Glanz und Grauen (2010 – 2014)

Kulturhistorische Untersuchungen zur Mode und Bekleidung in der Zeit des Nationalsozialismus

Eine Uniform und zwei Damen-Anzüge an Figurinen in einer Ausstellung

Eine Hose ist eine Hose – nichts weiter. Eine Schürze ist einfach nur eine Schürze. Ein Abendkleid Geschmackssache. Oder?

Waren Hosen, Schürzen, Abendkleider wirklich nur persönliche Kleidungsstücke, feierlich oder alltäglich, die den NS-Staat nicht interessierten? Private Dinge ohne politische Bedeutung? Neue Forschungsergebnisse belegen: Im nationalsozialistischen Alltag sagte eine Hose etwas über die Haltung ihres Trägers. Eine Schürze verriet, wie die Hausfrau sich dem Regime anpasste.

„Wir konnten Kleidung lesen“, erinnern sich Zeitgenossen.

Zwei Damen-Outfits an Figurinen in einer Ausstellung

Kleidung war fest eingebunden in das Herrschaftssystem der Nationalsozialisten. Sie sollte Macht sichern, politische und wirtschaftliche Ziele erreichen helfen. Der NS-Staat lud Kleidung ideologisch auf. Textilpolitik sollte den Staatsbankrott aufhalten, Kriegsvorbereitungen vorantreiben oder Jugendliche disziplinieren. Kleidung geriet in die Spirale der Gewalt: Sei es durch „Arisierung“ der Textilwirtschaft, Erprobung synthetischer Materialien in Konzentrationslagern oder Ausbeutung und Ausraubung der Verfolgten.

Die Sonderausstellung „Glanz und Grauen – Mode im Dritten Reich“, die von 2012 – 2016 in verschiedenen Standorten des LVR-Industriemuseums präsentiert wurde, zeigte die wichtigsten Erkenntnisse der bisherigen Forschungsarbeit und war zugleich Abschluss der ersten Etappe eines Forschungsprozesses, der mit der Ausstellung zur Diskussion gestellt wurde. Das Team erhielt vom Feedback der Besucher*innen auch Impulse für die weitere Forschungsarbeit.

Historisches Schwarzweiß-Foto einer eleganten Frau und einem Mann in Uniform

Kleidung war politisch. In der Diktatur geriet der Glanz der „Volksgemeinschaft“ zum Grauen der Ausgegrenzten.

Der Sammelband illustriert das anhand der „Deutschen Mode“, die Nationalsozialisten propagierten. Er beleuchtet Konsum und Kleidungsverhalten und die Entwicklung neuer Materialien wie Kunstseide und Zellwolle. Er analysiert die Mode im Film und die Rationierung von Kleidung bis hin zur großen Textilnot während des Zweiten Weltkriegs.

Grundlage war unsere einzigartige Sammlung von Kleidung und Accessoires aus den 1930er und 1940er Jahren: von raffinierten Abendkleidern über ein breites Spektrum an Alltagskleidung bis zu hundertfach gestopften Strümpfen, von konfektionierter und selbstgenähter Kleidung bis zur Notkultur, von Uniformen der Hitlerjugend über NS-Abzeichen bis zu entnazifierten BDM-Blusen. Ausgewertet wurden auch Privatfotos, Modezeitschriften und Reichskleiderkarten. Unersetzlich sind die Erinnerungen, die Zeitzeug*innen beisteuerten.

Coverbild der Publikation "Glanz und Grauen" mit schwarzem Kleid auf rotem Hintergrund

Die Arbeit des Forschungsteams aus Kulturwissenschaftlerinnen unserer Textilfabrik Cromford und der Universität Marburg wurde gefördert von der VolkswagenStiftung.