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Psychiatriegeschichte

Der Weg zum Menschen

Von jeher spielte der LVR eine wichtige Rolle im Kampf um eine humane Psychiatrie.
Wie in kaum einem anderen medizinischen Fachgebiet spiegeln sich in der Psychiatrie gesellschaftliche und wissenschaftliche Umbrüche wider. Spürbare Aufbruchstimmung gab es in Deutschland bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Sog der französischen Revolution und der damit verbundenen politischen und sozialen Umwälzungen. Sie zeigte sich auch in der Gründung der „Provinzial-Heil- und Pflegeanstalten", wie die Vorgänger der Rheinischen Kliniken des Landschaftsverbandes Rheinland früher hießen.
Denn die boten im Vergleich zu den bis dahin als reine Verwahranstalten geführten „Irrenhäusern" bereits moderne Behandlungsmöglichkeiten für psychisch Kranke.

ZwangsjackeZwangsstuhl

Zwangsjacke und Zwangsstuhl – Bilder, die an die düstere Anfangszeit der „Irrenhäuser" gemahnen.

Von den Anfängen der damals europaweit als Vorbild angesehenen Provinzial-Anstalten über die dunkle Epoche des Nationalsozialismus bis zum heutigen leistungsfähigen Verbund stationärer, teilstationärer und ambulanter Angebote war es jedoch noch ein weiter Weg. In Deutschland erwies es sich zwanzig Jahre nach dem 2. Weltkrieg als Glücksfall, dass das gesellschaftliche Klima für Reformen sehr empfänglich war. Die Kritik an Bevormundung, falschen Autoritäten, an Vergangenheitsverleugnung und - verdrängung sowie an sozialer Benachteiligung erreichte zwangsläufig auch die Psychiatrie. Dabei ging es vordergründig nicht um fachliche Angelegenheiten, sondern um die Beendigung der Diskriminierung psychisch Kranker, die Sicherung ihrer Menschenrechte sowie die Schaffung von Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit.

Bettensaal

Übervolle Krankensäle, Wegschließen, Verwahrung – die Realität der Psychiatrie vor noch nicht einmal einhundert Jahren.

1971 schlug die Geburtsstunde der „Psychiatrie-Enquete": Eine durch den Deutschen Bundestag eingesetzte Kommission trug bis 1973 umfangreiches Material über die Situation der psychiatrischen Versorgung mit ihren „menschenunwürdigen Unterbringungsbedingungen in den psychiatrischen Krankenhäusern" in Deutschland zusammen und machte Lösungsvorschläge zur Weiterentwicklung.
Vorsitzender der eigens dafür gegründeten Sachverständigenkommission war Prof. Dr. Caspar Kulenkampff, zuvor Ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken Düsseldorf und später Landesrat und Gesundheitsdezernent des Landschaftsverbandes Rheinland.

Prof. Dr. Caspar Kulenkampff

„Die Zuschüttung des Grabens zwischen dem zur Isolierung neigenden Landeskrankenhauskomplex und der Gesellschaft ist ... eine der Grundvoraussetzungen für den Aufbau einer bedarfsgerechten psychiatrischen Versorgung." (1971)

Unter seiner Federführung wurden verkrustete Anstaltsstrukturen aufgebrochen und Raum für veränderte Behandlungs- und Belegungsangebote geschaffen. Psychologen, Pädagogen und Sozialwissenschaftler brachten neue Meinungen und Haltungen in die Kliniken ein und trugen damit maßgeblich zur Veränderung der therapeutischen Kultur bei. In gemeinsamen Teambesprechungen mit Ärzten und dem Pflegepersonal reflektierten sie über ihre Erlebnisse und Einstellungen in der Arbeit mit den Patienten.

Damals hatte das den Geruch von etwas sensationell Neuem. Heute gehört Teamsupervision zum normalen Alltag eines jeden psychiatrischen Krankenhauses.
Im Rheinland begann man mit der Erarbeitung eines Rahmenplans zur Versorgung psychisch Kranker und geistig behinderter Menschen. Ziel war es, schwerpunktmäßig eine ortsnahe Versorgung in jedem Kreis und jeder kreisfreien Stadt zu erreichen. Diese Forderung war ihrer Zeit weit voraus; angesichts der Versorgungsrealität nicht nur im Rheinland erschien sie unerreichbar und utopisch.

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