf der Fachtagung eigene Ideen für eine Verbesserung des Entgeltsystems vorstellten.

Das Bundesministerium für Gesundheit hat mit der Verordnung „Pauschalierende Entgelte Psychiatrie und Psychosomatik 2013“ die Grundlagen für die Einführung eines neuen Vergütungssystems in der Psychiatrie und Psychosomatik geschaffen. Die Abrechnung mit dem neuen tagesbezogenen Entgeltsystem ist ab 2013 für die Kliniken freiwillig und spätestens ab 2015 verpflichtend. Nach einer budgetneutralen Phase wird ab dem Jahr 2017 eine fünfjährige Konvergenzphase beginnen, in der die Vergütungen stufenweise von den krankenhausindividuellen Basisentgeltwerten auf Landesentgeltwerte umgestellt werden.

Der LVR versorgt in seinen neun psychiatrischen Fachkliniken jährlich rund 50.000 psychisch erkrankte Menschen und ist für die Pflichtversorgung von bis zu 5,4 Millionen Menschen im Rheinland zuständig.

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Stefan Thewes

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