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Pressemeldung

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Erster Tag der Demokratiegeschichte im LVR-Landeshaus: Kommunale Selbstverwaltung im Fokus

Forschungs- und Vermittlungsprojekt „Demokratie und Landschaft“ untersucht die Rolle höherer Kommunalverbände für die Demokratisierung nach 1945

Köln, 20. März 2026. Anlässlich des erstmals bundesweit begangenen Tages der Demokratiegeschichte am 18. März 2026 lud der Landschaftsverband Rheinland, LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, in Kooperation mit der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte ins LVR-Landeshaus in Köln ein. Das seit 2025 als Ort der deutschen Demokratiegeschichte ausgezeichnete Gebäude bot dafür den passenden Rahmen.

Demokratie als gelebte Praxis vor Ort
In ihrer Begrüßung betonte LVR-Direktorin Ulrike Lubek die besondere Bedeutung des Ortes: „Dieses Haus ist mehr als ein Verwaltungsgebäude. Es ist ein Ort gelebter Demokratie.“ Zugleich machte Lubek deutlich, dass Demokratie kein Selbstläufer sei: „Freiheit, Mitbestimmung und Rechtsstaatlichkeit sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern Errungenschaften, für die wir uns täglich einsetzen müssen.“ Der LVR arbeite „in der Herzkammer der Demokratie“, indem er Teilhabe in zentralen Lebensbereichen ermögliche.

Anne Henk-Hollstein, Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland, rückte die Handlungsfähigkeit der kommunalen Ebene in den Mittelpunkt. Sie warnte vor einer Überlastung durch übertragene Aufgaben: „Kommunale Selbstverwaltung kommt erst dann richtig zum Tragen, wenn ihr Luft zum Atmen bleibt. Die Kommunen und die höheren Kommunalverbände müssen handlungsfähig bleiben – ist das nicht der Fall, so fault der demokratische Staat an seiner Wurzel.“

Forschung zur Demokratiegeschichte der kommunalen Ebene
Dr. Helmut Rönz, Leiter des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte, stellte das Forschungs- und Vermittlungsprojekt „Demokratie und Landschaft“ vor. Es untersucht die Rolle höherer Kommunalverbände für die Demokratisierung nach 1945. Rönz stellte den Zusammenhang von Selbstverwaltung und Demokratie heraus und betonte die grundlegende Bedeutung der kommunalen Ebene: „Die kommunale Selbstverwaltung ist kein Garant für den Erhalt von Demokratie in Deutschland. Aber sie ist Indikator für ein demokratisches Gemeinwesen. Kommunale Selbstverwaltung gibt es auch nicht zum Nulltarif. Unser Ziel ist es deshalb, diesen Bereich sichtbarer zu machen, der für das Funktionieren der Demokratie zentral ist – der aber oft erst dann Aufmerksamkeit erhält, wenn er unter Druck gerät.“ Durch das Projekt „Demokratie und Landschaft“ soll deshalb die kommunale Selbstverwaltung als Teil der Demokratiegeschichte stärker ins öffentliche Bewusstsein treten.

Podiumsdiskussion: Selbstverwaltung unter Druck
In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass die kommunale Selbstverwaltung aktuell vor erheblichen finanziellen, strukturellen und politischen Herausforderungen steht. LVR-Direktorin Ulrike Lubek hob die besondere Rolle der Landschaftsverbände hervor: Sie erfüllten eine „Ausgleichs- und Bündelungsfunktion“ und seien Ausdruck einer gelebten kommunalen Solidargemeinschaft, deren Verlust die kommunale Struktur spürbar schwächen würde. Mit Blick auf die demokratische Stabilität warnte sie vor wachsender Bürokratie und Vertrauensverlust: „Populistischer Extremismus findet seine Nahrung auch in Verbürokratisierung.“ Entscheidend seien Ehrlichkeit und Verlässlichkeit staatlichen Handelns: „Der Staat muss einlösen, was er verspricht – und er darf nur das versprechen, was er einlösen kann.“

Auch die weiteren Diskutanten unterstrichen die Herausforderungen. Dr. Ralf Nolten, Landrat des Kreises Düren, verwies auf die Diskrepanz zwischen wachsenden Aufgaben und begrenzten finanziellen Mitteln sowie auf bundesgesetzlich vorgegebene Standards, die vor Ort umgesetzt werden müssten. Christian Küsters, stellvertretender Vorsitzender des Städtetages NRW, plädierte dafür, Verfahren zu vereinfachen und Kommunen mit klaren Budgets mehr Gestaltungsspielraum zu geben: „Demokratie muss auch praktisch umsetzbar bleiben.“ Dr. Clemens Rehm von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte betonte die Notwendigkeit, die Rolle von Institutionen wie dem LVR stärker sichtbar zu machen: Demokratiegeschichte brauche „viele Orte – denn wenige an vielen Orten sind schon sehr viele“.

Demokratie sichtbar und erfahrbar machen
Die Veranstaltung machte deutlich: Kommunale Selbstverwaltung ist nicht nur historisches Fundament, sondern aktuelle Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Sie muss jedoch immer wieder gestärkt, erklärt und weiterentwickelt werden. Mit dem Forschungsprojekt und Formaten wie dem Tag der Demokratiegeschichte leistet das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte dazu einen wichtigen Beitrag – am ausgezeichneten Ort der Demokratiegeschichte im Herzen des Rheinlands.

Pressekontakt:
Julia Völker
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaftskommunikation
LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte
0228-9834260

  1. Vier Männer und eine Frau stehen an Tischen und diskutieren miteinander.

    An der Podiumsdiskussion „Kommunale Selbstverwaltung jenseits der Sonntagsrede. Geschichte - Strukturen - Zukunft“ im LVR-Landeshaus nahmen teil (v. l. n. r.): Dr. Alexander Olenik (Moderation, LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte), Dr. Clemens Rehm (Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte), Christian Küsters (Städtetag NRW / Bürgermeister Nettetal), Dr. Ralf Nolten (Landrat Kreis Düren) und Ulrike Lubek (Direktorin des Landschaftsverbandes Rheinland.

    Foto: LVR-ILR

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