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30. August 2022
Vom Präventionsgedanken zum Familienbüro
10 Jahre "Gut aufwachsen im Kreis Düren" – ein Jubiläum, das Anlass gibt, zurückzuschauen zu den Anfängen, aber auch innezuhalten und sich bewusst zu machen, was alles erreicht wurde in dieser Zeit. Jüngste Umsetzung der Präventionsarbeit in Düren: ein Familienbüro.
Lichtdurchflutet – das neue Familienbüro des Kreises Düren

Von Susanne Herfs

Der Kreis Düren ist ein ländlicher Flächenkreis mit knapp 270.000 Einwohner*innen und einer im Vergleich zu anderen Kreisen in Nordrhein-Westfalen sehr hohen SGB II-Quote. Die Anzahl der von Armut bedrohten Kinder ist hier relativ hoch. Um diesem Missstand zu begegnen, begab sich der Kreis Düren im Jahr 2012 als eine von 18 Modellkommunen in das Abenteuer „Kein Kind zurücklassen – Kommunen in NRW beugen vor“. Zunächst war dies eine Reise mit ungewissem Ziel, auch die Anzahl und Motivationen der Mitreisenden waren zunächst offen. Dies sollte sich jedoch bald ändern: Der Ansatz „Vom Kind her denken“ überzeugte den Landrat des Kreises Düren, Wolfgang Spelthahn. Schnell fand er Verbündete für sein Präventionsvorhaben. "Familie wird im Kreis Düren großgeschrieben. Sie zu fördern und zu unterstützen wo immer es geht, ist uns eine Herzensangelegenheit", betont Spelthahn.

Ressortübergreifende Lenkungsgruppe bricht verkrustete Strukturen auf

Der Ansatz, für ein gelingendes Aufwachsen die Perspektive des Kindes einzunehmen, widerspricht traditionellem Denken und Handeln in Zuständigkeiten. Eingeübte Alltagsroutinen sowie etablierte Kooperationsmuster und Finanzierungsverfahren mussten daher komplett überdacht werden. Um diesen Paradigmenwechsel mit Leben zu füllen, entstand eine multiprofessionelle und ressortübergreifende Lenkungsgruppe, die neben dem Landrat mit Vertretungen der Freien Träger, einer kreisangehörigen Kommune und der Kreisverwaltung besetzt ist. Wichtigste Aufgabe der Lenkungsgruppe ist die strategische Steuerung zur Umsetzung und langfristigen Weiterentwicklung der Präventionsstrategie. Dazu gehört u.a., die gesamte Entwicklung des Kindes in den Blick zu nehmen und durch den Aufbau kommunaler Präventionsketten ein lückenloses Präventionsangebot zu schaffen. Bestehende Netzwerke sollten verknüpft werden mit dem Ziel, finanzielle, personelle und zivilgesellschaftliche Ressourcen zu optimieren und Angebotslücken zu schließen.

Präventionsbüro mit Brückenfunktion

Koordiniert und unterstützt wird der gesamte Prozess der Gestaltung der Präventionskette durch das Präventionsbüro, das als Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Akteur*innen und Präventionsgremien fungiert. Dem Präventionsbüro gelang es in den vergangenen Jahren, eine Reihe von Maßnahmen umzusetzen, wie z. B. das Projekt „AKut“, ein niedrigschwelliges, aufsuchendes Angebot für Familien in akuten Krisensituationen, das mit den Mitteln aus "kinderstark – NRW schafft Chancen" umgesetzt wird. Auch Vortragsreihen und Fachtagungen, beispielsweise im Rahmen des LVR-Förderprogramms "Kinder und Jugendliche mit psychisch und/oder suchterkrankten Eltern", werden vom Präventionsbüro organisiert.

Basis für die künftige Präventionsarbeit: Drei Handlungsebenen

Bei der ersten Handlungsebene, der „Einzelfallbezogenen Präventionsförderung“, soll Prävention nicht mehr nur in einschlägigen Ämtern präsent sein, sondern alle angehen und von allen mitgetragen werden. Daher nehmen neue Mitarbeiter*innen der Kreisverwaltung automatisch an der sensibilisierenden Präventionsschulung „Irgendetwas stimmt da nicht…“ teil. Präventionskräfte – speziell geschulte Ansprechpersonen aus Ämtern, die häufig Kontakt mit Kindern, Jugendlichen oder Familien haben – bilden gemeinsam das Präventionsteam. In regelmäßigen Treffen werden Unterstützungsbedarfe von Familien, Kindern und Jugendlichen identifiziert und eine abgestimmte Vorgehensweise vereinbart.

Ebenso wichtig ist die „Sozialraumbezogene Vernetzung“ als zweite Handlungsebene. In den meisten kreisangehörigen Kommunen werden lokale Präventions- und Bildungskonferenzen durchgeführt. Eingeladen sind hierzu alle Akteur*innen, die am Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen beteiligt sind. Die in einigen Kommunen bis zu 100 Kooperationspartner*innen betrachten kritisch vorhandene Maßnahmen, Aktivitäten und Strukturen. Mit dem Ziel des Auf- und Ausbaus einer passgenauen lokalen Präventionskette werden konkrete Bedarfe zur Optimierung formuliert und noch fehlende Angebotsstrukturen identifiziert. Entstanden sind u.a. Arbeitskreise, die sich vor allem mit der Verbesserung der Übergänge (z.B. von der Kita in die Grundschule) befassen. Diese werden intensiv durch das Präventionsbüro begleitet.

Bei der dritten Handlungsebene, der „Kreisweiten Vernetzung“ werden in regelmäßigen kreisweiten Präventions- und Bildungskonferenzen unter Beteiligung aller interessierten Akteur*innen die Ergebnisse und Erfahrungen in den einzelnen Kommunen gebündelt und präsentiert. Damit diese Netzwerkarbeit sich zu einem lebendigen und stabilen Prozess entwickelt, werden die „Kümmer*innen“ vor Ort, bzw. die Ansprechpartner*innen in den einzelnen Kommunen – zu Themen der Netzwerkarbeit und zur Koordination von Präventionsketten geschult und befinden sich in einem kontinuierlichen Austausch. Neu hinzukommende Teilnehmer*innen werden durch eine „Netzwerkschulung light“ auf einen Stand gebracht. Das Präventionsbüro führt diese Schulungen als Inhouseveranstaltungen mit Unterstützung der LVR-Koordinationsstelle Kinderarmut durch.

Das Familienbüro – alles andere als eine dunkle Amtsstube

Nach der beschriebenen Phase der Strukturierung und Orientierung bietet das aktuelle Landesprogramm "kinderstark – NRW schafft Chancen" die Möglichkeit, sich konkreten und zur Präventionsstrategie passenden Handlungsfeldern zu widmen. Für den Kreis Düren erweist sich das Landesprogramm als richtungsweisend. Da sich der Wunsch nach Informationsbündelung und stärkerer Bekanntmachung bestehender Angebote wie ein roter Faden durch die Präventionsarbeit zog, war es für Elke Ricken-Melchert, Leiterin des Amtes für Demografie, Kinder, Jugend, Familie und Senioren, folgerichtig, ein Familienbüro zu eröffnen.

Mit Unterstützung des Präventionsbüros und der Fördergelder aus dem Landesprogramm ist es gelungen, eine barrierefreie, familienfreundliche und einladende Atmosphäre zu vermitteln. Das Familienbüro steht den Bürger*innen und vor allem Kindern und Jugendlichen zur Verfügung, wenn sie Unterstützung im Alltag benötigen, Fragen zu finanziellen Hilfen wie Elterngeld, Unterhaltsvorschuss oder Bafög haben, eine Kindertagesbetreuung suchen oder von den Vorteilen der Familienkarte profitieren wollen. Darüber hinaus deckt das Familienbüro auch generationenübergreifende Themenbereiche wie Eingliederungshilfe, Pflegeberatung etc. ab. Diese innovative Erweiterung der Konzeption erhöht den Servicegedanken gegenüber den Betroffenen und leistet einen weiteren Beitrag zur Bürgerfreundlichkeit und Informationsbündelung.

Als gewinnbringend hat sich die enge Vernetzung zwischen Präventionsbüro und Familienbüro erwiesen. Das Präventionsbüro steht den Mitarbeiter*innen des Familienbüros mit fachlicher Expertise zur Seite und organisiert Schulungen zu aktuellen Bedarfen. Für die pädagogischen Angebote des Präventionsbüros, der Frühen Hilfen oder der Familieninitiative ist das Familienbüro erster Ansprechpartner und übernimmt hier eine wichtige Lotsenfunktion.

Stefanie Pitino, eine junge Mutter aus dem Kreis Düren, besucht regelmäßig mit ihrem dreijährigen Sohn Adam das Familienbüro. Vor allem die freundlich gestalteten Räumlichkeiten und die kindgerechte Einrichtung des Wartebereichs hebt sie hervor. „Wenn wir kommen, weiß mein Sohn schon genau, wo die Spielsachen sind und bei Bedarf kann ich ihn auch mal wickeln oder ihm was zu essen machen“, freut sie sich. Für die Stillmöglichkeit in einem geschützten Raum wurde der Kreis Düren als eine der ersten NRW-Kommunen vom Landesverband der Hebammen NRW als "Stillfreundliche Kommune“ zertifiziert. Mitarbeitende des Familienbüros berichten, dass Besucher*innen oft positiv überrascht seien, wenn sie zum ersten Mal in das Familienbüro kämen: „Sie erwarten eine dunkle Amtsstube und erleben stattdessen helle, freundliche Räumlichkeiten und einen wertschätzenden Empfang. Das erleichtert den Kontakt zu den Familien und man kommt leicht ins Gespräch,“ berichtet Iris Breuer, die Teamleiterin des Familienbüros.

Im vergangenen Jahr wurde das Familienbüro um zwei weitere Räume erweitert. Neben einem Besprechungsraum, der multifunktionell genutzt werden kann, wurde ein Spielzimmer mit Kinderküche, Puppenhaus, Gesellschaftsspielen und Büchern eingerichtet.

Leider kann das große Potential des Familienbüros aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen bisher noch nicht in vollem Umfang genutzt werden. Die Mitarbeitenden freuen sich jedoch darauf, nach Abflachen der Pandemie weitere pädagogische Angebote bereithalten zu können. „Am liebsten würden wir in jeder kreisangehörigen Kommune ein Familienbüro einrichten,“ schwärmt Amtsleiterin Elke Ricken-Melchert. Ein guter Anfang ist schon gemacht.

Familienbüro Kreis Düren

Über den LVR:

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) arbeitet als Kommunalverband mit rund 21.000 Beschäftigten für die 9,7 Millionen Menschen im Rheinland. Mit seinen 41 Schulen, zehn Kliniken, 20 Museen und Kultureinrichtungen, vier Jugendhilfeeinrichtungen, dem Landesjugendamt sowie dem Verbund Heilpädagogischer Hilfen erfüllt er Aufgaben, die rheinlandweit wahrgenommen werden. Der LVR ist Deutschlands größter Leistungsträger für Menschen mit Behinderungen und engagiert sich für Inklusion in allen Lebensbereichen. „Qualität für Menschen“ ist sein Leitgedanke.

Die 13 kreisfreien Städte und die zwölf Kreise im Rheinland sowie die StädteRegion Aachen sind die Mitgliedskörperschaften des LVR. In der Landschaftsversammlung Rheinland gestalten gewählte Mitglieder aus den rheinischen Kommunen die Arbeit des Verbandes.

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