Echolokalisation - mit den Ohren sehen

Aktive Echolokalisation, auch bekannt als Klicksonar, ist eine Methode, sich die Umgebung akustisch zu erschließen. An den LVR-Förderschulen erlernen dies schon Kleinkinder im Rahmen der Frühförderung.

Junge erlernt die Klicksonar Methode am Klettergerüst

Echolokalisation beim LVR

Sobald Kinder krabbeln und laufen können, möchten sie die Welt erkunden. Sie möchten sich im Raum bewegen. Für blinde Kinder ist dies eine besondere Herausforderung: Wie weit ist der Tisch von mir entfernt? Wohin ist mein Spielzeugauto weggerollt? Wo ist die Tür zur Küche?

Schon im frühen Alter erlernen blinde Kinder Techniken, um sich später selbstständig im Raum orientieren zu können. Die Anbahnung der selbstständigen Mobilität ist eine der Hauptaufgaben der pädagogischen Frühförderung an den LVR-Förderschulen. Hier können blinde Kleinkinder lernen, wie sie ihre Umgebung akustisch erschließen. Unter der Anleitung ihrer Frühförder*innen erlernen sie die sogenannte aktive Echolokalisation, auch bekannt als Klicksonar.

Was ist Klicksonar?

Mit Hilfe der Klicksonar-Methode können blinde Menschen ihre Umgebung "hören". Junge Kinder können schon nach dem Laufen-Lernen spielerisch an die Methode herangeführt werden.

Beim Klicksonar wird mit der Zunge oder mit einem Klickfrosch ein Klick- oder Schnalzlaut erzeugt. Dieser wird von Gegenständen oder Gebäuden in der Umgebung als Echo reflektiert und gibt dem blinden Menschen Aufschluss darüber, wo und in welcher Entfernung sich die Dinge befinden. Aus dem zurückfallenden Echo eines scharfen Zungenklicks generiert das Gehirn ein differenziertes dreidimensionales Bild der Umgebung, ähnlich wie bei sehenden Menschen. Bei jedem Zungenklick wird die Umwelt blitzartig festgehalten, daher auch der Name der Methode Klicksonar, englisch Flash Sonar.

Echoortung im Tierreich

Das Vorbild für diese Technik findet man in der Natur: Delfine und Fledermäuse orientieren sich in der Dunkelheit mit einem ganz ähnlichen Verfahren. So senden Fledermäuse Ultraschallwellen aus und können anhand des Echos sogar Insekten präzise lokalisieren, ohne sie zu sehen.

Technik wird weltweit angewandt

Die Methode des Klicksonars hat der US-Amerikaner Daniel Kish bekannt gemacht, der mit einem Jahr erblindete und von seinen Eltern zu einem möglichst hohen Maß an Selbstständigkeit erzogen wurde. Mittlerweile gibt der Entwicklungspsychologe Seminare in über 30 Ländern der Welt – er selbst hat mit Hilfe von Klicksonar sogar das Fahrradfahren erlernt. In Deutschland setzt sich der Berliner Verein "Anderes Sehen" e.V. für die Einführung und Verbreitung der Methode aktiv ein.

Klicksonar in Kombination mit Langstock

Klicksonar ist ergänzend zum Mobilitätstraining mit dem Langstock anzuwenden, weil abfallende Kanten, Oberflächen mit flacheren Winkeln, Löcher sowie sehr kleine oder schmale Objekte kaum Echoresonanz verursachen. In dieser Hinsicht bleibt der Blindenstock unerlässlich. Internationale Fachkräfte empfehlen daher, das Langstocktraining ab dem Laufen-Lernen im zweiten Lebensjahr spielerisch mit der Echolokalisation zu kombinieren.

Schon in jungem Alter anfangen

Die Methode funktioniert und kann bereits von jungen Kindern ab einem Alter von etwa zwei Jahren erlernt werden. Seit 2011 werden beispielsweise am Frühförderzentrum der LVR-Severin-Schule in Köln blinde Kinder zwischen zwei und sechs Jahren mit großem Erfolg in der Anwendung von Klicksonar unterrichtet. Mittlerweile unterrichten die Frühförderstellen aller LVR-Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Sehen die Methode.

Mit den Ohren sehen – In der Praxis

Herr Dr. Mönkemeyer, was lernen blinde Kleinkinder als Erstes beim Klicksonar? Was wird geübt?

Bei der Echolokalisation handelt es sich um eine eindeutige Möglichkeit, sich über den Tast-Raum hinaus zu orientieren. Die Kinder erlernen mit Hilfe selbst erzeugter Schallquellen, mit Händeklatschen, Füßestampfen, Laute von sich gebend, singend und am besten mit der Zunge klickend oder schnalzend ihre unmittelbare Umgebung wahrzunehmen. Dabei wird ihnen vermittelt, dass die erzeugten Echos ganz unterschiedliche Qualitäten haben. Zum Beispiel klingt eine Wand oder eine offene Tür ganz anders, als ein Gang oder ein Treppenhaus. Prinzipiell geht es zum einen um eine allgemeine Raumwahrnehmung (Zimmer, Gang, Treppenhaus, und so weiter), zum anderen um eine zielgerichtete Objektwahrnehmung, wie zum Beispiel Hofeinfahrt, Hauseingang, Klettergerüst oder Rutsche.

Ein Beispiel: Wenn ich vor einer Wand stehe und klicke, ist der Schall, den ich erzeuge, völlig anders als wenn ich vor einer Tür in dieser Wand stehe. Und es macht ein Unterschied, ob die Tür offen oder geschlossen ist. Es handelt sich hier um akustische Wahrnehmungen (Echos), die das Kind erkennen und lokalisieren soll. Erste Übungen wären zum Beispiel: die Laute einer Wand zu erfahren, wenn ich auf sie zugehe, parallel mit Abstand zu ihr laufe und die Vertiefungen wie zum Beispiel eine Türöffnung finde.

Warum ist es so wichtig, Klicksonar in diesem frühen Alter anzufangen? Was ist das Besondere an dieser Methode?

Gerade die ersten Lebensjahre sind enorm wichtig, damit die Kinder Erfahrungen sammeln und sich später möglichst frei und unabhängig bewegen können. Wir wissen, dass Wahrnehmung und Bewegung und umgekehrt zwei Seiten der gleichen Medaille darstellen, nämlich sich zu erkennen. Dies gilt sowohl für die Orientierungsleistungen wie für das Selbstbild. Umso wichtiger ist es, dass blinde Kinder ihren Tastraum um ihren Bewegungsraum erweitern lernen, den sie dann selbstständig und selbstbestimmt erobern können. Die Kinder experimentieren mit dem Abstand und der Veränderung des Schalls und das steigert die Entdeckerlust: ach da ist noch eine Tür, ach hier ist eine Ecke, ach die Treppe geht hier hoch. Es ist erstaunlich zu beobachten, wie die Kinder an Selbstbewusstsein gewinnen.

Vielen Dank für das Interesse und viel Spaß beim Entdecken weiterer Storys.