„Bildergeschichte(n)“
Fotoalben als Objektivationen privater Erinnerungskultur
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Spätestens seit den 1950er Jahren wurde der Fotoapparat beständiger Begleiter von Festen, Reisen und besonderen Anlässen. Damit war es möglich, individuelle, familiäre und kollektive Erinnerungen detailliert und situationsbezogen festzuhalten, ohne dass man auf einen Fotografen und ein Fotostudio angewiesen war. Dies veränderte die Praktiken des Fotografierens und damit auch die Bildmotive. Die Fotos wurden in Alben geklebt, die damit Träger von Erinnerungen, Alltagsgeschichten und -geschichte sind. Im aktuellen Forschungsprojekt wird zum einen das Album selbst als objektivierter Erinnerungsspeicher analysiert, zum anderen werden die Nutzungspraktiken entschlüsselt. Mit Hilfe qualitativer Interviews können so Ritualisierungen aufgezeigt und individuelle wie kollektive Bedeutungsebenen und Funktionen entschlüsselt werden.
Ich vergleiche ein Fotoalbum und die Bilder, die da drinnen sind, mit einem Nagel, der in die Wand geschlagen wird. Da drunter hängt ein Bild. Und das Bild sagt einem was. Es erzählt eine Geschichte. Das Album ist für mich ein Erinnerungsstück.
Das 20. Jahrhundert kann als Jahrhundert der Fotos beschrieben werden: Technische Innovationen senkten die Kosten für die Anschaffung eines Fotoapparates sowie die Entwicklung der Aufnahmen. Seit den 1960er Jahren besaß dann fast jede Familie einen Fotoapparat und der Alltag wurde im Bild festgehalten. Die entwickelten Fotografien wurden dann – manchmal in Verbindung mit anderen Erinnerungsobjekten wie Eintrittskarten in Fotoalben geklebt. Diese Fotoalben sind Speicher von Erinnerungen und interpretieren Erlebtes. Die Texte unter den eingeklebten Bildern kommunizieren besondere Botschaften, sie verweisen auf Jahreszahlen, nennen Namen und personalisieren die abgebildeten Menschen. Bestimmte Ereignisse werden explizit betitelt und verortet, andere bleiben anonym und unkommentiert. In dem laufenden Forschungsprojekt wird zum einen das Album selbst als objektivierter Erinnerungsspeicher analysiert: Wer ist der Adressat der Alben? Dienen die Beschriftungen als Gedankenstütze für den Besitzer, die es ihm ermöglicht, die Fotos und damit Ereignisse, Erlebnisse und Geschichten zu erinnern oder wird hier ein zukünftiger Empfänger mitgedacht? Welche Informationen und Botschaften werden hier überhaupt vermittelt? Zum anderen gilt es, die Nutzungspraktiken zu entschlüsseln: Wer klebt die Fotos wann ein? Wie wird das Album benutzt? Zu welchen Anlässen, mit wem, wo und wie wird es (wieder) angesehen? Welche Narrative werden dabei transportiert und welche Funktion haben diese Erzählungen.
Zahlreiche Fotoalben aus Privatbesitz wurden digitalisiert, haben Eingang in das Archiv des Alltags im Rheinland gefunden und werden nun ausgewertet. Parallel dazu wurden qualitative Interviews mit Besitzern und Gestalter dieser Alben geführt, um so Ritualisierungen aufzuzeigen und individuelle wie kollektive Bedeutungsebenen und Funktionen zu entschlüsseln.
Die Datenerhebung des Projektes ist abgeschlossen. Das Projekt befindet sich aktuell in der Auswertungsphase. Geplant ist die Veröffentlichung der Ergebnisse als Buchpublikation.
Ein Aspekt des Projektes wurde unter dem Titel „Bilder des glücklichen Lebens. Fotoalben als symbolische, narrative und mentale Strategie der Krisenbewältigung“ in storymaps nachhaltig aufbereitet. Außerdem wurde das Projekt auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Alltagskulturforschung (DGEKW) 2023 in Dortmund vorgestellt. Eine Buchpublikation ist 2028 geplant.