Industriekultur in Solingen

Nebenstellen im Stadtgebiet

Ein Backsteingebäude von schräg unten vor blauem Himmel. Die Fenster reflektieren die Sonne.

Die berühmte Solinger Schneidwarenindustrie ist seit jeher dezentral strukturiert. Bedingt durch die Abhängigkeit von der Wasserkraft entwickelte sich eine stark ausgeprägte Arbeitsteilung der verschiedenen Betriebe.

Über das gesamte Stadtgebiet verteilen sich spezialisierte Handwerker beziehungsweise Gewerbe: Die Handschmiede, die sich bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts zu mechanisierten Gesenkschmieden entwickelt hatten, die Wasserkotten, Dampfschleifereien oder Motorwerkstätten der Schleifer und die kleinen Werkstätten der Härter oder Monteure in den Hofschaften.

Um diese Strukturen sowie die geschichtlichen Entwicklungen und Traditionen der Solinger Schneidwarenindustrie angemessen darstellen zu können, hat sich in den vergangenen Jahren ein Partnernetzwerk der Industriekultur gebildet. Betreut und unterstützt durch das LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs stehen Ihnen die Industriekulturstationen zur Besichtigung zur Verfügung.

Lieferkontor der Firma Herder

In den Lieferkontoren der großen Solinger Schneidwarenunternehmen wurden die Rohwaren an die Heimarbeiter ausgegeben und die von ihnen bearbeiteten Stücke kontrolliert, entgegengenommen und entlohnt. Die Mehrzahl der Lieferanten waren Frauen, oft die Ehefrauen oder Töchter der Heimarbeiter.

Die Firma Friedrich Abr. Herder (1727 – 1993) gehörte zu den größten und weltweit bekanntesten Solinger Schneidwarenfirmen. In dem repräsentativen Verwaltungsgebäude von 1913, das heute als Gründerzentrum genutzt wird, hat das LVR-Industriemuseum das Lieferkontor rekonstruiert. Die aufwendige Einrichtung des Lieferkontors mit Parkettfußboden, den Liefertheken für die verschiedenen Produkte, den Kassenschaltern oder den eingepassten Bänken für die wartenden Lieferanten zeugte vom hohen Stellenwert, die der Heimarbeit in diesem Unternehmen einst beigemessen wurde.

Blick in den Lieferkontor der Firma Herder mit Parkettboden und Holzvertäfelungen an den Wänden.

Die Ausstellung zeigt neben Elementen der originalen Einrichtung ausgewählte Objekte zur Geschichte der Firma Herder und der Liefertätigkeit.
Das Kontor ist auch Willkommenszentrum für Wandernde, es richtet sich an Tourist*innen, Wandernde und Solinger*innen, die mehr über die Traditionen ihrer Heimatstadt erfahren wollen. Kostenfreie Parkplätze sind auf dem Gelände vorhanden. Im Erdgeschoss des Gebäudes befindet sich auch ein Infopoint. Hier gibt es eine Menge Informationsmaterial, unter anderem zu Wander- und Radtouren.

Anschrift: Gründer- und Technologiezentrum, Grünewalder Straße 29 – 31, 42657 Solingen

Öffnungszeiten: Die Ausstellung im Lieferkontor ist an den Öffnungstagen jeweils von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Zu den Öffnungstagen

Eintritt: frei

Dampfschleiferei Loosen Maschinn

„Maschinn“ nannte der Volksmund Dampfschleifereien, die eine Dampfmaschine als Antriebskraft einsetzten und seit den 1850er Jahren entstanden. Sie machten die Schleifer unabhängig vom Standort Wasser.

Auf dem Widderter Höhenrücken errichtete der Landwirt Ernst Loos 1888 eine der größten Solinger Dampfschleifereien. Der dreigeschossige Backsteinbau mit angrenzendem Maschinenhaus bot schließlich 183 Schleifern eine Arbeitstätte. Die Schleifer nannten sie „Loosen Maschinn“ (dem Loos seine Maschine). Diese Dampfschleiferei war bis 1990 in Betrieb.

Nach umfassenden Sanierungsarbeiten beherbergt das Gebäude heute neben Wohn- und Gewerberäumen einen Ausstellungsraum, den der Förderverein Industriemuseum Solingen e. V. mit Hilfe des LVR-Industriemuseums betreibt.

Außenansicht eines länglichen Backsteingebäudes mit vielen Fenstern. Davor einige Bäume und Autos.

Die Ausstellung zeichnet die Geschichte der Loosen Maschinn und die der früher über 100 Solinger Dampfschleifereien nach. Zu sehen sind: Ein originaler Schleifarbeitsplatz, Filme, zahlreiche Fotos, Werkstücke und Werkzeuge und auch das Gebäudemodell mit den Dokumentationen aller 1988 noch vorhandenen Heimarbeiterwerkstätten. In der Treppenhaus-Galerie werden in Zusammenarbeit mit lokalen Künstler*innen regelmäßig Ausstellungen gezeigt. Alle Infos zu kommenden Ausstellungen und den Öffnungszeiten finden Sie im Veranstaltungskalender.

Anschrift: Börsenstraße 87, 42657 Solingen

Öffnungszeiten: siehe Veranstaltungskalender / Führungen auf Anfrage

Eintritt: 1 Euro

Anmeldung/Kontakt: LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs, Telefon: 0212 23241-0

Taschenmesserreiderei Lauterjung

Solinger Schneidwaren entstanden traditionell unter Mitwirkung zahlreicher Handwerksberufe überwiegend in Heimarbeit. Neben den Schleifern in den Wasserkotten, Dampfschleifereien, später Motorwerkstätten sowie den Härtern zählten dabei die Reiderberufe, die für die Montage zuständig waren, zu den wichtigsten Heimarbeitern. Sie hatten sich im gesamten Stadtgebiet kleine Werkstätten eingerichtet.

In der auf Taschenmesser spezialisierten Reiderei Lauterjung scheint es, als habe der Besitzer nur mal eine Pause eingelegt. Die Originaleinrichtung ist vollständig erhalten. Mehrere Generationen der Reiderfamilie Lauterjung haben hier ihr Arbeitsleben bestritten, zuletzt Arthur Lauterjung, der bis 1965 in dem Kotten gearbeitet hat.

Ein kleines Fachwerkhäuschen mit grünen Fensterläden.

Zusammen mit dem angrenzenden ehemaligen Wohnhaus handelt es sich um ein beispielhaftes Ensemble der Solinger Heimindustrie. In der Werkstatt erfahren Sie vieles über den typischen Solinger Reiderberuf, über die Taschenmesserfabrikation und die Arbeitsteilung in der Schneidwarenindustrie.

Die kleine Werkstatt ist ein Kleinod der Solinger Industriekultur und wird vom Förderverein Industriemuseum Solingen betrieben. Regelmäßig von April bis Oktober öffnet die Werkstatt an einem Samstag im Monat (meist am ersten Samstag) ihre Tür. Dr. Jürgen Weise, stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins und Autor zahlreicher wirtschaftshistorischer Publikationen, bringt in der Zeit von 12 bis 17 Uhr den Besucher*innen die Werkstatt und das Reiderhandwerk näher.

Anschrift: Schaberger Straße 16, 42659 Solingen

Öffnungszeiten: Von April bis Oktober 2026 an einem Samstag pro Monat von 12 bis 17 Uhr
Mehr Informationen zu den Samstagsöffnungen im Veranstaltungskalender

Eintritt: 1 Euro, Kinder und Jugendliche frei

Kontakt: LVR-Industriemuseum Solingen, Telefon: 0212 232410

Waschhaus Weegerhof

Die Solinger Baugenossenschaft Spar- und Bauverein Solingen (SBV) hatte beim Bau der 185 Wohnhäuser der Siedlung Weegerhof auf Waschküchen und Trockenspeicher verzichtet und stattdessen mit der zentralen Wäscherei eine damals hochmoderne, sozial vorbildliche Gemeinschaftseinrichtung errichtet. Das Waschhaus erleichterte die Arbeit enorm. Für viele Hausfrauen war das Waschen bis weit in die 1960er Jahre eine körperlich sehr anstrengende und oft mehrere Tage dauernde Prozedur. Im Waschhaus dagegen verkürzten Maschinen den Waschvorgang auf wenige Stunden.

Im Weegerhof wohnten viele Beschäftige der Schneidwarenindustrie, Arbeiter oder kleine Angestellte mit ihren Familien, die sich ohne das Waschhaus den Komfort einer maschinellen Waschtechnik nicht hätten leisten können. Auch die oft stark verschmutzte Arbeitskleidung der Heim- oder Fabrikarbeiter ließ sich im Waschhaus erheblich leichter reinigen als mühsam per Hand.

Ein graues, flaches Gebäude.

Heute steht das noch bis 2005 genutzte Waschhaus als wohl einzige Anlage in Deutschland mit erhaltener Originalausstattung unter Denkmalschutz. Das Inventar mit den großen, alten Waschmaschinen, den voluminösen Schleudern, den von Dampfspiralen durchzogenen Kulissenschränken zum Trocknen der Wäsche oder den mächtigen Dampfmangeln blieb nahezu unverändert erhalten.

Die Museumsausstellung ergänzt die denkmalgeschützte Einrichtung des Waschhauses mit zahlreichen Objekten zur Geschichte des Waschens.

Anschrift: Hermann-Meyer-Straße, 42657 Solingen
Zugang zum Waschhaus über die Hermann-Meyer-Straße, zwischen den Häusern Nr. 30/28 und 26

Öffnungszeiten: Das Waschhaus ist von Februar bis November jeden ersten Sonntag im Monat von 11 bis 13 Uhr geöffnet.

Eintritt: 2 Euro

Anmeldung/Kontakt: Waschhaus Weegerhof, Frau Klinkner, Telefon: 0212 815 201

Schleiferei Wipperkotten

Der Wasserreichtum des Bergischen Landes machte es möglich, schon im Mittelalter an den vielen Wasserläufen zahlreiche Schleifkotten zu errichten. In ihnen wurden die schweren Schleifsteine und die hölzernen Pließtscheiben für den Feinschliff von einem Wasserrad angetrieben.

Im letzten original erhaltenen Solinger Schleifkotten, dem „Wipperkotten“, arbeiten noch heute Solinger Heimarbeiter mit Wasserkraft. Idyllisch liegt er an der Mündung des Weinsberger Bachs – im Volksmund „Wipper“ – in die Wupper.

Während der wupperseitige Teil der imposanten Doppel-Kottenanlage in privater Hand ist, wird die Schleiferei Wipperkotten durch einen eigenen Förderverein in enger Zusammenarbeit mit dem LVR-Industriemuseum Solingen betrieben.

Blick über einen Fluss hinweg auf zwei Fachwerkhäuser am anderen Ufer.

Im Erdgeschoss finden Sie nicht nur Antriebsachsen und Transmissionsräder der Wasserkraftanlage, sondern auch eine Dokumentation zur Vergangenheit des Kottens und zur Geschichte des Schleiferberufs.

Anschrift: Förderverein Wipperkotten e.V., Wipperkotten 2, 42699 Solingen

Weitere Infos zu Öffnungszeiten, Veranstaltungen und Buchungen: www.schleifereiwipperkotten.de