Ein Kunstwerk von allen für alle
Was mit einer Idee begann, ist heute für viele Menschen sichtbar. Die außergewöhnliche Entstehung der Großskulptur "Kuh, Kalb, Maus" von Nicole Peters verbindet Menschen und macht kulturelle Teilhabe erlebbar.
Ende des Seitenheaders.
Von Januar bis November 2025 hat die Künstlerin Nicole Peters mit 631 Menschen zwischen fünf und 83 Jahren eine Miteinander-Großskulptur für Bedburg-Hau entwickelt und gebaut.
Vier Gruppen aus Bedburg-Hau kamen unabhängig voneinander auf die Künstlerin Nicole Peters zu und wollten mit ihr ein Projekt umsetzen:
die OGS der St. Markus-Grundschule,
die LVR-Dietrich-Bonhoeffer-Schule,
der Ausländer-Initiativ-Kreis und
die örtliche SPD.
Für Nicole war schnell klar: Daraus könnte etwas viel Größeres entstehen. Statt vier einzelner Projekte entwickelte sie die Idee einer Gemeinschaftsskulptur – offen für alle Menschen, unabhängig von Alter, Herkunft oder Behinderung. Was sie dazu bewegte, war der Wunsch, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen.
"Die neue Mitte-Studie der Friedrich Ebert Stiftung von 2023 ergab: 6,6 % der Befragten wünschen sich eine rechtsgerichtete Diktatur. Plus Graubereich von 23,3% ergibt das 29,9 % mit demokratiefeindlicher Gesinnung. Ein Drittel demokratiefeindlich! Diese Zahl ist zu groß, um achselzuckend zuzusehen. Es braucht echte Begegnungen von Menschen unterschiedlicher Teile unserer Bevölkerung und es braucht echte Teilhabe an überschaubaren demokratischen Prozessen.", sagt sie. Angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen wollte sie einen Ort schaffen, an dem Menschen sich begegnen, miteinander arbeiten und demokratische Teilhabe ganz selbstverständlich erleben.
Eine Miteinander-Großskulptur in einem künstlerisch-demokratischen Prozess offen für die Teilhabe aller Menschen zu bauen, ist für mich ein großer Beitrag – für die Gesellschaft als Ganzes nur eine winzige Stellschraube, aber die mir mögliche."
Eine große Idee allein reicht nicht aus. Nicole überzeugte gemeinsam mit der Gemeinde Bedburg-Hau Verwaltung und Politik von ihrem Vorhaben. Doch wie so oft stellte die Finanzierung die größte Herausforderung dar. Die Regionale Kulturförderung des LVR setzte dabei ein entscheidendes Signal: Mit der Förderzusage von 100.000 Euro schlossen sich schließlich weitere Partner an, darunter die Zevens-Stiftung, die LAG Soziokultur, die Kulturstiftung Niederrhein, die Gemeinde Bedburg-Hau, die Sparkasse Rhein-Maas und die Stadtwerke Kleve.
Wichtig war nur die Bereitschaft, sich konzentriert und mit Liebe einzubringen.
Als Fremde gemeinsam etwas schufen
Aus einer Idee wurde schnell mehr als ein Kunstprojekt. "Der gesamte Prozess war ein Kraftakt. Das habe ich vorher gewusst und auch gewollt.", so Nicole. Über vier Jahre hinweg entstand eine Gemeinschaft, in der Menschen unterschiedlichen Alters, mit ganz verschiedenen Lebensgeschichten und Erfahrungen zusammenkamen. Insgesamt beteiligten sich 631 Menschen zwischen fünf und 83 Jahren an der Entwicklung und am Bau der Großskulptur – unabhängig von Herkunft, Sprache oder Behinderung. Was zählte, war die Bereitschaft, gemeinsam etwas zu schaffen. Nicole erzählt von der symbolischen Bedeutung des Motivs: "631 Menschen haben gemeinsam ein Zeichen für Liebe, Fürsorge und Geduld gebaut. Die Kuh, die ihr Kalb abschleckt, ist dabei ein Bild, was die kollektive Identität dieser ländlichen Gemeinde, in der man sich fürsorglich umeinander kümmert, spiegelt. Aber nicht nur um sich, sondern als Gemeinde mit einer der größten Psychiatrien in NRW auch um andere, dem Anderssein aufgeschlossen und geduldig begegnend."
Im Bauzelt wurde gemörtelt, gefliest und modelliert. Und mit der Zeit entstand dort noch etwas anderes: ein Ort der Begegnung. Während die Hände arbeiteten, kamen die Menschen ins Gespräch – oft über Dinge, die sie sonst nie erzählt hätten.
Der Entstehungsprozess der Skulptur "Kuh, Kalb, Maus"
Ende der Auflistung.
Alle, die mitgebaut haben, sind jetzt Teil dieses Werkes!
Tarek, Stuckateur aus Afghanistan, kam am ersten Tag nur zum Zuschauen. Wenig später kehrte er mit Red Bull für alle und einem kleinen goldenen Schutzengel zurück. Deutsch oder Englisch sprach er kaum, Nicole kein Farsi. Ihre gemeinsame Sprache war das Handwerk. Am Ende des Tages sagte er, er sei froh, gebraucht zu werden und etwas für Kinder tun zu können. Und sein Schutzengel hat die Baustelle all die Zeit über bewacht und beschützt.
Thomas aus Huiberden mit seinen beiden Jungs Hannes und Justus: "So schön mitzuerleben, wie ein Vater wirklich mit seinen Kindern tatkräftig an der Skulptur modellierte", erzählt Nicole.
Christel überzeugte alle, dass man auch als blinde Person Plastizieren und Mosaiklegen kann.
Ulla (80) war erst kurz zuvor nach Bedburg-Hau gezogen, kannte niemanden und kam so oft sie konnte für zwei bis drei Stunden. Durch die gemeinsame Arbeit an der Skulptur fand sie Anschluss und wurde zu einer tragenden Säule des Projekts.
Victor, "ein riesiger ukrainischer Mann mit Hüftverletzung" sagt Nicole, sprach kein Deutsch und Nicole kein Russisch. Aber die Sprache des Mosaiklegens sprachen sie beide. Er war froh über Tagesstruktur. Leider musste er wieder ins Krankenhaus, aber nicht ohne sich vorher zu verabschieden. Er wünschte allen, dass "der Baustellenengel immer gute Laune habe".
Birgit kam aus einer anderen Stadt - meistens, wenn weniger los war. Sie wollte sich beim Mosaiklegen ablenken, während sie auf die Diagnose ihres Gehirns wartete.
Lois nutzte die Zeit in den Sommerferien, um beim Mosaiklegen ihr Deutsch zu verbessern. Aus wenigen Stunden wurden viele gemeinsame Wochen – und aus einer Teilnehmerin mit ihrem kleinen Sohn auf dem Rücken ein fester Teil der Gemeinschaft.
Die Kinder und Erwachsenen des offenen Ganztages, die bei jedem Wetter (und es gab Tage, da war es mehr als 30 Grad heiß) die Baustelle zu einem wesentlichen Teil mitgetragen haben. "Man braucht ein paar verlässliche Anker in so einem Projekt. Manuela Witzke und ihr Team waren so einer." blickt Nicole dankbar zurück.
Die Schüler*innen der LVR-Dietrich-Bonhoeffer-Schule, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, arbeiteten mit großer Begeisterung an der Skulptur und waren mega stolz auf sich. Einige kamen sogar gemeinsam mit ihren Familien zurück, um weiter mitzubauen.
Für Nicole zeigt sich der eigentliche Wert des Projekts nicht allein in der fertigen Skulptur. Er liegt in den Begegnungen, die während ihres Entstehens zustande gekommen sind, in dem Gefühl, Teil von etwas Gemeinsamen zu sein, und in den Menschen, die an ihre Idee geglaubt haben: "Es hat sich ein harter Kern von Menschen herausgebildet, die wirklich an vielen Tagen sehr intensiv mitgearbeitet haben, die das Projekt mit mir getragen haben. Ohne diese, wäre es nicht gegangen.", erzählt Nicole.
Ohne meinen Mann, der seit 26 Jahren an mich glaubt, würde ich nicht in der Position sein, solche Projekte zu machen.
Nicole blickt heute mit Freude und Dankbarkeit auf das Projekt zurück.
Nicht nur wegen der fertigen Skulptur, sondern auch wegen der vielen Begegnungen: "Im April 2026 rennt Alex (10) auf mich zu, als ich am Grundschulgelände vorbeilaufe: 'Nicole, das war eine richtig gute Idee, die Skulptur zu bauen. Da spielen immer Kinder drauf. Und auch Erwachsene klettern darauf herum.' Einen Treffpunkt für alle zu bauen - Kinder und Erwachsene - hat also funktioniert." Menschen, die sich vorher nicht kannten, haben gemeinsam etwas geschaffen, das bleibt - sichtbar im öffentlichen Raum und unsichtbar in den Erinnerungen aller, die daran mitgewirkt haben.
"Die größte Hürde für einen Künstler stellt immer die Finanzierung dar. In diesem Fall ein Weg von vier Jahren. Eva Kirbisch und Guido Kohlenbach von der Regionalen Kulturförderung des LVR haben da sehr geholfen." Nicoles Botschaft an junge Künstler*innen: "Gut vorbereitet Anträge stellen. Bei Ablehnungen weiter an die gute Idee glauben und andere Wege suchen. Erfolg zu haben bedeutet auch, sich von Ablehnungen nicht runter ziehen zu lassen."
Die Regionale Kulturförderung des LVR hat das Projekt mit einem sechsstelligen Betrag unterstützt und damit den entscheidenden Impuls für die Umsetzung gegeben. Die Förderzusage ermöglichte es, weitere Partner zu gewinnen und die Skulptur gemeinsam mit 631 weiteren Menschen zu realisieren.
Ob der Verein von nebenan, die nächste Blockbuster-Ausstellung oder ein Festival: Wir fördern kulturelle Projekte im Rheinland. Im Video lernen Sie das Team der Regionalen Kulturförderung des LVR kennen und erhalten einen Einblick in verschiedene Projekte, die kulturelle Erlebnisse für die Menschen im Rheinland sichtbar und erlebbar machen. Darunter ist auch die Großskulptur "Kuh, Kalb, Maus" von Nicole Peters, deren Enthüllung im Video festgehalten ist.