Das Wohnhaus der Familie Ullmann

Im Haus finden sich Spuren seiner jüdischen Vergangenheit. Diese werden durch eine umfangreiche Ausstellung ergänzt.

Zehn Personen posieren für ein Foto auf Treppenstufen vor dem Eingang zu einem weiß getünchten Wohnhaus.

Spuren

Die Spuren sind eigenständige Exponate, die Geschichten erzählen – über die Menschen, die hier lebten, ihre Religion, ihre Art zu wohnen und sich einzurichten, ihre Arbeit oder über die Baugeschichte des Hauses.

Eine Mesusa (Kapsel mit Gebet auf Pergament) wird an eine Spur an einem Türrahmen gehalten.
Mesusa an Türrahmen gehalten

Schon im ersten Raum findet man am Türrahmen Spuren einer Mesusa (hebr. Türpfosten), die von der jüdischen Familie angebracht wurde.

Über der Tür erinnert der Abdruck eines Kreuzes an die christliche Familie, die anschließend hier lebte.

Die Tapeten- und Farbschichten geben Auskunft über die Wandgestaltung von den 1920er Jahren bis heute.

Mehrere Tapetenschichten aus verschiedenen Zeiten an einer Wand.
Spuren erzählen Geschichten

Familie

Sibilla Ullmann war die letze jüdische Bewohnerin des Wohnhauses. Sie musste 1934 ihr Elternhaus verlassen, nachdem ihre Familie aufgrund der Diskriminierung und der Berufsbeschränkungen für Jüdinnen und Juden in finanzielle Schwierigkeiten geriet und das Haus verkaufen musste.

Sie zog in das jüdische Altersheim Rheydt, wo sie bis 1942 lebte. Aus dieser Zeit stammt die einzige Fotografie von Sibilla Ullmann. Sie ist in der Aufnahme in der zweiten Reihe von unten als dritte Person von rechts zu sehen.

Sibilla Ullmann wurde Opfer der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. Im Alter von 82 Jahren wurde sie mit einem Sammeltransport von Düsseldorf nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

In der Ausstellung erzählen wir Ihnen die Geschichte der Familie Ullmann. Sie erfahren, wann sie sich angesiedelt haben, welche Berufe sie ausübten und wie es dazu kam, dass hinter ihrem Wohnhaus eine Synagoge erbaut wurde.

Schwarz-weiß Fotografie der Bewohnerinnen des Altenheim in Rheyd. Mehre Menschen stehen in vier Reihen und posieren für das Foto. In der Mitte ist Sibilla Ullmann zu sehen.
Bewohner*innen das Altenheim Rheydt
Ich hoffe, dass viele Schulkinder hierher kommen, sich das Haus und die Synagoge ansehen und den Jugendlichen erklärt wird, wie Juden auf dem Land gelebt haben. Es soll ein Ort der Besinnung und Erinnerung sein.

Ellen Eliel-Wallach

Rede der Nichte von Sibilla Ullmann zur Eröffnung des LVR-Kulturhaus

Ellen Eliel-Wallach war Ehrengast bei der Eröffnung des LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen. Sie war ihrer Großtante „Billchen“, die bis 1934 in Rödingen wohnte, und damit dem Rödinger Gebäudeensemble eng verbunden.

Der Familie von Ellen Eliel-Wallach wurde durch die Deutschen unendlich viel Leid zugefügt. Sie mussten in die Niederlande fliehen, wurden seit Dezember 1942 in verschiedene Lager deportiert. Die Großtante Sibilla Ullmann starb einen gewaltsamen Tod und der geliebte Vater Richard Wallach wurde in Auschwitz ermordet.

Umso dankbarer sind wir, dass sie bereit war, uns über ihr Schicksal und das ihrer Familie zu berichten. Durch viele Gespräche und Begegnungen ist es uns möglich, die Geschichte der Familie Ullmann vom Ende des 18. Jahrhunderts bis heute im LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen vorzustellen. Es ist eine individuelle Familiengeschichte, die aber auch beispielhaft für viele rheinischjüdische Familien steht. Durch die Geschichte der Familie Ullmann erhalten Sie Einblicke in „Jüdisches Leben im Rheinland“ vom 18. Jahrhundert bis heute.

Zehn Personen posieren für ein Foto auf Treppenstufen vor dem Eingang zu einem weiß getünchten Wohnhaus.
Familie Wallach zu Besuch in Rödingen

Recherchen zur jüdischen Familie Ullmann haben ergeben, dass heute Nachfahren in der ganzen Welt leben. Viele Ullmann-Nachkommen aus Argentinien, Israel, den Niederlanden, Kanada und Uruguay kommen regelmäßig zu Besuch. Für sie ist das LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen ein wichtiger Erinnerungsort und wiedergewonnener Teil ihrer Identität geworden.

Vier Kinder stehen in der Synagoge vor der Tora-Nische und lesen aus einem Buch, das auf einem Tisch vor ihnen liegt.
Kanadische Nachfahren der Familie Ullmann: Probelauf zu einer Bat Mizva

Koscher

In der Ausstellung werden in der früheren Küche der Ullmanns die jüdischen Speisevorschriften (Kaschrut) vorgestellt.

Die Regeln der koscheren Küche sind überall auf der Welt (fast) dieselben. Sie werden auf göttliche Gebote in der Bibel und im Talmud zurückgeführt. So ist genau festgelegt, welche Lebensmittel koscher (rein, tauglich, geeignet) sind und in welchen Zusammenstellungen sie gegessen werden dürfen, wie die Speisen zubereitet werden und was bei der Einrichtung der Küche zu beachten ist.

Mehrere Personen stehen im Ausstellungsraum koschere Küche um eine Vitrine, halten Lebensmittelpackungen in den Händen und betrachten diese.
Ausstellungsraum koschere Küche

Die moderne Lebensmitteltechnologie mit ihren zahlreichen Zusatzstoffen macht es schwer zu beurteilen, ob ein Produkt koscher ist oder nicht.

Sind Gummibärchen koscher? Oder dürfen bestimmte Zutaten gemäß der religiösen Speisevorschriften nicht gegessen werden?

In der Ausstellung zeigen wir Ihnen, wie Sie koschere Produkte anhand des Hechscher (ein Koscher-Zertifikat) erkennen können und warum Gummibärchen, die als Halal gekennzeichnet sind, nicht auch automatisch koscher sind.

Gummibärchen sind in einer Schüssel und auf einem Messer, das auf einem Teller liegt. Das weiße Geschirr hat eine rote Markierung.
Sind Gummibärchen koscher?

In der Bibel heißt es an drei Stellen: "Du sollst ein Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen." In der jüdischen Tradition entwickelte sich daraus eine völlige Trennung von Fleisch- und Milchprodukten: Töpfe, Geschirr und Besteck für "Milchiges und "Fleischiges" müssen getrennt gehalten werden.

In unserer Ausstellung zeigen wir Ihnen exemplarisch speziell gekennzeichnetes Geschirr des jüdischen Wohlfahrtzentrums Köln.

Ein weißer Teller mit blauer Markierung. Auf dem Teller liegen eine Gabel und ein Löffel.
Geschirr des jüdischen Wohlfahrtzentrums Köln

Mit dem Entzünden der sternförmigen Schabbat-Lampen aus Messing begann früher in vielen jüdischen Familien in Deutschland der Schabbat.

Unsere Schabbat-Lampe hat einen längeren Weg hinter sich. Sie wurde aus dem Rheinland nach Amerika mitgenommen und sollte 2009 wieder an den rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben werden. Da dieser nicht gefunden werden konnte, wird sie jetzt mit ihrer Geschichte bei uns gezeigt.

Mehr zu den besonderen Regeln zum Schabbat erfahren Sie in unserer koscheren Küche.

Drei Frauen hängen eine alte Messing-Lampe an eine Aufhängevorrichtung in Ausstellung.
Schabbat-Lampe

Religion

Die Lesung des wöchentlichen Tora-Abschnitts am Schabbat findet in Anwesenheit der Gemeinde in der Synagoge statt.

Im Wohnhaus der jüdischen Familie Ullmann können Sie an allen Türrahmen Spuren entdecken, wo früher eine Mesusa (hebr. Türpfosten) angebracht war. In der koscheren Küche erklären wir Ihnen, was bei der Befolgung der Speisegesetze beachtet wurde.

Ein aufwendig bestickter Tora-Wimpel aus dem 18. Jahrhundert ist ein optischer Anziehungspunkt unserer Ausstellung.

Ein langes Stoffband mit gestickten hebräischen Buchstaben.
Tora-Wimpel

Ein Tora-Fragment, ein Hörstück, Gebetbücher für Alltag und Festtage sowie eine Synagogen-Ordnung von 1836 illustrieren zentrale Aspekte der jüdischen Religion.

Ein Tora-Zeiger aus Silber, das ist ein Stab mit einer modellierten Hand an einem Ende, die einen Finger ausstreckt, liegt auf einem Torarollenfragment.
Tora-Zeiger, ein sogenannter Jad

Geschichte

Unsere Ausstellung vermittelt Ihnen einen kurzen Überblick über die Geschichte der Jüdinnen und Juden im Rheinland von den spätmittelalterlichen Vertreibungen über die Emanzipation und rechtliche Gleichstellung im 19. Jahrhundert bis zur Verfolgung in der NS-Zeit und dem mühsamen Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Menora aus Vettweiß, der siebenarmige Leuchter, ist eines der wenigen erhaltenen Objekte, die einmal zur Einrichtung einer rheinischen Landsynagoge gehörten. Seine Geschichte erzählt viel über die Entwicklung einer jüdischen Landgemeinde seit dem 19. Jahrhundert, die Verfolgung der Juden auf dem Land und den Umgang mit jüdischen Objekten nach 1945.

Eine Besuchergruppe hört einer Frau zu, die vor einem Leuchter, einer sogenannten Menora, steht.
Menora im Ausstellungsraum

In fast jedem Raum der Ausstellung haben sich Spuren der ehemaligen Bewohner*innen erhalten. Eine zunächst unauffällige Glasscheibe ist ein ganz besonderes Exponat, das das einzige erhaltene Zeugnis der letzten jüdischen Bewohnerin trägt, die 1934 ihr Elternhaus für immer verlassen musste.

Wie haben Jüdinnen und Juden in einem mehrheitlich christlichen Dorf gelebt? Neben Synagogen und Betstuben gab es in vielen rheinischen Dörfern weitere „jüdische Orte": einen jüdischen Friedhof, eine Judengasse und eine jüdische Schule.

In Rödingen verweisen wir mit drei großen Stelen auf diese jüdischen Orte, die Sie in einem Dorfrundgang besuchen können. In der Ausstellung haben wir Ihnen Zeugnisse aus dem Leben der jüdischen Bevölkerung zusammgetragen.

Eine Frau zeigt während einer Führung in der Ausstellung auf eine Inschrift auf einem Fenster.
Besondere Spuren an unerwarteten Orten

Die Rödinger Synagoge hat ihre ganz eigene Geschichte. In unserer Ausstellung zeigen wir ihnen die wichtigsten Dokumente von Gründung der Synagoge bis zur heuten Nutzung als LVR-Kulturhaus.

Kurzfilme veranschaulichen die wechselhafte Geschichte der Landsynagoge, die beispielhaft für die Entwicklung in zahlreichen jüdischen Gemeinden des Rheinlands bis zur NS-Zeit ist. Wie mit den rheinschen Landsynagogen nach dem Holocaust umgegangen wurde, erfahren Sie bei uns.

Ein Schriftstück mit Schreibmaschinentext auf der rechten Seite und handschriftlichen Kommentaren auf der linken Seite.
Dokument von 1926 zur Auflösung der Filialgemeinde Rödingen