Geschichte der Abtei Brauweiler
Die Abtei Brauweiler spiegelt in einzigartiger Weise über tausend Jahre rheinischer Geschichte wider.
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Die Geschichte Brauweilers beginnt mit Spuren jungsteinzeitlicher Besiedlung und einer römischen villa rustica, bevor Pfalzgraf Ezzo und Mathilde im 11. Jahrhundert Kirche und Kloster stifteten. Aus der sagenumwobenen Gründung entwickelte sich eine bedeutende Benediktinerabtei, die Reformbewegungen, hochrangige Besucher wie Bernhard von Clairvaux und Albertus Magnus sowie wirtschaftliche Krisen und Erneuerungen erlebte. In der Frühen Neuzeit stärkte Kaiser Karl V. das Prestige des Klosters durch die Verleihung eines eigenen Wappens, ehe Barockumbauten und die französische Säkularisation 1802 das Ende von fast 800 Jahren monastischen Lebens markierten.
Die ersten Spuren einer Besiedlung in der Region rund um das heutige Brauweiler sind auf die Jungsteinzeit oder das sogenannte Neolithikum zu datieren. Ausgrabungen in den 1930er Jahren haben dabei auf dem östlichen Gelände der Abtei Bruchstücke von verschiedenen jungsteinzeitlichen Keramiken, aber auch Schaber, Beile und zahlreiche weitere Objekte hervorgebracht. Sie zeigen, dass der Standort Brauweiler bereits in der Jungsteinzeit von großer Bedeutung war.
Weitere Ausgrabungen in den 1980er Jahren im Bereich des Kreuzgangs bestätigen, dass es in Brauweiler bereits römische Ansiedlungen gab. Gefunden wurden Überreste einer villa rustica, ein wirtschaftlich genutztes Landgut, welches in der Nähe der südwestlichen Ausfallstraße nach Aachen lag. Die archäologischen Funde zeigen uns einen dreiflügeligen Gebäudekomplex mit Steinfundamenten und eine Zisterne zur Wasserversorgung, wenngleich die Zisterne erst aus dem 16. Jahrhundert stammt. Gegen Ende des 4. Jahrhundert wurde die römische Landvilla wahrscheinlich im Zuge der fränkischen Völkerwanderung verlassen, sodass eine über mehrere Jahrhunderte andauernde Zeit der Verödung des Areals einsetzte. Ferner wurden auf dem heutigen Gelände aus merowingischer Zeit stammende Überreste einer Bebauung gefunden. Diese deuten auf eine Besiedlung in dem Zeitraum zwischen der ersten bezeugten Bebauung zur Zeit der Römer und der Stiftung durch die Ezzonen im 11. Jahrhundert hin.
Die Stiftung einer Kirche sowie eines dazugehörigen Klosters ist auf das 11. Jahrhundert zu datieren. Der lothringische Pfalzgraf Ehrenfried, auch Ezzo genannt, und seine Frau Mathilde, Tochter Kaiser Ottos II. und der Byzantinerin Theophanus, stifteten die Kirche als Grablege für ihre eigene Familie.
Wie viele klösterliche Gründungsgeschichten ist auch die der Abtei Brauweiler sagenumwogen. Der Legende zufolge offenbarte sich Mathilde im Traum unter einem Maulbeerbaum eine göttliche Vision, welche sie inspirierte, auf dem Brauweiler Hofgut ein Kloster zu stiften. Durch die Vision angetrieben, pilgerten Ehrenfried und Mathilde in einer Wallfahrt nach Rom und erhielten im Jahr 1023 durch den römischen Papst Reliquien sowie ein Kreuz für eine Klostergründung. Die Wahl des Standortes Brauweiler wird in der vor 1100 verfassten Fundatio monasterii Brunwilarensis, der Gründungsgeschichte des Klosters Brauweiler, mit Mathildes Vision begründet.
Überliefert ist allerdings sicher, dass der Kölner Erzbischof den Cluniazensischen Reformabt Poppo von Stablo mit einer Gruppe von sieben Benediktinermönchen nach Brauweiler entsandte, welche den Kern des Klosterstifts bildeten. 1028 wurde das Kloster durch Erzbischof Pilgrim geweiht und ab 1030 mit dem Mönch Ello aus St. Maximin in Trier als erstem Brauweiler Abt besetzt.
Die erste um 1025 von Ehrenfried und Mathilde gestiftete Klosterkirche wurde im Jahr 1048 durch deren Tochter Richeza, die als Witwe des polnischen Königs Mieszko II. nach Brauweiler zurückkehrte, durch einen Neubau ersetzt. Nach einer ausgesprochen kurzen Bauzeit wurden 1051 die Krypta und 1061 die Oberkirche zu Ehren der Heiligen St. Nikolaus und St. Medardus durch den Kölner Erzbischof Anno II. geweiht. In dem Neubau der Kirche fanden letztendlich das Stifterpaar Ehrenfried und Mathilde ihre Ruhestätte, wenngleich Richeza nach ihrem Tod 1063 nicht in der Krypta der Klosterkirche St. Nikolaus, sondern von Erzbischof Anno II. in St. Maria ad Gradus in Köln beigesetzt wurde. Im 19. Jahrhundert wurden die Gebeine Richezas in den Kölner Dom übertragen, wo sie sich bis heute in einem Epitaph in der Johanniskapelle im Ostchor befinden. Die von Richeza gestiftete Kirche wurde im Jahr 1085 unter Wolfhelm, dem dritten Abt der Abtei, fertiggestellt.
Nach nur wenigen Jahrzehnten wurde die unter Richeza gebaute Abteikirche ab 1136 grundlegend erneuert. In die Bauzeit von 1136 bis 1225 fällt auch der Bau der sogenannten dritten Brauweiler Kirche sowie der Neubau der Klosteranlage unter Abt Aemilius. Er stiftete zuallererst den Neubau des Kapitelsaals, welcher in dem mittelalterlichen Kloster im Ostflügel des Kreuzgangs lag und Versammlungs- und Beratungsraum des Konvents war. Der Kapitelsaal wurde von den seit 1095 nach der Siegburger Reform lebenden Mönche reich mit Fresken ausgemalt und ist ein einzigartiges Beispiel romanischer Monumentalmalerei des Rheinlands. Das Bildprogramm der Gewölbemalereien setzt sich dabei aus Szenen zusammen, die auf eine auf dem Hebräerbrief (11, 33-39) basierenden Lesung zurückgehen. Vermutlich wurden die Malereien zwischen 1148 und 1174 gefertigt. Der Bau des Ostflügels wurde sukzessive fortgeführt, anschließend wurden der West- und Südtrakt des Kreuzganges gebaut. Der Nordtrakt wurde als letztes fertiggestellt. Erst nach Fertigstellung des Neubaus der Klostergebäude wurde unter Abt Godesmann mit den Erneuerungsarbeiten an der Kirche begonnen.
Im Verlauf der Geschichte war eine große Anzahl verschiedener historischer Persönlichkeiten zu Gast in Brauweiler. Dazu gehörte der Mystiker und Mitbegründer des Zisterzienserordens Bernhard von Clairvaux. Er kam 1147 in die Abtei, um den adeligen Teil der Bevölkerung zur Beteiligung am zweiten Kreuzzug aufzufordern. Er feierte in der Klosterkirche am Hauptaltar die Messe und vollzog laut Klosterannalen auch einige Wundertätigkeiten. Die Kasel, ein liturgisches Gewand aus byzantinischer Seide, das Bernhard hierbei getragen haben soll, wird heute im Lapidarium der Pfarrkirche St. Nikolaus aufbewahrt und besticht durch seinen außergewöhnlichen guten Zustand.
Auch der Gelehrte und Kirchenlehrer Albertus Magnus kam 1274 in die Benediktinerabtei und weihte bei seinem Aufenthalt einen Altar in der Klosterkirche. Er stand in vertrautem Kontakt mit dem Brauweiler Abt Heinrich I. von Rennenberg und war berufen, um in einer Auseinandersetzung zwischen Abt und Konvent unterstützend zur Seite zu stehen.
Neben diesen bekannten Männern gibt es auch nicht minder bekannte Frauen, die mit der Geschichte des Klosters verbunden sind. So gab es beispielsweise im 12. Jahrhundert einen Briefwechsel zwischen Abt Geldolf und der wichtigen Äbtissin des Klosters Rupertsberg, Hildegard von Bingen. Abt Geldolf wandte sich an Hildegard mit der Bitte, eine besessene Frau von einem Dämon zu befreien. In der Vita der heiligen Hildegard berichtet Theoderich von Echternach, dass es Hildegard tatsächlich gelungen sei, die Frau von dem Dämon zu befreien.
Im 15. Jahrhundert wurde in der Abtei Brauweiler die Bursfelder Reform eingeführt, eine geistlich-monastische Reformbewegung, durch welche das Kloster in den Verband der Bursfelder Reformklöster einbezogen wurde. Dies bedeutete, dass die Mitgliedsklöster sich nach einheitlichen Vorschriften für Liturgie und Lebensgewohnheiten richteten und ihre Äbte in regelmäßigen Abständen zu Generalkapiteln zusammenkamen. Diese Gruppe war bestrebt, sich stärker auf die Ideale der Benediktsregel zurück zu besinnen und gegen die zunehmende Verweltlichung der Klöster vorzugehen.
Trotz alledem gingen die wirtschaftlich schwierigen Zeiten des Rheinlands im 15. Jahrhundert nicht an der Abtei Brauweiler vorbei. Wenngleich die Bursfelder Reform die geistliche Integrität der Abtei zunehmend stärkte, so war sie wirtschaftlich stark erschöpft. 1491 gelang jedoch Abt Adam II. von Münchrath während seiner Amtszeit ein Aufschwung der finanziellen Situation des Klosters. Aus einer Missernte zu Beginn der 1490er Jahre konnte die Abtei einen wirtschaftlichen Nutzen ziehen. Da sich eine große Menge Getreide in den Vorratskammern der Abtei befand, konnte es zum Vorteil der Abtei teuer verkauft werden. Mit dem erwirtschafteten Gewinn konnten so ein neues Back- und Brauhaus finanziert werden.
Das Jahr 1547 markiert ein wichtiges Datum in dem Bestehen der Abtei. Es ist das Jahr, in dem Kaiser Karl V. der Abtei das Recht zu Führung eines besonderen Wappens verlieh. Kaiser Karl V., Enkel und Nachfolger Kaiser Maximilians I. aus dem Habsburger Herrscherhaus, war das erste Mal um 1520 zu Besuch in der Abtei, als er sich auf dem Weg in das nah gelegene Köln befand. Im gleichen Jahr wurde er am 23. Oktober vom Kölner Erzbischof Hermann V. von Wied in Aachen zum Kaiser gekrönt.
Das vom Kaiser verliehen Wappen der Abtei Brauweiler zeigt einen schwarzen Adler auf silbernem Hintergrund, welcher einen goldenen Abtsstab hält. Damit verweist dieses Wappen auf die Beziehung der Abtei zu den römisch-deutschen Kaisern. Einzelne Äbte nutzten dieses Wappen, indem sie ihm im über der Brust des Adlers ihr eigenes Wappen hinzufügten. Die Verwendung des Wappens verstärkte das Ansehen der Abtei und wurde an vielen Stellen dern Abteigebäuden gut sichtbar angebracht. Zudem ließen die Äbte ein neues Siegel mit dem Wappenadler erstellen, dass sie fortan auf allen wichtigen Dokumenten und Urkunden nutzten. Trotz des kaiserlichen Wappens blieb die Abtei im Übrigen aber rechtlich weiterhin dem Kölner Erzbischof unterstellt.
Die Abtei war im Verlauf ihrer Geschichte ständigem Wandel unterlegen. Dieser zeigte sich nicht nur in Bezug auf die religiösen Pflichten der Mönche, sondern ganz unmittelbar auf ihr Dasein im Kloster. Zunächst plante aber der 51. Abt, Anselm Aldenhoven, Ende des 18. Jahrhunderts die Erneuerung der Abtei. Er beauftragte den Architekten Nikolas Lauxen, den mittelalterlichen Gebäudekomplex der Abtei zu erweitern und zu barockisieren. Dazu errichtete er die bis heute ortsprägende Prälatur als eine der letzten großen barocken Bauwerke überhaupt.
Historisch kann der späte und kostspielige Bau mit dem Zeitgeist des ausgehenden 18. Jahrhunderts begründet werden. Nach der erfolgreichen Amerikanischen Revolution sowie den aufkommenden Unruhen in Frankreich befand sich die Kirche in einer Zeit des Wandels und des Aufruhrs, wodurch ein Machtverlust befürchtet wurde. Ein pompöser und prestigeträchtiger Bau eines Klostergebäudes zeigte sich als wirkungsvolles Symbol der kirchlichen Macht in der Region. Bis heute repräsentieren die von Lauxen umgesetzten barocken Erweiterungen die Abtei und heben sie in ihrer Bedeutung im Ort hervor.
Wenig später, bereits 1794, zogen aber die französischen Revolutionstruppen in das Rheinland ein und besetzten es. Brauweiler wurde französisch.
1802 wurden dann tatsächlich auf Erlass des französischen Staates alle Klosterbesitzungen verstaatlicht. Auch in Brauweiler wurde das Kloster aufgelöst und die Mönche vertrieben. Damit endete die fast 800-jährige Geschichte der Abtei als Ort des monastischen Lebens. Nur wenige Jahre später wurde in den vorhandenen Gebäuden eine sogenannte „Bettleranstalt“ (1809 bis 1815) eingerichtet.
Ende der Auflistung.
Mit der Säkularisation der Abtei begann ein tiefgreifender Wandel ihrer Nutzung: Aus dem Kloster wurde zunächst ein französisches Bettlerdepot und später eine preußische Arbeitsanstalt. Über mehr als ein Jahrhundert prägten Zwangsarbeit, Disziplinierung und soziale Ausgrenzung das Leben der hier untergebrachten Menschen. In der Zeit des Nationalsozialismus verschärfte sich diese Entwicklung dramatisch, als Brauweiler zum Ort politischer Verfolgung, Inhaftierung und Gewalt wurde und damit zu einem bedeutenden Schauplatz der regionalen NS-Geschichte avancierte.
Bereits zum Ende der mönchischen Zeit in der Abtei Brauweiler war diese ein Anlaufpunkt für Bettler*innen und Landstreicher*innen. Menschen, die Hilfe benötigten, konnten einen Tag und eine Nacht in der Abtei unterkommen, sie erhielten einen Schlafplatz und eine Mahlzeit. Nachdem die Abtei säkularisiert wurde, ordnete Napoleon 1808 die Errichtung eines Bettlerdepots (dépot de mendicité) in jedem Departement des französischen Staatsgebiets an („Decret über die Ausrottung der Betteley“). Bettler sollten von der Straße geholt, im Bettlerdepot inhaftiert und durch harte Arbeit umerzogen bzw. zu arbeitswilligen Personen korrigiert werden.
1809 dekretierte Napoleon dem Bericht seines Präfekten Ladoucette entsprechend die Einrichtung eines Bettlerdepots für das Rur-Departement in der ehemaligen Abtei Brauweiler. Hierzu ordnete er an, dass die Klostergebäude instandgesetzt, ausgebaut und für die Zwecke eingerichtet werden sollten. Die westlichen und nördlichen Flügel des Kreuzgangs fielen diesen Baumaßnahmen zum Opfer. Laut französischen Berichten waren die Kreuzgangarkaden bereits so verfallen, dass eine Instandsetzung nicht mehr möglich war.
1811 wurde die Bettleranstalt eröffnet. Es gab eine französische Verwaltung, die Wärter*innen und das Hauspersonal kamen aus Brauweiler und der Region. Der Hauptproduktionszweig des Bettlerdepots war die Herstellung von Textilien. Die Insassen der Bettleranstalt waren zum größten Teil männlich, jung und arbeitsfähig. Im Gegensatz zu Frauen waren unverheiratete Männer eher dazu angehalten, das elterliche Haus zu verlassen und aktiv Arbeit zu suchen. Hinzu kamen kriegsverschuldete Obdachlose sowie Deserteure, die im Zuge der napoleonischen Kriege nach Brauweiler kamen.
Mit einem Fassungsvermögen von 693 Plätzen stellte die Abtei Brauweiler das viertgrößte Bettlerdepot der insgesamt 91 Departmentdepots dar. Nach unterschiedlichen Versuchen, die Bettelei in den Straßen Kölns stärker zu kontrollieren, hatte man letztlich von einer kommunalen Lösung abgesehen. Zusätzlich wurde Betteln unter Strafe gestellt, sodass die Insass*innen der Bettleranstalt einen kriminellen Stellenwert hatten.
Verschiedene Quellen, wie etwa ein Brief Ladoucettes, geben Auskunft über die Versorgung der Bettler in der Abtei. Man habe ein Belüftungssystem installiert und die Insassen erhielten Kleidung. Erhaltene Unterlagen des Depots bestätigen Ladoucettes Bild von einer guten und vielseitigen Ernährung. Auch die im Depot eingeführte Stoffproduktion rechnete sich bald und so konnte das Brauweiler in den französischen Jahren wirtschaftlich erfolgreich geführt werden.
Nach der Vertreibung der Franzosen aus dem Rheinland übernahm 1815 die preußische Verwaltung die Bettleranstalt und erweiterte sie zur „Provinzial-Arbeitsanstalt Brauweiler“. In der Arbeitsanstalt wurden Obdachlose, Landstreicher*innen, Prostituierte und Spielsüchtige zwangsweise inhaftiert und sollten durch Arbeit diszipliniert und zu produktiven Mitgliedern der Gesellschaft umerzogen werden. Außerdem gab es Sonderabteilungen für Alkoholkranke, psychisch Kranke, Land- und Ortsarme sowie schwer erziehbare Jugendliche.
Die Arbeitsanstalt finanzierte und versorgte sich weitestgehend selbst und verfügte unter anderem über folgende Werkstätten: Weberei, Näherei, Schreinerei, Schlosserei, Schmiede, Korbmacherei, Schusterei, Bäckerei, Ziegelei und ab 1873 außerdem: Anstreicherei, Druckerei, Buchbinderei, Tüten- und Briefumschlagfabrik.
Die hergestellten Produkte wurden sowohl für die Anstalt selbst als auch für andere Einrichtungen des Provinzialverbandes hergestellt. Die bis zu 300 weiblichen Insassinnen waren isoliert von den Männern im sogenannten Frauenhaus untergebracht. Sie arbeiteten vor allem in der Wäscherei, der Näherei, der Bügelei und der Küche.
1873 ging die Anstalt nach der Deutschen Reichsgründung vom preußischen Staat in den Besitz des rheinischen Provinzialverbandes über. Die Dauer der Inhaftierung betrug von da an mindestens sechs Monate und höchstens zwei Jahre. In den 1880er Jahren passte sich die Arbeitsanstalt zunehmend der wachsenden Industrialisierung an: Ein 1884/85 errichtetes Gaswerk und ein Maschinenhaus bildeten die Grundlage für die „industriemäßige“ Produktion in den Werkstätten. Um 1910 war die Anstalt mit 1100 männlichen und ca. 200 weiblichen Insass*innen fast vollständig belegt. Die Belegungszahl wuchs während wirtschaftlicher Krisenzeiten und sank während der Weltkriege, in denen viele männliche Insassen Militärdienst leisten mussten. 1913 wurde der sogenannte Zellenbau im heutigen Abteipark errichtet, 1897/98 ein Arresthaus, in dem Insass*innen Einzelhaft absitzen mussten.
Die Arbeitsanstalt Brauweiler hatte einen besonders schlechten Ruf. Die Worte „Ab nach Brauweiler“ kennt die ältere Generation aus der Umgebung teilweise heute noch. Das Arbeitshaus war bekannt für eine strenge Hausordnung, sehr harte Bedingungen und Strafen. So wurden die sogenannten Korrigend*innen beispielsweise in sehr kleine Einzelzellen („Behälter“) gesperrt oder körperlich gezüchtigt. Abschreckung und wirtschaftliche Ausbeutung dominierten über das eigentliche Projekt der gesellschaftlichen Wiedereingliederung sozialer Randgruppen. Es gab außerdem unter den Insassen eine hohe Rückfallquote.
Der Direktor der Arbeitsanstalt, welcher der Zentrumspartei nahestand, wurde 1933 – kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten – unrechtmäßig verhaftet. Die Vorwürfe des Betrugs erwiesen sich dabei als haltlos. Dennoch verlor er seinen Posten und wurde durch den überzeugten Nationalsozialisten Albert Bosse ersetzt. In der NS-Zeit verschärften sich die Repression, denen die in Brauweiler inhaftierten sozialen Randgruppen ausgesetzt waren. Arbeitsanforderungen, Regeln und Strafen wurden noch strenger. Die angeblichen charakterlichen Defizite der Insassen führte man auch auf genetische Veranlagungen und „angeborenen Schwachsinn“ zurück. Zahlreiche Häftlinge wurden aufgrund dieser angeblichen vererbbaren Schwächen zwangssterilisiert. In der Folge des Reichstagsbrandes wurde am 28.2.1933 die sogenannte „Reichstagsbrandverordnung“ erlassen, die Verhaftungen ohne richterlichen Beschluss zuließen. Personen konnten in sogenannte „Schutzhaft“ genommen werden. In dieser Zeit nahmen willkürliche Verhaftungen von politischen Gegnern der Nationalsozialisten zu. Im April 1933 trafen die ersten Massentransporte in Brauweiler ein, wo Teile der Arbeitsanstalt zum „Schutzhaftlager“ umfunktioniert wurden. Die meisten der 200 Häftlinge kamen aus dem Ruhrgebiet. Sie wurden aus dem Lager Bergkamen-Schönhausen nach Brauweiler gebracht. Im März 1934 wurde dieses frühe Konzentrationslager Brauweiler bereits wieder aufgelöst, die Häftlinge wurden in andere Konzentrationslager verlegt. 1938 dienten Gebäude der Arbeitsanstalt als Durchgangslager für Juden aus dem Rheinland. Während der Reichspogromnacht 1938 wurden etwa 600 jüdische Menschen aus dem Rheinland für einige Tage in Brauweiler inhaftiert, bevor sie nach Dachau deportiert wurden.
In den Kriegsjahren war Brauweiler Inhaftierungsort für verschiedene Widerstandsgruppen: Hierzu zählten unter anderem die polnische Heimatarmee Armia Krajowa, die französische „Action Catholique“ und das „Volksfrontkomitee Freies Deutschland“. Auch Mitglieder der Kölner Edelweißpiraten - Jugendliche, die sich der Hitlerjugend verweigerten - wurden in Brauweiler verhört, inhaftiert und teilweise von hier aus in Jugend-Konzentrationslager deportiert.
1944 wurde in Brauweiler das Gestapokommando Kütter eingerichtet. Hauptopfer des Kommandos waren osteuropäische Zwangsarbeiter*innen.
Viele der Häftlinge wurden in Brauweiler misshandelt, manche starben an den Folgeschäden der unmenschlichen Lebensbedingungen, begingen Selbstmord oder wurden zur Exekution nach Köln überstellt. Am 10. November 1944 wurden beispielsweise 13 Angehörige der Gruppe Steinbrück öffentlich und ohne Gerichtsverfahren in Köln-Ehrenfeld gehängt. Unter ihnen waren sechs Jugendliche unter 18 Jahren. Aber auch in Brauweiler selbst fanden willkürliche Ermordungen statt. 1945 wurden zwei junge osteuropäische Zwangsarbeiterinnen in Brauweiler erschossen.
Der wohl berühmteste Insasse des Gestapo-Gefängnisses war Konrad Adenauer. Er war 1944 im Rahmen der „Aktion Gewitter“ festgenommen worden. Mit Hilfe eines Freundes gelang ihm die Flucht aus einem Krankenhaus in Köln, in das er eingewiesen worden war, und tauchte unter falschem Namen im Westerwald unter. Die Gestapo nahm daraufhin seine Frau Auguste, genannt Gussie, fest und zwang sie, den Aufenthaltsort ihres Ehemannes preiszugeben - man drohte damit, ihre Töchter festzunehmen. Sie war 10 Tage in Brauweiler im Frauenhaus inhaftiert und unternahm dort einen Suizidversuch. Sie konnte gerettet werden, litt aber bis an ihr Lebensende 1948 unter den Folgen. Konrad Adenauer selbst verbrachte zwei Monate im Zellenbau in Brauweiler. Er wurde nach eigenen Aussagen den Umständen entsprechend „korrekt“ behandelt, bekam aber die Misshandlungen der anderen Häftlinge mit. Am 26. November 1944 wurde er freigelassen, da es keine Beweise für seine Verbindungen zum Widerstand gab.
Ende der Auflistung.
Nach 1945 wurde die Abtei Brauweiler erneut zu einem Ort tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche. Zunächst als Camp für sogenannte Displaced Persons genutzt, diente die Anlage anschließend wieder als Arbeitsanstalt und später als psychiatrisches Landeskrankenhaus, dessen Geschichte von Reformen, aber auch schweren Missständen geprägt war. Mit der Schließung des Krankenhauses 1978 begann schließlich die umfassende Restaurierung der Abtei und ihre Entwicklung zu einem bedeutenden Kultur- und Denkmalzentrum des Rheinlandes.
Mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen am 04. März 1945 endete in Brauweiler der Zweite Weltkrieg. Für Teile der Brauweiler Bevölkerung bedeutete dies die Zwangsräumung ihrer Häuser und Wohnungen zur Unterbringung alliierter Truppen und Organisationseinheiten. Auch die Gebäude und das Gelände der Provinzial-Arbeitsanstalt Brauweiler wurden von den Amerikanern beschlagnahmt. Gefangene und sogenanntef Korrigend*innen waren nur noch sehr wenige anzutreffen, da mit dem Vorrücken alliierter Truppen aus dem Westen bereits seit Herbst 1944 die Arbeitsanstalt sukzessive geräumt worden war und gegen Kriegsende hauptsächlich die Gestapo das Gelände der Abtei Brauweiler nutzte.
In der Arbeitsanstalt wurden von den vorrückenden Soldaten nur noch 135 Männer und 10 Frauen angetroffen sowie einige Bedienstete und der Anstaltsgeistliche Thewissen, den die Alliierten zum kommissarischen Leiter der „Anstalt“ ernannten. Der eigentliche Leiter der Provinzial-Arbeitsanstalt Brauweiler, Albert Bosse, hatte sich zuvor bereits in den Harz abgesetzt, wo er Suizid beging, um u.a. den juristischen Folgen seiner Taten zu entgehen. Die Anstalt wurde am 06. Juni 1945 offiziell aufgelöst und die verbliebenen Insassen auf andere Einrichtungen verteilt. Dem kommissarischen Anstaltsleiter verblieb die Leitung und Aufsicht über Bedienstete und einige Anstaltseigene Betreibe (Gutshof, Gärtnerei, Ziegelei, Bäckerei und Wäscherei). Bereits mit dem Einmarsch alliierter Truppen wurden in den Gebäuden der Arbeitsanstalt verschiedene Personengruppen untergebracht. Anfangs wurden die aus ihren eigenen Häusern und Wohnungen ausquartierten Einwohner*innen Brauweilers und zeitgleich auch erste sogenannte Displaced Persons (kurz: DP’s) auf dem Gelände beherbergt.
Während die Brauweiler Bevölkerung nur wenige Wochen hier Unterschlupf fand, verbrachten die DP’s auf dem ehemaligen Klostergelände insgesamt mehrere Jahre. Displaced Persons waren damals hauptsächlich Menschen, die während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat nach Deutschland, bspw. als Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter*innen verschleppt worden waren. Daher gründeten zunächst die Amerikaner ein DP-Camp, das sie dann an die nachrückenden Briten übergaben. Die erste Gruppe DP’s, die in Brauweiler untergebracht wurde, waren vor allem westliche Europäer*innen (aus den Niederlanden/Belgien/etc.) deren sogenannte Repatriierung ohne Schwierigkeiten vorzunehmen war. Auf diese ersten DP’s folgten von etwa Mai bis September 1945 mehrere tausend Italiener*innen, die das Naziregime als Kriegsgefangene interniert hatte. Daher wurde innerhalb des Camps in dieser Zeit auch vom „Commando Italiano del Campo“ gesprochen.
Die dritte und längste Phase des DP-Camps Brauweiler wird durch die Unterbringung ehemaliger Zwangsarbeiter*innen verschiedenster osteuropäischer Nationalitäten markiert, wobei die Gruppe aus Polen den größten Anteil hatte. Nach offizieller Zählung der britischen Armee vom 29. Februar 1948 waren 2428 Personen im DP-Camp Brauweiler untergebracht.
Neben den beengten Verhältnissen im Camp traten auch die teils geringen Rationszuweisungen hinzu. Nahrungsmittel und Zigaretten galten im DP-Camp, wie im gesamten Nachkriegsdeutschland, als Währungsmittel. Daher waren auch die DP’s darauf aus, sich Nahrungsmittel und andere Tauschwaren zu besorgen. Da kein wirklicher Austausch bzw. Kontakt zur Brauweiler Bevölkerung bestand und die eine wie die andere Seite dem ehemaligen „Feind“ (noch) nicht vergeben hatte, kam es zu kriminellen Handlungen. Das Ganze nahm solche Ausmaße an, dass selbst die Kölner Zeitungen über Überfälle und Schusswechsel im Raum Brauweiler berichteten. Die britische Militärregierung versuchte zwar, mit Durchsuchungen der DP-Camps die DP’s zu entwaffnen, doch zumindest in Brauweiler schlug dies katastrophal fehl: Im Juli 1947 sollten unter der Leitung der britischen Armee 80 deutsche Polizisten das DP-Camp Brauweiler nach Munition und illegalen Waffen durchsuchen. Die Durchsuchung endete in einem Fiasko, 31 der 80 Polizeibeamten wurden wie drei der DP’s verletzt. Die Polizisten mussten damals ihren Einsatz abbrechen und sich zum eigenen Schutz zurückziehen. Auf diese Weise war an friedlichen Kontakt zur deutschen Bevölkerung nicht zu denken.
So schnell das DP-Camp Brauweiler in Gang gesetzt wurde, so schnell wurde es auch wieder geschlossen. Kurz nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland gaben die Alliierten die Kontrolle über die DP-Camps an die Bundesrepublik ab. Wie sich heute zeigt, hatte dies viel mit den Zusatzkosten, die durch den Betrieb der DP-Camps entstanden waren, zu tun. Im Zuge dieser Übergabe der Kontrolle wurde das DP-Camp Brauweiler geschlossen und die letzten Bewohner*innen auf andere Camps verteilt. Bereits im November 1949 wurde das Abteigelände wieder frei- und an die damals noch zuständige Vorgängerorganisation des LVR zurückgegeben.
Nachdem im November 1949 die letzten sogenannten Displaced Persons das Gelände der ehemaligen Arbeitsanstalt verlassen hatten, gelangten Bewirtschaftung und Betrieb der Liegenschaft wieder vollständig unter die Kontrolle des Provinzialverbandes Rheinland, dessen Nachfolger 1953 der Landschaftsverband Rheinland wurde. Dieser unterhielt die Arbeitsanstalt bis 1969.
Die stark beschädigten Gebäude wurden zunächst wieder instandgesetzt. Eine umfassende Restaurierung aller Gebäude fand jedoch zum damaligen Zeitpunkt nicht statt. Zwar wurden vereinzelt Gebäudeteile restauriert, wobei aber aus heutiger Sicht Fehler gemacht wurden. Beispielsweise wurden die mittelalterlichen Wandmalereien im Kapitelsaal bei der Abnahme von Übermalungen in den 1950er Jahren stark beschädigt.
Der Betrieb der Arbeitsanstalt glich im Ganzen den Verhältnissen der Vorkriegsjahre. Da auch die 1912 gegründete „Trinkerheilanstalt Freimersdorf“ auf dem Gelände der Abtei Brauweiler weitergeführt wurde, war das Klientel der Nachkriegszeit mit dem der 1920er Jahre vergleichbar. Dies hing mit der damals geltenden Rechtsprechung zusammen, die bis 1969 noch immer auf einer gesetzlichen Regelung aus dem Allgemeinen Preußischen Landrecht von 1794 basierte, welches als erzieherische Maßnahme die sogenannte „korrektionelle Nachhaft“ vorsah. Die als „Korrigend*innen“ bezeichneten Personen hatten nach Ableistung ihrer jeweiligen Haftstrafe diese „Nachhaft“ anzutreten, um durch Arbeit ein „normales“ Leben zu erlernen.
Die Insass*innen arbeiteten in den anstaltseigenen Betrieben, z.B. in der Schneiderei, Wäscherei oder der Ziegelei. Dort wurden Waren für andere Landeskrankenhäuser oder externe Kunden hergestellt. Der damals hier tätige Schneidermeister berichtete, dass die Näherei unter anderem Küchenschürzen für den Schlussverkauf einiger Versandhändler produzierte. Ein Ansporn zur Arbeit war für die Korrigend*innen immer die Aussicht auf Tabak oder Zigaretten am Feierabend.
Diejenigen, die auf Grund von Alkoholismus, Bettelei, Landstreicherei, Prostitution, Zuhälterei oder Unterhaltsschulden einsaßen, kamen aus ganz Westdeutschland, da Verträge zur Unterbringung mit anderen Bundesländern bestanden. Dies war auch der Grund dafür, dass die Frankfurter Prostituierte Rosmarie Nitribit, die durch ihren gewaltsamen Tod Berühmtheit erlangen sollte, von 1952 bis 1953 in Brauweiler untergebracht war.
Mit dem gesellschaftlichen Wertewandel in den 1960er Jahren waren auch die Belegungszahlen der Landesarbeitsanstalt rückläufig. Die Gründe hierfür lassen sich auf mehrere Aspekte zurückführen. Zum einen wiesen die Gerichte nicht mehr so häufig wie zuvor Personen in Arbeitshäuser ein, zum anderen kündigten verschiedene Bundesländer ihre Verträge mit der Arbeitsanstalt. Gleichzeitig war die Zahl der Suchtkranken gestiegen. Da inzwischen die Gesetzgebung Alkoholismus als Krankheit anerkannt hatte und die gesetzlichen Krankenkassen eine Unterbringung in einem Krankenhaus, aber nicht in einer Arbeitsanstalt bezahlte, ging die Idee der Arbeitshäuser dem Ende entgegen. Und spätestens mit der bundesdeutschen Strafrechtsreform, die am 1.9.1969 in Kraft trat war die Arbeitshaushaft abgeschafft worden. Der LVR entschied daher 1969 in Absprache mit den zuständigen Landesministerien, die Arbeitsanstalt Brauweiler zu schließen und in eine Klinik für Suchtkranke umzuwandeln, das Landeskrankenhaus Brauweiler.
Vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Wertewandels und bundesdeutscher Gesetzesänderungen (u.a. war durch die Strafrechtsreform vom 1.Seotember 1969, die Arbeitshaushaft abgeschafft worden) wurde die Landesarbeitsanstalt Brauweiler im Jahr 1969 geschlossen. Da die anstaltseigenen Betriebe und die vorhandene Infrastruktur ideale Bedingungen für eine weitere medizinische Nutzung zu sein schienen, wurde die Liegenschaft als Landeskrankenhaus Brauweiler mit einem Schwerpunkt auf der Behandlung von Suchtkranken weiter betrieben. Dies brachte aber bereits in der Vorbereitung Probleme mit sich.
Personell war die Landesarbeitsanstalt Brauweiler einem Krankenhausbetrieb mit Suchtschwerpunkt nicht gewachsen, da erhebliche Unterschiede in der Art und Weise bestanden, wie mit Suchtkranken umgegangen wurde:
1. Anfangs fehlte es besonders an ärztlichem Personal, da bis 1969 nur drei Fachärzt*innen für Neurologie und Psychiatrie in Brauweiler tätig waren.
2. War bis auf elf ausgebildete Pfleger*innen, nur aus dem Aufsichtsbereich stammendes Personal angestellt. Diese Mitarbeitenden ließ der Landschaftsverband Rheinland zunächst in anderen Landeskrankenhäuser hospitieren, um zu Pflegepersonal umgeschult zu werden.
3. Bedingte die veränderte Umgangsweise die Notwendigkeit eines anders geschulten Personals. Während die in der Arbeitsanstalt angewandte Zwangsarbeit das Verhalten der eingelieferten Personen korrigieren sollte und daher eher Aufsichtspersonal benötigt wurde, verfolgte die klinische Herangehensweise eine tatsächliche Behandlung der Suchtkranken, die deren Suchtprobleme als Krankheit ansahen und durch Therapie und Medikation die Ursachen dieser Sucht in den Griff zu bekommen suchten. Hierfür war jedoch medizinisches Personal notwendig und nicht wie zuvor Personal des Justizvollzugs.
Dr. Reinhard Mangliers, der die konzeptionelle Vorbereitung seit 1968 übernommen hatte, ließ sich jedoch bereits 1971 in ein anderes Landeskrankenhaus (LKH) versetzen, da er es trotz vielfältigster Bemühungen nicht geschafft hatte, die Personalsituation in Brauweiler zu verbessern.
Für ihn übernahm - bis zur Schließung des Landeskrankenhauses Brauweiler - Dr. Fritz Stockhausen die Leitung. Nachdem man 1971/72, auch auf Grund öffentlich gewordener Missstände, feststellen musste, dass das ursprüngliche Konzept einer Einrichtung für Suchtkranke aus dem gesamten Rheinland nicht tragfähig war, entschloss sich der LVR zum 1. April 1972, das Krankenhaus in eine allgemeinpsychiatrische Einrichtung mit definiertem Versorgungsgebiet umzuwandeln. Dieser Änderung vorausgegangen war eine öffentliche Aktion von Brauweiler Ärztinnen und Patient*innen, die Reformen forderten. Sie wehrten sich gegen die Behandlung von Patient*innen wie zu Zeiten der Landesarbeitsanstalt.
Zum Hintergrund hierzu ist zu bemerken, dass die arbeitsanstaltseigenen Betriebe zum Großteil fortgeführt wurden und die Patient*innen dort zu arbeiten hatten. Das Fortführen der klinikeigenen Betriebe hatte jedoch nicht nur einen arbeitstherapeutischen Hintergrund, sondern stellte für das Landeskrankenhaus Brauweiler auch einen erheblichen betriebswirtschaftlichen Faktor dar, da hier u.a. die Wäsche für andere Krankenhäuser gewaschen oder Vorbereitende Schritte wie das Schälen der Kartoffeln für die Kantine der Zentralverwaltung des LVR in Köln-Deutz vorgenommen wurden. Mit dieser Änderung der Nutzung war dem Landeskrankenhaus Brauweiler das Psychiatrie-Versorgungsgebiet des Landkreises Köln und die Suchtkrankenversorgung des linksrheinischen Kölns übertragen worden.
Doch auch im weiteren Verlauf des Krankenhauses blieb der ärztliche Betreuungsschlüssel ein Stein des Anstoßes. Nicht nur die Klinikleitung und Teile des Personals kritisierten immer wieder die angespannte Personalsituation, sondern auch die Patient*innen trugen dies spätestens 1975 in die Öffentlichkeit. Auf Grund des angesprochenen Betreuungsschlüssels, bei welchem im Jahresdurchschnitt auf einen Arzt/eine Ärztin 42 Patient*innen kommen, wurde von den Patient*innen besonders das fehlende Patientengespräch bemängelt.
Dies führte dazu, dass das LKH Brauweiler im Laufe der Jahre mehrfach der öffentlichen Kritik und Beobachtung ausgesetzt wurde. Hierdurch wurde festgestellt, dass in Brauweiler trotz des Manglier’schen Konzepts keine wirkliche Therapie stattfand. Die Patient*innen, die ohne Therapie auskommen mussten, wurden weiterhin zur Arbeit in den krankenhauseigenen Betrieben angehalten.
Patient*innen mit schwereren psychischen Erkrankungen hingegen wurden trotz angestoßener bundesweiter Psychiatriereformen meist nur medikamentös behandelt, ohne dass irgendeine andere Form der Therapie stattgefunden hätte.
Zwar war der ärztliche Leiter des Krankenhauses, Dr. Stockhausen, in seinen Anfangsjahren durchaus um Reformen bemüht gewesen, doch auf Grund der personellen und baulichen Situation in Kombination mit internen Streitigkeiten und eigenen krankheitsbedingten Problemen setzte sich bei ihm ein stark autoritär geprägter Führungsstil durch, der keine Reformen mehr zuließ. Eine seiner ersten Maßnahmen, die durchaus reformorientiert war, war es Fixierungen auf das Nötigste zu begrenzen. Doch gelang es ihm nicht, dies unter seinen Kolleg*innen zu etablieren.
Des Weiteren führte die durch ihn veranlasste Abnahme der Fenstergitter und seine Anweisung, die Fenster nicht abzuschließen, dazu, dass vermehrt Patient*innen unter der Gefahr für Leib und Leben aus dem Krankenhaus entweichen konnten. Spätestens im Laufe des sogenannten Brauweilerskandals führten diese Entwicklungen 1978 zu Ermittlungen durch die Kölner Staatsanwaltschaft unter der Leitung von Oberstaatsanwältin Maria Th. Mösch. Frau Mösch ermittelte, da bei den Kölner Polizeibehörden mehrere Anzeigen durch die Sozialistische Selbsthilfe Köln (SSK) gegen Leitende Mitarbeitende des LVR und des Landeskrankenhauses Brauweiler eingegangen waren. Im Vorfeld dieser Anzeigen hatten Mitglieder des SSK regelmäßig Patient*innen besucht und vermuteten, dass eine Patientin im LKH Brauweiler, auf Grund ihres Krankheitsverlaufs, an einer Übermedikation verstorben war. Der SSK erstattete u.a. Anzeige gegen den Klinikleiter und den behandelnden Arzt, demonstrierte öffentlich und wandte sich an die Presse. Hierdurch kam eine Skandalisierung des Landeskrankenhauses Brauweiler ins Rollen, in deren Verlauf der LVR die Einrichtung schloss.
Doch selbst nach dem zunächst verhängten Aufnahmestopp kam es zu weiteren Todesfällen, die in engem Zusammenhang mit der Personalsituation und den baulichen Faktoren standen. Die Ermittlungskommission um Maria Th. Mösch kam zu demselben Ergebnis wie der SSK und deckte noch weitere Missstände in Brauweiler auf. Dies führte in der Folge dazu, dass mehrere Pfleger*innen und Ärzt*innen verurteilt wurden.
Das Landeskrankenhaus Brauweiler wurde auf Beschluss des Landschaftsausschusses Ende Mai 1978 geschlossen und einer kulturellen Nutzung zugeführt. Die verbliebenen Patient*innen wurden auf andere Landeskrankenhäuser verteilt oder vorzeitig entlassen. Das Personal, soweit es nicht in den Kultureinrichtungen des LVR weiter beschäftigt werden konnte, wurde in andere psychiatrische Einrichtungen des LVR versetzt oder frühzeitig in den Ruhestand verabschiedet. Damit endete das erzieherisch-medizinische Kapitel der Abtei Brauweiler endgültig, und kulturelle Belange zogen nach über 170 Jahren wieder in die Gebäude ein.
Als im Mai 1978 der Betrieb des Landeskrankenhaus Brauweiler eingestellt wurde, waren bereits grundlegende Überlegungen, einige der Kulturdienststellen des LVR in Brauweiler anzusiedeln, abgeschlossen. Bereits zwei Jahre vor der Schließung des Landeskrankenhauses war die erste psychiatriefremde Einrichtung nach Brauweiler auf das Abteigelände gelangt. Im Keller des sog. Wechselkrankenhauses hatte LVR-Mitarbeiter Peter Hensel, das Altaktenlager der Zentralverwaltung eingerichtet. Diese Einrichtung bestand in ihrer ursprünglichen Form fort bis 1985, als das Zentralarchiv des LVR mit der LVR-Archivberatung aus Köln-Deutz nach Brauweiler umzog und das Altaktenarchiv unter dem Begriff „Zwischenarchiv“ Teil des Archivs des LVR wurde.
Bereits 1978 - nur kurz nach der Schließung des Landeskrankenhauses - waren unter der Leitung von Antonius Dommers die Publikationsstelle, der Rheinlandverlag, und die Rheinland Betriebsgesellschaft mbH, sowie unter der Leitung von Dr. Alfons W. Biermann das Rheinische Museumsamt nach Brauweiler umgezogen. Dr. Peter Joerißen, damals Wissenschaftlicher Referent des Museumsamtes, beschrieb die Situation in Brauweiler als raum- und verkehrstechnisch wesentlich besser als in Bonn, wo das Museumsamt zuvor in einer Bonner Altbauwohnung in unmittelbarer Nähe des Landesmuseums seinen Sitz hatte. Gleichzeitig mit den ersten Umzügen fand unter der Federführung der LVR-Projektkommission Brauweiler die Renovierung und Restaurierung der Abtei und des Abteigeländes statt. Bis zur Fertigstellung der gesamten Anlage mussten die oben genannten Dienststellen mehrfach innerhalb des Abteigeländes umziehen und mehr oder weniger auf einer Baustelle arbeiten.
Die Restaurierung selbst wurde zwar von der Projektkommission organisatorisch begleitet, fand jedoch unter den Augen des LVR-Denkmalamtes statt. Bis zu ihrer Fertigstellung kosteten Restaurierung und Umbau knapp 80 Mio. DM. Die teils im 19. Jahrhundert durch preußische Bauteile ergänzte Klosteranlage wurde in ihren barocken Zustand zurückversetzt. Etliche ehemalige Gebäude der Arbeitsanstalt und des Landeskrankenhauses wurden in dieser Zeit abgerissen - so auch das 1959/60 im heutigen Park erbaute „Haus D“ (ein psychiatrischer, gefängnisähnlicher Krankenhausbau). Beim Ausbruch-Versuch waren einige Patienten an der steilen Häuserwand („Eiger-Nordwand“) abgestürzt.
Die Restaurierung und der Umbau der ehemaligen Klostergebäude hatten sich gelohnt: 1990 erhielt die Abtei die Auszeichnung als „vorbildliches Bauwerk“. Verliehen wurde sie vom Land Nordrhein-Westfalen und der Architektenkammer NRW. Dr. Christoph Zöpel (SPD), damaliger Minister für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr des Landes NRW, sprach in seiner damaligen Laudatio von „eine[r] bedeutende[n] denkmalpflegerische[n] und bauliche[n] Leistung“.
Das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, das die Restaurierung fachlich betreute und zahlreiche Kunst- und Bauschätze vor der Zerstörung rettete, bezog 1985 ebenfalls Büroräume in der mittelalterlichen Klosteranlage.
Der damalige Leiter des Rheinischen Museumsamtes, Dr. Alfons W. Biermann, gründete in den 1980er Jahren gemeinsam mit einigen seiner Weggefährten den Verein „Freundeskreis Abtei Brauweiler“, der die Nachfolge des ehemaligen Kulturvereins in Brauweiler antrat. Ziel war es, die Abtei Brauweiler durch kulturelle Veranstaltungen nach außen zu öffnen und ihr negatives Image zu verändern. Der Freundeskreis Abtei Brauweiler e.V. bietet bis heute ein vielseitiges Kulturprogramm.
Während noch heute sowohl das LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum, als auch das LVR-Amt für Denkmalpflege ihren Sitz in Brauweiler haben, wurde die LVR-Museumsberatung 2007 nach Köln verlegt. 1978 war in Brauweiler vom Museumsamt eine Schule für Restaurierungstechnik gegründet worden. Doch bereits nach zwei Jahrgängen wurde sie wieder geschlossen. Die 1981 gegründete Museumsschule, die über viele Jahre Fort- und Weiterbildungen für Museumspersonal anbot, hat im Fortbildungszentrum für Archive, Bibliotheken und Museen ihren Nachfolger gefunden.
Ein erster Schritt, die Geschichte der Abtei Brauweiler auszustellen, erfolgte durch die im Jahr 2008 eröffnete Gedenkstätte Brauweiler , die im Kellergeschoss des ehemaligen Frauenhauses (heute Bürohaus) eingerichtet ist und die Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 in Brauweiler dokumentiert. 2010 konnte im ehemaligen Gutshof das Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds eröffnet werden. Hier werden gesamte Werkkomplexe der jüngeren Kunst für die Zukunft bewahrt und öffentlichen Museen als Leihgaben für Ausstellungen zur Verfügung gestellt.
Als Teil des LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrums sorgt heute das LVR-Kulturzentrum Abtei Brauweiler für die touristische Erschließung der Liegenschaft und trägt mit Kulturveranstaltungen zur öffentlichen Wahrnehmung der Abtei Brauweiler bei. Gemeinsam mit seinen Partnern - dem Freundeskreis der Abtei Brauweiler e.V., dem Verein für Geschichte e.V. Pulheim und verschiedenen anderen Playern - setzt es sich für die Sichtbarmachung der 1000-jährigen Geschichte des Bauwerks und seiner heutigen Nutzung als Kultur- und Dienstleistungszentrum des LVR ein. Ebenfalls ansässig in der Abtei ist die Rheinland Kultur GmbH.
Ende der Auflistung.