Neue Forschungen an der mittelalterlichen Kölner Mikwe
Seit 2022 beschäftigt sich ein interdisziplinäres Forschungsteam aus Deutschland und Israel mit dem spektakulären Bauwerk.
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Für die mittelalterliche jüdische Gemeinde in Köln war die Mikwe von zentraler Bedeutung, denn sie diente der rituellen Reinigung.
Männer und Frauen tauchten hier unbekleidet und mit dem ganzen Körper unter. Frauen besuchten die Mikwe nach der Geburt eines Kindes oder nach ihrer Menstruation. Auch Geschirr wurde in der Mikwe eingetaucht, um den jüdischen Speisegesetzen zu entsprechen. Für die rituelle Reinigung wird lebendiges Wasser benötigt. Dazu zählen Regen- und Grundwasser, aber auch das Wasser in natürlichen Seen oder Flüssen. Die Kölner Mikwe wird durch Grundwasser gespeist.
Über einen ursprünglich gewölbten, mit Säulen geschmückten Vorraum gelangen Besucher über zahlreiche Treppenstufen bis zum grundwassergefüllten Tauchbecken aus rotem Sandstein. Nach dem heutigen Stand der Forschung entstand die Mikwe spätestens Mitte des zwölften Jahrhunderts. Dafür sprechen die romanischen Bauformen der Säulen im Vorraum und die Keramik aus der Baugrube.
Der Kölner Bau ist damit der vermutlich älteste einer kleinen Gruppe von monumentalen, mittelalterlichen Grundwasser-Mikwen im deutschsprachigen Raum. Ähnliche Konstruktionen finden sich in Worms (1186), Speyer (um 1200), Friedberg (um 1260), Erfurt (im Kern romanisch) und Andernach (14. Jahrhundert).
In den nicht-jüdischen schriftlichen Quellen findet die Mikwe erst 1270, gut 100 Jahre nach ihrem Bau, einen Niederschlag. Die Zeitgenossen bezeichneten sie als puteus Iudeorum (Brunnen der Juden), Caldenbad (Kaltes Bad), Caldenburne (Kalte Quelle/Kalter Born) oder großer/viereckiger Pütz.
Als die Stadt Köln im Jahr 1424 die jüdische Gemeinde aus der Stadt auswies, hatte die Mikwe keine Funktion mehr.
Die neuen christlichen Besitzer rissen zunächst die wertvollen Treppenstufen aus Sandstein und Trachyt bis zur Wasserlinie heraus und verwendeten sie andernorts als Baumaterial wieder. Danach wurde die Mikwe in eine Latrine umgewandelt.
Obwohl der Kölner Archäologe Otto Doppelfeld die Mikwe bereits 1956 während der Ausgrabung der Synagoge wiederentdeckte und untersuchte, wirft der Bau immer noch zahlreiche ungeklärte Fragen auf.
Das, was unsere Forschungen zum mittelalterlichen jüdischen Viertel zu Tage fördern, versetzt mich selbst immer wieder ins Staunen.
Seit Oktober 2022 beschäftigt sich ein interdisziplinäres Forschungsteam aus Deutschland und Israel wieder mit der Mikwe:
die Judaistin Neta Bodner (Open University of Israel)
der Historiker Tzafrir Barzilay (Bar Ilan University)
Michael Wiehen, der Ausgrabungsleiter der Archäologischen Zone
die Judaistin Christiane Twiehaus (MiQua) und
die Archäologin Tanja Potthoff (MiQua).
Das Forschungsprojekt wird durch die Israel Science Foundation gefördert.
Die interdisziplinäre Besetzung des Teams ermöglicht es, sich der mittelalterlichen Mikwe in Köln aus unterschiedlichen Richtungen zu nähern. Im Fokus stehen:
das Gebäude und seine Baugeschichte,
die archäologischen Befunde,
die lateinischen, deutschsprachigen und hebräischen historischen Quellen,
die geplante Betrachtung der Topographie, Geologie und Hydrologie, also die Betrachtung der Gelände- und Bodenbeschaffenheit sowie der Wasserversorgung.
Im Zusammenspiel der unterschiedlichen Quellen soll so ein anschauliches Bild der Kölner Mikwe entstehen, ihres Baus, ihrer Entwicklung, ihrer Nutzung und Bedeutung im Leben der jüdischen Gemeinde.
Bis die Mikwe in der zukünftigen Dauerausstellung des Museums wieder öffentlich zugänglich sein wird, hofft das Forschungsteam, ihr noch viele Geheimnisse zu entlocken.
Diese Frage haben wir Restauratorin Michaela Janke gestellt, und Sie bei ihrer Arbeit in der mittelalterlichen Mikwe begleitet. Im Film lernen Sie mehr über die Restaurierung der Monumentalmikwe.
Wenn der Rhein in Köln Hochwasser hat, hat auch die Mikwe Hochwasser. Die mittelalterliche Mikwe wird vom Grundwasser gespeist. Steigt der Rhein, steigt auch der Grundwasserspiegel – und plötzlich heißt es: Hochwasser auch unter der Stadt! Im Video sprechen wir mit Michael Wiehen, dem Leiter der Archäologischen Zone Köln, der erklärt, wie eng Rhein, Grundwasser und das jahrhundertealte jüdische Ritualbad miteinander verbunden sind – und was das für uns heute bedeutet.
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