Fynn Ribbecks (*1995 in Remscheid-Lennep) künstlerische Praxis verbindet analoges Archivmaterial mit digitaler Transformation: Historische Fotografien werden dekonstruiert, neu montiert und in bewegte oder räumliche Bildwelten überführt, die Fragen nach Authentizität, Erinnerung und Macht untersuchen.
Ausgangspunkt der Ausstellung „Horses“ ist ein geleaktes Polizeiarchiv der 1970er- und 1980er-Jahre. Die Bilder dokumentieren Menschen, Orte und Situationen ausschließlich aus staatlicher Perspektive – in dem Moment, in dem sie für Machtstrukturen relevant wurden. Neben Demonstrationen oder Hausdurchsuchungen finden sich beiläufige Motive: Tapeten, Uhren, Schaufenster. In den analogen Bildern wurden Uhren oder Kirchtürme mitfotografiert, um Zeit zu markieren – Metadaten, die zu der Zeit noch nicht automatisch gespeichert wurden.
Ribbeck interessiert die Logik des Archivs: Wer oder was wird sichtbar – und warum? Diese Ambivalenz übersetzt er in skulpturale Formen. Großformatige, aus Industriefilz genähte Objekte ragen wie Stalagmiten in den Raum. Auf ihnen erscheinen verfremdete Archivmotive, überlagert von Körnung und Störungen. Ein isolierter Pferdekopf oder ein Fahndungsfoto tauchen nur noch fragmentarisch auf. Der weiche, zugleich massive Filz betont die Spannung zwischen Intimität und Monumentalität.
Eine wandfüllende Textilarbeit überblendet das Motiv einer Tapete mit einem Störmuster, das an Überwachungsbilder erinnert – Privates wird zur Spur institutioneller Blicke. Auch die Videoarbeit „An Eggshell Mind“ entfaltet ein brüchiges Spiel mit Erinnerung und Ideologie. Inspiriert von Traumprotokollen und dystopischer Literatur verschränken sich subjektive Wahrnehmung und politische Realität zu einer fragilen „Eierschalen“- Existenz.
Der Titel „Horses“ verweist auf das Pferd als Symbol radikaler Kontextabhängigkeit – zwischen Fürsorge und staatlicher Gewalt, Reiterhof und Reiterstaffel. In der Reibung von Archiv und Textil, von Überwachung und Ornament, von Figuration und Abstraktion entsteht ein Raum, in dem Bilder ihre Eindeutigkeit verlieren. Ribbecks Arbeiten machen sichtbar, dass jede Dokumentation auch Konstruktion ist – und dass im scheinbar Nebensächlichen oft der Zauber der kaum spürbaren Verrückungen liegt.