Pressemeldung
„Ich gehe mit, aber ich übernehme nicht." Wie ehrenamtliche Patenschaften Familien Halt geben
Beim Familienkreis e.V. in Bonn begleiten Ehrenamtliche belastete Familien liebevoll, ohne ihnen Verantwortung abzunehmen. Damit legen sie den Grundstein für eine nachhaltige Beziehung, oft über die Zeit der Patenschaft hinaus.
Ein Montagmorgen, kurz nach sieben. Bei Gertrud Banning und der kleinen Ayana ist um diese frühe Uhrzeit schon Routine eingekehrt. Auf dem Tisch liegen bunte Malstifte, daneben steht ein Becher mit Kakao. Ayanas Mutter macht eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin und muss sehr früh aus dem Haus. Bis die Kita öffnet, bleibt Ayana bei „Trude,“ wie sie sagt. Dort ist mittlerweile ein zweites Zuhause für sie.
So ähnlich hatte sich Trude Banning ihren Ruhestand vorgestellt. Nach ihrer Berufstätigkeit suchte sie eine neue Aufgabe. Ihr Wunsch war es, für jemanden da zu sein. „Ich wollte etwas Sinnvolles machen“, sagt sie. Dass daraus eine enge Bindung zu einem kleinen Mädchen und ihrer alleinerziehenden Mutter entstehen würde, wusste sie damals noch nicht.
Trude Banning ist ehrenamtliche Patin im Angebot des Familienkreises in Bonn namens „Großeltern auf Zeit“. Das Projekt wurde 2014 ins Leben gerufen und von lokalen Akteur*innen wie der Freiwilligenagentur Bonn und der Stiftung Bonner Altenhilfe unterstützt. Aufgrund der großen Nachfrage hat der Familienkreis e.V. „Großeltern auf Zeit“ mit Patenschaften ergänzt. Das Projekt mit dem Namen Paraplü (Kölsch für Schirm) soll die kindliche Entwicklung fördern und Teilhabechancen von chronisch belasteten Familien und Alleinerziehenden mit Kindern im Vor- und Grundschulalter stärken. Damit öffnet sich das Patenschaftsmodell auch für jüngere Erwachsene, die Familien als verlässliche Bezugspersonen im Alltag begleiten wollen. Seit 2026 wird es vom Deutschen Hilfswerk gefördert. Auch speziell ausgerichtet auf Familien mit Fluchtgeschichte und Zuwanderung (Newcomer), oder für Kinder von psychisch erkrankten Eltern (Huckepack) bietet der Verein Patenschaften und Unterstützung durch geschulte Ehrenamtliche an. Der Familienkreis mit seinem multiprofessionellen Team ist zugleich Koordinierungsstelle der Frühen Hilfen in Bonn.
Die Patenschaften des Familienkreises sind begleitet und gerahmt. Wer sich engagiert, wird nicht einfach eingesetzt, sondern bewusst zugeordnet. Die Koordination achtet auf Passung – nicht nur fachlich, sondern auch menschlich. „Es geht bei der Patenschaft nicht darum, was ich kann, sondern was gebraucht wird“, ergänzt Trude Banning.
Die professionelle Begleitung der Pat*innen durch den Familienkreis e.V. sichert Qualität und schützt sowohl Familien als auch Ehrenamtliche. Vor dem ersten Einsatz steht eine Schulung. Inhalte wie Kommunikation, Rollenverständnis und Selbstfürsorge, aber auch Kinderrechte und Kinderschutz gehören dazu. Dialogische Übungen, Praxisberichte und Fallbeispiele machen abstrakte Prinzipien greifbar. Die Berichte anderer Ehrenamtlicher spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie geben realistische Einschätzungen und korrigieren Erwartungen.
Rollenabgrenzung: Nähe zulassen – Grenzen halten
Ayana hat afrikanische Wurzeln, sie bewegt sich zwischen unterschiedlichen Welten: mit ihrer Mutter, mit der Patin, in der Kita. Diese Mehrfachzugehörigkeit erfordert viel Sensibilität von der Patin, und die Fähigkeit, Differenzen auszuhalten, ohne sie zu problematisieren.
Trude Banning und die kleine Ayana lernten sich Schritt für Schritt kennen. Der inzwischen ritualisierte Ablauf in den Morgenstunden schafft für Ayana Verlässlichkeit in Lebenslagen, die oft von Unsicherheit geprägt sind. Gemeinsam erleben die beiden einen typischen Alltag von Oma und Enkelin. Die Herausforderung des Ehrenamts liegt darin, Nähe zuzulassen, ohne zu viel Verantwortung zu übernehmen, die nicht die eigene ist. Die Patin trifft keine Entscheidungen, die von den Eltern getroffen werden muss. „Es wäre nicht richtig, wenn die Pat*innen den Erziehungsauftrag annähmen“, stellt Anja Henkel, Ehrenamts- und Netzwerkkoordination Frühe Hilfen und Geschäftsführerin des Familienkreises, klar. Gleichwohl können die Pat*innen eine Vorbildfunktion für die Kinder haben. „Ich gehe mit, aber ich übernehme nicht“, bringt Trude Banning ihre Rolle auf den Punkt.
Patenschaft mit Brückenfunktion
Das Umfeld, in dem Ayana mit ihrer Mutter lebt, ist herausfordernd. In der Flüchtlingsunterkunft herrschen beengte Wohnverhältnisse. Rückzugsmöglichkeiten für Mutter und Kind fehlen vollständig. Zugleich gestaltet sich die Wohnungssuche schwierig. Wo die Möglichkeiten des Ehrenamts enden, können die hauptamtlichen Mitarbeitenden des Familienkreises anknüpfen und die Familie bei der Wohnungssuche unterstützen.
Auch die vielfältigen zeitlichen, finanziellen und sprachlichen Herausforderungen als Auszubildende und Alleinerziehende mit Fluchtgeschichte wachsen Ayanas Mutter oftmals über den Kopf. Die Kita-Öffnungszeiten passen nicht zu ihren Arbeitszeiten. Aus Angst, ihren Ausbildungsplatz zu verlieren, hatte sie ihrem Arbeitgeber nicht erzählt, dass sie ein Kind hat. Nicht nur, dass Trude Ayanas Mutter mit der frühen Betreuung massiv entlastete – sie ermutigte sie auch, ihrem Arbeitgeber von ihrer Tochter zu erzählen. Dieser reagierte verständnisvoll und gewährte angepasste Arbeitszeiten. Ein kleiner Schritt mit großer Wirkung. Trude bemerkt ihrerseits, wie motiviert und fleißig Ayanas Mutter ihre Ausbildung durchzieht. „Das wird was, da bin ich mir sicher“, ist sie überzeugt. Da sie die Angebote des Familienkreises kennt, kann sie Ayanas Mutter auf weitere passende Unterstützungsangebote hinweisen.
Der Rückhalt der Pat*innen soll jedoch nicht dazu führen, dass Familien sich davon abhängig fühlen. „Die Ehrenamtlichen sollen nicht das Gefühl haben, dass ohne sie nichts geht. Das kann in eine Überforderung der Helfenden führen“, erläutert Anja Henkel.
Sprache als Schlüssel zur Teilhabe
Besonders deutlich zeigt sich die Wirkung der Patenschaft bei Ayanas Sprachentwicklung. Verlässliche Routinen und sich wiederholende Gespräche helfen ihr, sich auszudrücken. Anfangs sprach sie kaum Deutsch. Inzwischen bildet sie selbstbewusst einfache, verständliche Sätze. Ein Nachmittag im Garten, ein Gespräch beim Kuchenbacken oder auch mal ein Besuch im Zoo – jedes Umfeld benötigt einen anderen Wortschatz. Mit jedem neuen Wort, das Ayana lernt, wächst ihre Möglichkeit, sich mitzuteilen. Die Patin fördert das nicht durch gezielte Übungen, sondern durch gemeinsamen Alltag und Erlebnisse.
Mit wachsender Sprachkompetenz seien Frustration und Wutausbrüche aufgrund gefühlter Sprachlosigkeit viel seltener geworden, berichtet Trude Banning. Wenn Ayana um ein „Nasentuch“ bittet, erklärt Trude ihr, warum es „Taschentuch“ heißt. Der humorvolle Umgang mit Ayanas Wortschöpfungen ermutigt sie, weiter zu sprechen. Schließlich lässt sich darüber diskutieren, ob „Springwasser“ nicht ein viel treffenderer Begriff für „Springbrunnen“ ist.
Die Patenschaft: Leise und nachhaltig
Ehrenamtliche Patenschaften können kein Ersatz für institutionalisierte Hilfsangebote sein. „Sie ersetzen keine Kita, keine Sozialarbeit, keine Therapie“, stellt Anja Henkel klar. Strukturelle Defizite zu kompensieren ist nicht möglich. Die Patenschaften wirken und ergänzen dort, wo Systeme an ihre Grenzen stoßen. Sie fördern Selbstwirksamkeit, stabilisieren Lebenslagen und eröffnen neue Erfahrungsräume. Und sie geben etwas, das keine Institution leisten kann: eine verlässliche Beziehung.
Drei bis fünf Stunden pro Woche genügen, um Kontinuität zu schaffen und um Übergänge, beispielsweise im Bildungssystem, zu begleiten. So wird der Wechsel von der Kita in die Schule zu einem begleiteten Prozess. Sie fühle sich hierbei „sehr engagiert“, sagt Trude Banning.
Die meisten dieser Patenschafts-Beziehungen bleiben über Jahre bestehen, verändern sich, wachsen, manchmal mit Unterbrechungen. Unvergessen bleibt für Trude Banning der Moment, als die kleine Ayana sie vorstellte: „Das ist Trude. Sie gehört jetzt zu uns.“ Dass der Kontakt zu Ayana und ihrer Mutter einmal abbrechen würde, kann sich Trude Banning nicht vorstellen. Es sei für sie „mehr als ein Ehrenamt.“ Dies sei der Unterschied zu den Professionellen, ergänzt Anja Henkel, „Es entsteht eine Beziehung, die bleibt.“
Auf die Frage, was sie ehrenamtlichen Pat*innen gerne als Tipp mit auf den Weg geben würde, antwortet Trude Banning, vieles komme ganz anders als gedacht. Man müsse sich auf eine „Wundertüte“ einstellen. „Man wird mit Themen konfrontiert, an die man vorher nicht gedacht hat.“
In einer Gesellschaft, die auf schnelle Lösungen fokussiert ist, wirkt das Patenschaftsmodell des Familienkreis e.V. auf den ersten Blick erstaunlich unspektakulär. Doch genau darin liegt seine Kraft. Positive Veränderungen müssen nicht immer mit einem Systemwechsel beginnen. Bei Ayana beginnen sie an einem Montagmorgen mit Malstiften, einer verlässlichen Bezugsperson und einer vertrauten Umgebung.
Natalie Deissler-Hesse, LVR Landesjugendamt
Ansprechperson Familienkreis Bonn e.V.: Anja Henkel. Geschäftsführerin und Freiwilligenkoordinatorin



