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12. Mai 2022
Wenn Schule keine Pflichtveranstaltung ist
Runter vom Sofa, ab in die Sporthalle, heißt es sonntagnachmittags bei Open Sunday. Bei dem Projekt werden leerstehende Sporthallen und Schulhöfe an Grundschulen für Spiel und Sport unter professioneller Begleitung geöffnet. Im Fokus von Open Sunday: Kinder aus Familien, denen das Geld für Bezahlangebote fehlt.

Ein angenehmes Kribbeln fühlt Tarik in den Fingern, wenn er einen Ball sieht. Er schwärmt für Basketball und die Top-Spieler der National Basketball Association (NBA). Aber auch bei allen anderen Ballsportarten ist Tarik dabei. Der 9-Jährige, der mit seiner Familie in Köln Chorweiler lebt, wäre gern in einem Basketballverein, doch dafür fehlt das Geld. In der Nachbarschaft ist ein Ball zwar schnell gefunden, doch der große Parkplatz der Wohnsiedlung ist kein einladendes Spielfeld. Die Fläche ist unregelmäßig geteert und manchmal liegt Müll herum. Wenn der Ball mal ein parkendes Auto trifft, droht Ärger, und zum Basketballspielen fehlt der Korb. An Wochenenden wird hier ab und zu gekickt, doch im Winter bleibt der Platz meist leer. Dann sitzen Tariks Kumpels mit der Spielkonsole zuhause oder sehen fern. „Der Sonntag ist ein langweiliger Tag,“, sagt Tarik, „vor allem im Winter hänge ich zuhause rum und seit Corona noch mehr“. Seine Geschwister nervten ihn, erzählt er, es gebe öfters Streit. Schule sei zwar nicht so sein Ding, aber manche Schultage seien besser als der Sonntag – „weil wir da Sport haben“.

Ulf Gebken, Professor an der Universität Duisburg-Essen beim Institut für Sport- und Bewegungswissenschaften, ist dieses Phänomen bekannt. Für Kinder wie Tarik hat er in Trägerschaft des gemeinnützigen Vereins Integration durch Sport und Bildung e. V. seit Ende 2015 zunächst in einigen Ruhrgebietsstädten niedrigschwellige Spiel- und Bewegungsangebote innerhalb ihres Sozialraums etabliert. Da Sporthallen und Schulhöfe von Grundschulen an Sonntagen meist leer stehen, können sie gut für Bewegungsangebote genutzt werden. Damit wird Kindern mit geringer gesellschaftlicher Teilhabe und ohne Vereinsmitgliedschaft der Zugang zu Sport und Bewegung maßgeblich erleichtert. Inzwischen sind viele Kommunen dem Beispiel der Uni Duisburg-Essen gefolgt: Der Open Sunday verteilt sich wie ein buntes Potpourri auf der Landkarte von Nordrhein-Westfalen von Aachen bis Bielefeld. Und auch über die NRW-Grenze hinaus zeigt das Konzept Wirkung: Einer der jüngsten Standorte liegt beispielsweise in Wolfsburg in Niedersachsen.

Gesunde Freizeitgestaltung mit Willkommensstruktur

Mit den Stichworten „Lokal – sozial – inklusiv“, bringt Gebken den Open Sunday auf den Punkt: Da das Bewegungsangebot im Sozialraum der Kinder stattfindet, müssen sie keine weiten Wege zurücklegen, treffen bekannte Gesichter oder knüpfen Kontakte zu Kindern aus ihrem Stadtteil. „Wir gehen dahin, wo die Armut uns herausfordert“, betont Gebken. Alle Kinder im Grundschulalter sind willkommen. Sie können mit körperlicher Beeinträchtigung, ohne Trainingserfahrung, ohne Anmeldung oder Gebühren ihr sportliches Potenzial entdecken. Partizipation ist ein wichtiger Bestandteil des Projekts. Die Kinder dürfen Wünsche äußern, welche Geräte genutzt und welche Spiele gespielt werden. Gemeinsam aufgestellte Regeln werden mit den Kindern besprochen. Das Ritual der sonntäglichen Zusammenkunft gibt den Kindern Halt und weckt Vorfreude auf das nächste Treffen.

Der Open Sunday fungiert zudem als „Erprobungsraum“, in dem Kinder und Jugendliche durch Bewegungsabläufe und Spielsituationen Selbstwirksamkeit erfahren. Phasen der körperlichen Verausgabung und Ruhephasen wechseln sich ab. In den Pausen erhalten die Kinder nach Möglichkeit gesunde Snacks: Obst und Mineralwasser.

Wenn die Großen von den Kleinen lernen

Nicht nur für die jüngeren Kinder hält der Open Sunday einen Erprobungsraum mit Entwicklungs- und Lerneffekten bereit: Die Sonntagnachmittage werden gegen ein Honorar professionell von Übungsleiter*innen (Sportpädagog*innen oder -Studierende mit Übungsleiter*innen-Ausbildung) betreut. Wichtiger Baustein der Ausbildung ist die wertschätzende pädagogische Haltung. Insbesondere Heranwachsende mit Fluchterfahrung oder weniger sportaffine Kinder benötigen Selbstvertrauen für die dauerhafte Teilnahme an dem Bewegungsangebot.

Unterstützt werden die Übungsleitenden von Sporthelfer*innen, sogenannten Junior-Coach*innen. Die jugendlichen Schüler*innen zwischen 13 und 17 Jahren werden meist im Wohn- und Schulviertel der Kinder rekrutiert (beispielsweise in Jugendzentren) und in Kompaktkursen und Fortbildungen qualifiziert. Die Coach*innen erlernen soziale und sportpädagogische Kompetenzen. Sie übernehmen Verantwortung und geben die eigene Freude an Bewegung, Spiel und Sport an die Kinder weiter. Für die Heranwachsenden sind die Coach*innen Vorbilder und Vertrauenspersonen, manchmal sogar wie große Brüder oder Schwestern.

Kein Erfolg ohne Unterstützer*innen

Mit dem Aufschließen der Sporthalle allein ist der Erfolg von Open Sunday nicht besiegelt. Um das Angebot dauerhaft aufrecht erhalten zu können, müssen Schulen, Sportvereine, Akteur*innen der Kinder- und Jugendarbeit und Spender*innen zur Zusammenarbeit aktiviert werden. „Die Infrastruktur ist da. Die Menschen müssen überzeugt werden“, fasst Gebken die Ausgangslage zusammen. Dies gelingt vielerorts sehr gut. Die Schulleitungen seien meist „schwer begeistert“ berichtet Gebken. Als Multiplikator*innen fungieren die Junior-Coach*innen ebenso wie die Übungsleiter*innen und die Kinder: Es entstehen Kooperationsstrukturen, Synergien und Netzwerke im Stadtteil zwischen Grundschulen, Integrationszentren, dem Gesundheitssektor, den Eltern und weiteren Quartiersakteur*innen.

Open Sunday Bielefeld setzt auf junges Engagement

Eine Stadt, die den Open Sunday mit großem Erfolg eingeführt hat, ist Bielefeld. Gemeinsam mit der Sportjugend Bielefeld setzte der Sportverein SC Bielefeld 04/26 e. V. erstmalig das Konzept 2017 in Bielefeld um. Mittlerweile sind auch weitere Bielefelder Sportvereine an der Open-Sunday-Umsetzung beteiligt. Starthilfe und beratende Begleitung lieferte das Institut für Sport- und Bewegungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Mit zunehmender Begeisterung bei den Kindern und der positiven Resonanz seitens der Sportvereine und Schulen wurde das Interesse der Stadt geweckt, die den Open Sunday nun seit 2021 fördert und als Regelangebot etabliert hat. Das Bewegungsangebot wird von Krankenkassen, Stiftungen und Einzelmaßnahmen finanziell unterstützt. Ein Meilenstein ist die von der Stadt Bielefeld geschaffene und geförderte „Koordinierungsstelle Open Sunday“. Sie ist an die Sportjugend Bielefeld angedockt und treibt den Ausbau neuer Standorte in Bielefeld voran, sodass Bielefeld inzwischen mit zwölf Standorten aufwarten kann.

„Der Open Sunday ist für mich ein absolutes Herzensprojekt,“ schwärmt Chiara Zanghi von der Koordinationsstelle Open Sunday Bielefeld. Es sei schön zu sehen, wie die Quartiersarbeit gestärkt werde und die Menschen vor Ort zusammenarbeiteten, um den Kindern ein tolles Angebot im Stadtteil zu ermöglichen. „Der Open Sunday ist vielmehr als nur ein Bewegungsangebot für Kinder, weshalb dieses Projekt so einzigartig ist.“ Die Junior-Coach*innen und teilnehmenden Kinder zeigen nicht nur durch regelmäßige Teilnahme, wie motiviert sie sind. Der Open Sunday sei „cool, weil wir zusammen spielen können und weil es verschiedene Sportgeräte gibt“, meint ein Kind. Ebenso toll wie die Geräte und Spiele findet ein anderes Kind die „netten Mitarbeiter“.

Die Pandemie kann den Open Sunday nicht aufhalten

In den Hochphasen der Pandemie wurden viele Bewegungsangebote für Kinder und Jugendliche wie auch der Open Sunday vorübergehend eingestellt, doch innerhalb kurzer Zeit konnten Alternativangebote erarbeitet werden. Das wichtigste Merkmal des Open Sunday – der niedrigschwellige Zugang – wird selbstredend durch die vielen Vorschriften und Verordnungen erschwert, daher wichen einige Open Sundays zunächst auf die Schulhöfe aus. In Bielefeld hilft eine Teilnehmer*innenbeschränkung dabei, die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Den vollgeimpften Übungsleiter*innen sowie den Coach*innen werden zudem FFP2-Masken zur Verfügung gestellt. An einigen Standorten ist die Coronasituation deutlich spürbar: die Teilnehmer*innenzahlen gehen rapide zurück. Andere Standorte jedoch sind mit ca. 40 Kindern bestens besucht. Insgesamt ist es gut gelungen, den Open Sunday unter der Corona-Schutzverordnung des Landes NRW und mit einem eigenen Hygienekonzept offen zu halten.

Integrationserfolge wollen nachgewiesen werden

Der Open Sunday fasziniert nicht nur die Teilnehmenden und Akteur*innen, sondern ist auch Gegenstand vieler Bachelor- und Masterarbeiten sowie Studienprojekte, die beispielsweise Integrationserfolge durch Sport untersuchen. Der Open Sunday erfasst seinerseits in fortlaufenden Evaluationen, wie viele Kinder erreicht werden, aus welchem Sozialraum sie kommen und wie das Verhältnis von Jungen zu Mädchen ist. In Bielefeld beispielsweise verfügen rund 40 Prozent der Kinder, die durch das Angebot erreicht wurden, über keine Vereinsmitgliedschaft. Über 55 Prozent der Kinder besuchen den Open Sunday mehr als fünfmal. Das Jungen-Mädchen-Verhältnis ist recht ausgewogen. Dennoch profitieren insbesondere weibliche Jugendliche mit Migrationshintergrund, die seltener als Jungen an offenen Sportangeboten teilnehmen, von dem Angebot – als teilnehmende Mädchen oder als Junior-Coachinnen.

Open Sunday – ein wichtiger Baustein der Präventionskette

Der Open Sunday trägt mit einem niedrigschwelligen Bewegungsangebot im eigenen Sozialraum maßgeblich zur Gesundheitsförderung von Kinder- und Jugendlichen bei. Mit dem Ziel einer erleichterten gesellschaftlichen Teilhabe von Kinder aus armutsbetroffenen Familien erweist sich der Open Sunday als wichtiges „Aufsuchendes Angebot“ in der kommunalen Präventionskette. Die rege Teilnahme an dem Angebot macht den großen Bedarf von Kindern und Jugendlichen wie Tarik nach einem alternativen, ritualisierten Zugang zu Sport- und Bewegung außerhalb einer Sportvereinsmitgliedschaft deutlich. Der 9-Jährige hofft darauf, bald in einer Sporthalle ein paar Körbe werfen zu können.

Autorin: Natalie Deissler-Hesse, LVR Landesjugendamt

Open Sunday Bielefeld
Open Sports

Über den LVR:

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) arbeitet als Kommunalverband mit rund 21.000 Beschäftigten für die 9,7 Millionen Menschen im Rheinland. Mit seinen 41 Schulen, zehn Kliniken, 20 Museen und Kultureinrichtungen, vier Jugendhilfeeinrichtungen, dem Landesjugendamt sowie dem Verbund Heilpädagogischer Hilfen erfüllt er Aufgaben, die rheinlandweit wahrgenommen werden. Der LVR ist Deutschlands größter Leistungsträger für Menschen mit Behinderungen und engagiert sich für Inklusion in allen Lebensbereichen. „Qualität für Menschen“ ist sein Leitgedanke.

Die 13 kreisfreien Städte und die zwölf Kreise im Rheinland sowie die StädteRegion Aachen sind die Mitgliedskörperschaften des LVR. In der Landschaftsversammlung Rheinland gestalten gewählte Mitglieder aus den rheinischen Kommunen die Arbeit des Verbandes.

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