Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation

Erfahren Sie alles über die Auswirkungen der unterschiedlichen Hörschädigungen, unsere flexiblen Gebärdensysteme sowie den schulinternen Gebärdenspeicher.

Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation

Das Hören ist unser wichtigstes Tor zur Welt der Sprache und des zwischenmenschlichen Austauschs. Wenn ein Kind schlecht hört oder gehörlos ist, hat das direkte Auswirkungen auf seine gesamte Entwicklung. Als spezialisierte Förderschule schaffen wir die Rahmenbedingungen, um Kommunikations- und Bildungsprozesse trotz Hörschädigung bestmöglich zu gestalten.

Wie wirkt sich eine Hörschädigung aus?

Eine Hörschädigung betrifft nie nur das Ohr allein – sie beeinflusst das gesamte Leben eines heranwachsenden Menschen. Die Auswirkungen zeigen sich meist in drei großen Bereichen:

  • Sprache und Verstehen: Ohne den vollständigen akustischen Input fällt es schwerer, Sprache zu erlernen. Dies kann sich in einem kleineren Wortschatz, Herausforderungen bei der Grammatik oder einer ungenaueren Aussprache (Artikulation) äußern. Im Alltag fehlen den Kindern oft unbemerkt wichtige Hintergrundinformationen.
  • Gefühle und Miteinander: Wer Barrieren beim Kommunizieren erlebt, hat es oft schwerer, Beziehungen aufzubauen. Das kann verunsichern und den Aufbau des Selbstbewusstseins oder der eigenen Identität belasten. Manchmal äußert sich dieser Frust auch in Verhaltensauffälligkeiten.
  • Körper und Wahrnehmung: Das Innenohr beherbergt auch unser Gleichgewichtsorgan. Daher gehen manche Hörschädigungen mit motorischen Herausforderungen oder Problemen bei der Körperkoordination einher. Hier arbeiten wir eng mit externen Therapeut*innen (zum Beispiel aus der Ergotherapie oder Physiotherapie ) zusammen.

Warum schnelle Hilfe entscheidend ist: Ein Kind, das von Geburt an schlecht hört, verpasst von Anfang an elementare Spracheindrücke. Deshalb gilt: Je früher die Hörschädigung erkannt wird, je schneller die technische Versorgung mit passenden Hörhilfen erfolgt und je eher eine gezielte Frühförderung ansetzt, desto besser sind die Chancen auf eine glückliche, altersgerechte Entwicklung. Das wird im Video der Deutschen Gehörlosenjugend illustrativ erklärt:

Wege der Kommunikation: Lautsprache und Gebärden

An der LVR-Max-Ernst-Schule holen wir jedes Kind dort ab, wo es kommunikativ steht. Lässt sich das Sprachverständnis trotz moderner Hörgeräte oder Cochlea-Implantate (CI) nicht ausreichend über das Gehör aufbauen, nutzen wir visuell-gestische Kommunikationsmittel.

Unsere Lehrkräfte beherrschen die verschiedenen gebärdensprachlichen Systeme und passen die Unterrichtssprache flexibel an die Bedürfnisse der jeweiligen Klasse an:

  • Lautsprachunterstützendes Gebärden (LUG): Die Lehrkraft spricht normal laut, untermalt aber die wichtigsten Schlüsselwörter des Satzes mit Gebärden, um das Sinnverständnis visuell abzusichern.
  • Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG): Hierbei wird flüssig Deutsch gesprochen, aber jedes einzelne Wort wird gleichzeitig mit einer Gebärde begleitet. Die deutsche Satzstruktur (Grammatik) bleibt dabei komplett erhalten.
  • Deutsche Gebärdensprache (DGS): Ein eigenständiges, vollwertiges visuell-gestisches Sprachsystem. Es verfügt über eine ganz eigene, von der deutschen Lautsprache unabhängige Grammatik und ein umfassendes Vokabular.
Piktogramm zweier gebärdender Hände

Die Verbindung von Lautsprache und Gebärden kann

  • das Sprachverständnis fördern,
  • den Wortschatz erweitern,
  • Kommunikation erleichtern,
  • Orientierung geben,
  • Selbstständigkeit stärken und
  • die Teilhabe am schulischen und gesellschaftlichen Leben fördern.

Wichtig für das Lesen- und Schreibenlernen

Da unsere Schriftsprache auf Lauten basiert (wir ordnen Buchstaben bestimmten Klängen zu), stehen hörgeschädigte Kinder beim Schreibenlernen vor einer enormen Hürde. Wenn man Laute nicht oder nur verzerrt hört, fällt dieser logische Schritt schwer. Unsere Lehrkräfte nutzen die visuell-gestischen Gebärdensysteme hier als Brücke, um den Schriftspracherwerb erfolgreich zu unterstützen.

Formen der Hörschädigung

Grundsätzlich unterscheidet man im Schulalltag nach dem Grad und der Ursache des Hörverlusts:

Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit

  • Gehörlosigkeit: Lautsprachliche Informationen können über das Gehör nicht aufgenommen werden – auch nicht mit technischer Unterstützung durch Hörgeräte oder Cochlea-Implantate. Betroffene Schüler*innen orientieren sich primär visuell (über Gebärden, Bilder und Schrift).
  • Schwerhörigkeit: Umwelt- und Lautsprachinformationen werden trotz technischer Versorgung nur begrenzt oder lückenhaft aufgenommen. Dies führt zu Beeinträchtigungen im Kommunikations- und Lernverhalten, die eine gezielte sonderpädagogische Unterstützung erfordern.

Schallleitungsschwerhörigkeit

Die Schallleitungsschwerhörigkeit ist durch eine Funktionsstörung des Außen- und/oder Mittelohres begründet. Der Höreindruck wird in solchen Fällen gedämpft. Das Hören ist über den gesamten Frequenzbereich noch möglich. Es kommt zu Höreinbußen in der Lautstärke (Quantität).

Schallempfindungsschwerhörigkeit

Die Schallempfindungsschwerhörigkeit wird auch als Innenohrschwerhörigkeit bezeichnet. Betroffen sind das Innenohr, die Nervenbahnen und/oder das Hörzentrum. Frequenzbereiche fallen aus; dadurch entstehen Verzerrungen oder auch Teilausfälle beim Hören. Oftmals ist der Hochtonbereich stärker betroffen als der Tieftonbereich. Sowohl das Sprachverständnis als auch die aktive Sprache (Wortschatz, Satzstruktur, Artikulation, Sprechmelodie) werden in der Entwicklung beeinträchtigt.

Schallleitungsschwerhörigkeit und Schallempfindungsschwerhörigkeit können kombiniert auftreten.

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS)

Der Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation umfasst nicht nur periphere Hörschädigungen (wie Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit), sondern ausdrücklich auch die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS).

Das Krankheitsbild kurz erklärt: Bei einer AVWS ist das periphere Hören – also das Organ Ohr selbst – vollkommen gesund. Die Beeinträchtigung liegt bei der Weiterleitung und Verarbeitung der Schallreize im Gehirn. Das bedeutet: Betroffene Kinder und Jugendliche hören Gesprochenes zwar akustisch laut genug, ihr Gehirn kann die Signale jedoch nicht oder nur teilweise korrekt verarbeiten und abspeichern.

Da die auditive Verarbeitung aus vielen verschiedenen Teilleistungen besteht, zeigen betroffene Schüler*innen ein sehr komplexes und individuell ausgeprägtes Erscheinungsbild.

Typische Auffälligkeiten im Alltag und Unterricht

Probleme können in unterschiedlichen Kombinationen und Ausprägungen auftreten, wie beispielsweise bei der:

  • Sprachverständlichkeit im Lärm: Große Mühe, die Stimme der Lehrkraft aus den allgemeinen Hintergrundgeräuschen (Klassenzimmerlärm) herauszufiltern
  • Auditiven Merkfähigkeit: Schwierigkeiten, sich mündliche Anweisungen oder Merksätze zu merken (Einschränkung des Hörgedächtnisses)
  • Lautunterscheidung: Probleme, ähnlich klingende Laute (zum Beispiel "b" und "p" oder "d" und "t") sicher zu erkennen und zu unterscheiden
  • Lautverschmelzung und -ergänzung: Herausforderungen beim Zusammenziehen von einzelnen Lauten zu einem ganzen Wort oder beim automatischen Ergänzen fehlender Wortteile
  • Richtungsbestimmung: Unsicherheiten beim Erkennen, aus welcher Richtung ein Geräusch oder ein Ruf kommt

Diagnostik: Medizinischer und pädagogischer Weg

Eine erfolgreiche Unterstützung setzt eine sichere Diagnose voraus. Hier greifen medizinische und pädagogische Abklärungen Hand in Hand:

  1. Medizinische Erstdiagnose (zwingend erforderlich):
    Für die medizinische Absicherung wenden Sie sich bitte immer an eine pädaudiologische Einrichtung (eine HNO-Klinik mit Fachabteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie) oder eine niedergelassene pädaudiologische Fachpraxis.
  2. Pädagogische Überprüfung (unser Angebot):
    Begleitend zur medizinischen Abklärung führen wir an unserer Schule Überprüfungen unter rein pädagogischen Gesichtspunkten durch. Diese zeigen konkret auf, wie sich die AVWS im Lern- und Schulalltag auswirkt.

Frühe Anzeichen einer Hörschädigung

Folgende Anzeichen können Hinweise auf eine Hörschädigung sein:

Ihr Kind

  • reagiert nicht oder verzögert auf Töne und Geräusche aus der Umgebung.
  • erschrickt nicht bei plötzlichem Lärm.
  • reagiert nicht auf seinen Namen.
  • spricht mit einem Jahr noch kein Wort und ahmt keine Silbe nach.
  • reagiert nicht auf Anweisungen (Hol! Bring!) oder Fragen (Wo ist?).
  • kann mit 18 Monaten noch keine Gegenstände oder Angehörigen benennen.
  • weiß nicht, woher ein Geräusch kommt.
  • spricht mit 24 Monaten noch keine Zwei-Wort-Sätze.

Wenn Sie solche Anzeichen bei Ihrem Kind bemerken, wenden Sie sich an eine Fachpraxis für Hals-Nasen-Ohren und an unsere Frühförderstelle .

Anzeichen einer Hörschädigung bei Schulkindern

Trotz des Neugeborenenscreenings und regelmäßiger medizinischer Untersuchungen im Kindesalter kommt es immer noch vor, dass eine Hörschädigung erst in der Schule auffällt.

Anzeichen für eine Hörschädigung können sein:

  • schnelle Ermüdung, häufige Unaufmerksamkeit oder Träumen
  • niedrige Frustrationstoleranz
  • Antworten, die oft nicht zur Frage passen
  • während Unterrichtsgesprächen häufige, irrtümliche Wiederholung von vorangegangenen Beiträgen der Mitschüler*innen
  • starke Orientierung an Reaktionen und Aktionen der Mitschüler*innen
  • Auffälligkeiten in der Artikulation; besonders beim s-Laut oder beim "th" im Englischen
  • geringes Selbstbewusstsein; das Kind wirkt "unsichtbar"
  • wenig aktive Mitarbeit im Unterricht
  • Auffälligkeiten bei der Verortung einer Sprach-/Geräuschquelle (Richtungshören ist bei einer einseitigen Hörschädigung erschwert)