Wir kriegen die Krise!
Krise im Alltag – Alltag in der Krise
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Kennen Sie die Redewendung vom „grauen Alltag“? Sie tut dem täglichen Leben mit seinen vertrauten Routinen, Regeln und Abläufen ein wenig Unrecht. Denn der Alltag mag mitunter farblos – im Sinne von eintönig – erscheinen und mit wenig Abwechslung aufwarten, aber mit dem Erwartbarem geht auch Sicherheit und Vertrautheit einher. Man stelle sich vor, wir müssten jeden Tag von Grund auf neu regeln, in welcher Form wir miteinander umgehen und wie wir auf wiederkehrende Ereignisse reagieren! Was es mit uns macht, wenn vermeintlich Selbstverständliches in Frage gestellt wird, haben wir eindringlich während der Corona-Pandemie erfahren. Solche Erschütterungen des Alltags angesichts derer sich Individuen und Gesellschaften neu orientieren und vereinbaren müssen, können wir als Krisen bezeichnen.
Krisen sind keine punktuellen Ereignisse, sondern zeichnen sich durch ihre Prozesshaftigkeit aus, mit der oftmals eine Zuspitzung einhergeht. Charakteristisch ist, dass Krisen ambivalent sind, ihr Ausgang ist zunächst offen. Doch egal, ob diese Wendepunkte zum Besseren oder Schlechteren führen, Krisen erzwingen in der Regel eine Revision des bisherigen Status Quo, zum Beispiel ein Überdenken überkommener Werte und Traditionen. Mit genau solchen Phänomenen setzt sich die Abteilung Alltagskultur und Sprache in ihrem Projekt „Alltag in der Krise – Krise im Alltag“ auseinander. Es ist ein weiteres Projekt der Abteilung, das belegt, dass der Alltag aus Sicht der Kulturanthropologie keineswegs grau und farblos ist. Er ist vielmehr ein hochinteressantes Forschungsfeld, an dem sich viel über kulturellen und gesellschaftlichen Wandeln ablesen lässt.
Krisen stellen bestehende Alltagsordnungen in Frage und stoßen Veränderungen an. Insofern können sie auch zu Innovationstreibern werden. Krisen sind also nicht immer nur negativ.
Die am Projekt „Wir kriegen die Krise!“ beteiligten Wissenschaftler*innen untersuchen unterschiedliche Krisenphänomene aus kulturanthropologischer Perspektive: Wie verorten sich Schützenvereine im Rheinischen Braunkohlerevier angesichts von Umsiedlung, demographischem Wandel und veränderten Geschlechterverhältnissen neu? Wie entwickeln junge Geflüchtete nach biographischen Brüchen neue Zukunftsperspektiven? Wie findet Krisenerleben Eingang in die Sprache und in Neologismen? Und welche Rolle spielen private Fotoalben im Umgang mit individuellen Lebenskrisen? Ziel ist es, Krisenphänomene dicht zu beschreiben, zu analysieren und individuelle wie gesellschaftliche Bewältigungsstrategien sichtbar zu machen. Zugleich möchte das Projekt die "Krise" definitorisch fassen und ihn so für einen kulturanthropologischen Ansatz furchtbar machen.
Als Basis für die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Facetten von Krise hat das Projektteam folgende Arbeitsdefinition entwickelt, die den Konstruktionscharakter von Krisen betont: „Krisen sind Wahrnehmungen individueller oder gesellschaftlicher Umbrüche, bei denen Alltagsroutinen und Strukturen in Unordnung geraten. Krisen sind nicht naturgegeben, es handelt sich vielmehr um Deutungsphänomene und Kulturbeschreibungen, anhand derer gesellschaftliche Überzeugungen, Werte und Normen ausgehandelt werden. Die wahrgenommene Destabilisierung soll narrativ, performativ und symbolisch wieder korrigiert werden. Die Herstellung dieser neuen Ordnung bezeichnen wir als Krisenbewältigung.“
Einzelne Ergebnisse sind bereits in unterschiedlichen Zusammenhängen kommuniziert worden. Eine Publikation ist für 2028 geplant.
Das Projekt wurde auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Alltagskulturforschung (DGEKW) 2023 in Dortmund vorgestellt. Einzelne Projekteansätze sind über Vorträge, Aufsätze, einem Podcast der LVR-ILR und einen Ausstellungskatalog publiziert worden. Eine Buchpublikation ist 2028 geplant.