Zwischen Diktatur und Demokratie (seit Oktober 2025)

Kleidungsverhalten zwischen 1945 und 1968

Geflickte Arbeitsjacke an einer Figurine

Seit Oktober 2025 arbeitet ein interdisziplinäres Team von Forscher*innen am LVR-Industriemuseum Textilfabrik Cromford in Ratingen an dem Forschungsprojekt „Zwischen Diktatur und Demokratie. Kleidungsverhalten zwischen 1945 und 1968“.

Wie hat sich das Kleidungsverhalten der deutschen Gesellschaft in der sich konstituierenden bundesrepublikanischen Demokratie entwickelt und welche Brüche und Kontinuitäten spiegeln sich im Kleidungsverhalten der Zeitgenoss*innen wider? Wie vollzog sich der Übergang von dem extremen Mangel an Textilien zum modeorientierten (Massen-)Konsum?

Diesen und weiteren Fragen geht das Projektteam multiperspektivisch nach: Neben der Analyse historischer Objekte (Kleidung, Accessoires et cetera) und publizistischen Quellen (Text und Bild) werden Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt. Wie haben sie persönlich die große Not der Kriegsjahre erlebt? Haben sie Erinnerungen an CARE-Pakete oder Rationierungsprogramme? Welche Bedeutung hatte der Machtwechsel von der NS-Diktatur zur Demokratie für den privaten Bereich, insbesondere auf das eigene Kleidungsverhalten? Lassen sich Kontinuitäten oder Brüche aufdecken und gab es Zusammenhänge zwischen dem Demokratisierungsprozess und Konsumverhalten und umgekehrt?

Modegrafik mit zwei Frauen in Kleidern
Die Modegrafik mit Komplets aus den 1950er Jahren zeigt, was alles zum Outfit gehört: Teure Accessoires spielten in der Zeit des „Wirtschaftswunders“ eine große Rolle.

Grundlage der Forschung sind die rund 2.000 Objekte aus dem Zeitraum zwischen 1945 und 1960 in der Textilsammlung des LVR-Industriemuseum. Der Bestand bietet ein breites Spektrum an Alltagskleidung, von konfektionierter und selbstgenähter Kleidung, bis zu hundertfach gestopften Strümpfen und umgearbeiteten Uniformen. Darunter ein einmaliges Konvolut von Objekten zur Notkultur der Zeit von 1940 bis 1950, das neben Gegenständen ehemaliger Kriegsgefangener und Kriegsheimkehrer auch Gegenstände der damals aktiven Hilfsorganisationen wie CARE, Marshallplan und Flüchtlingswerk UNRRA beinhaltet. Das textile Quellenkorpus wird ergänzt durch weitere umfangreiche Sammlungsbestände wie Modezeitschriften, Schnittmuster, Versandkataloge, Firmenprospekte von Textilfirmen, Ratgeber und Privatfotografien.

Braune Jacke, liegend auf grauem Hintergrund
An der entnazifizierten BDM-Uniformjacke sind deutlich die Spuren zu sehen, wo die NS-Abzeichen platziert waren.

Die innerhalb des Forschungsprozesses gewonnenen Erkenntnisse werden Ende 2027 in einer umfassenden Sonderausstellung mit Begleitkatalog präsentiert.

Das Forschungsprojekt „Zwischen Diktatur und Demokratie. Kleidungsverhalten zwischen 1945 und 1968“ am LVR-Industriemuseum Textilfabrik Cromford, in Kooperation mit Prof. Dr. Gudrun M. König (Seminar für Kulturanthropologie des Textilen, TU Dortmund), Dr. Lisa Maubach (LWL-Industriemuseum, Dortmund) und Dr. Katrin Bauer (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Bonn), wird von der Regionalen Kulturförderung des LVR gefördert.

Braune Postkiste aus den USA
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden CARE-Pakete im Rahmen von amerikanischen Hilfsprogrammen in Europa verteilt. Außer Nahrungsmitteln kam so auch Kleidung nach Westdeutschland.