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Nicolas Schimerl M. A.
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Tanzende Männlein, allerlei Getier und eine strafende Göttin
Neueste Forschungsergebnisse und herausragende Funde des Jahres 2024 aus Archäologie und Paläontologie
Millionen Jahre alte Bäume, auf Münzen tanzende Männlein, Tierisches aus Köln und eine Göttin der gerechten Strafe: Der archäologische und paläontologische Rückblick auf das Jahr 2024 des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR) bietet viele interessante Funde und Befunde aus den insgesamt knapp 800 archäologischen Maßnahmen im Rheinland. Damit setzte sich in 2024 die kontinuierliche Zunahme der bodendenkmalpflegerischen Arbeit fort.
Auf der vielbesuchten Fachtagung des LVR-ABR tauschen sich auch in diesem Jahr wieder die Akteure der rheinischen Landesarchäologie über aktuelle Ausgrabungen, Forschungen und Funde im LVR-LandesMuseum Bonn (LVR-LMB) aus. Dort ist zudem im 1. Obergeschoss bis zum 30. März 2025 in der Ausstellung „Archäologie im Rheinland 2024“ eine Auswahl an besonderen Neufunden zu sehen.
Erdgeschichte
Fossiles Holz ist in den Braunkohlentagebauen* der Niederrheinischen Bucht nicht selten: Meist sind es beeindruckende Stämme von Millionen Jahre alten Bäumen. Dabei handelt es sich oft um Nadelhölzer, die sich aufgrund des höheren Harzanteils besser erhalten als ihre Laubbaumverwandten. Der größte in den letzten Jahrzehnten gefundene Baumstamm hatte eine Länge von etwa 9,50 m, einen Durchmesser von ca. 80 cm und war etwa 14 Millionen Jahre alt. Die Rinde verrottete zumeist bevor die Stämme eingebettet wurden. Das Holz selbst ist im Laufe der Jahrmillionen Jahre zwar chemisch umgewandelt worden, äußerlich sind jedoch keine Veränderungen sichtbar und selbst die Jahresringe und Zellwände sind noch erhalten.Aus einer Sandgrube bei Erkrath* stammen ebenfalls fossile Baumstämme. Sie finden sich in etwa 25 Millionen Jahre alten Meeressedimenten als Treibholz. Das Besondere: Die Stämme sind völlig von Bohrmuscheln zerbohrt. Die Bohrmuscheln lebten gut geschützt vor Fressfeinden in dem Treibholz und ernährten sich von dem Holz. Die Wohnung der Muscheln war also gleichzeitig ihre schier unerschöpfliche Vorratskammer. Die Bohrgänge wurden dann nach und nach mit Sand ausgefüllt und das Holz durch ein eisenhaltiges Mineral ersetzt.
Urgeschichte
Bei archäologischen Untersuchungen in der Erweiterungsfläche eines Kiesabbaus in Bornheim-Uedorf* wurde ein bislang unbekannter Fundplatz der sog. Rössener Kultur (4800–4600 v. Chr.) aus der mittleren Jungsteinzeit entdeckt. Zwar fehlen die für die Kultur in Nordrhein-Westfalen typischen Langhäuser, aber ein großer Komplex von dicht beieinanderliegenden Gruben weist auf einen Siedlungsplatz hin. Darin fanden sich Scherben von grob gearbeiteten Keramikgefäßen, aber auch von feinerer Ware. Auf diesen befinden sich die für die Rössener Kultur üblichen eingeritzten und eingestochenen Verzierungen. Vereinzelt hat sich sogar eine weißliche Füllmasse in den Furchen erhalten, welche die Muster optisch hervorgehoben hat (sog. Inkrustation). Bei den Ausgrabungen zeigte sich, dass die im 5. Jahrtausend v. Chr. bestandene Oberfläche mit der Zeit offenbar stark erodiert ist. Ursache dafür dürften unter anderem Starkregenereignisse gewesen sein. Das würde erklären, warum sich die weniger tief eingegrabenen Pfostengruben der Häuser nicht erhalten haben.Erhalten war ein solcher Hausgrundriss bei Düren-Merken. Dort konnte mit Unterstützung durch das LANU-Projekt des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität zu Köln ein 27 m langer, trapezförmiger Grundriss eines vierschiffigen Langhauses der mittleren Jungsteinzeit (4900–4300 v. Chr.) freigelegt werden. Besonders interessant sind vier daran anschließende zaunartige Pfostenreihen. Hierbei könnte es sich um eine Art Pferch oder Hofplatzabgrenzung handeln, die für diese Zeit im Rheinland bislang nur selten dokumentiert wurden. Diese Befunde sind Teil eines 1,2 ha großen Fundplatzes im Vorfeld des Braunkohlentagebaus Inden. Dazu gehört auch eine Siedlung, die aus rund einem Dutzend für das Rheinland typischen Kleinbauten besteht und in die späte Bronze- bis frühe Eisenzeit (1300–475 v. Chr.) datiert. Spannend sind drei kreisförmige Gruben aus der Früheisenzeit mit Trümmern von Felsgestein, die offenbar Hitze ausgesetzt waren. Möglicherweise handelt es sich hierbei um die Reste von Gargruben oder eine Deponierung von Kochsteinen.
Auf dem Monreberg bei Kalkar* ist schon seit langem eine ca. 16 ha große Anlage aus Gräben und Wällen bekannt. Über ihr Alter und ihre Funktion wurde seit jeher gerätselt. Durch eine Ausgrabung und moderne Untersuchungsmethoden konnte das Rätsel gelüftet werden. Neben eisenzeitlicher Keramik gab ein Holzkohlefragment aus einer der unteren Schichten eines Grabens den entscheidenden Hinweis: Mittels Radiokarbondatierung ist die Errichtung der Anlage in die frühe bis mittlere Eisenzeit (800–250 v. Chr.) zu datieren. In den oberen Verfüllungsschichten der Gräben deuten Funde von römischer Keramik auf eine Weiternutzung in dieser Zeit hin. Neben den Gräben zeigen eine Abfallgrube der späten Bronzezeit (ca. 900–800 v. Chr.) und Siedlungsbefunde der Eisenzeit, dass der Monreberg aufgrund seiner exponierten Lage offenbar ein bevorzugter Siedlungsplatz war, der wohl noch älter ist als bisher angenommen.
Untersuchungen an einer weiteren Wallanlage, im Rahmen eines Forschungsprojektes des LVR-ABR zu dieser Denkmalgattung, erbrachten im Bergischen Land ebenfalls spannende Funde: In der Nähe von Lohmar-Neuhonrath* wurden bei regelmäßigen Begehungen durch Ehrenamtlich Mitarbeitende des LVR-ABR mit der Metallsonde eine umfangreiche Anzahl keltischer Münzen gefunden. Dabei handelt es sich um sog. Dreiwirbel-Statere – benannt nach der Darstellung von drei Wirbeln auf der Münze – und Quinare, die ein sog. Tanzendes Männlein zeigen. Diese Silbermünzen stammen aus dem mittelhessischen Raum, während sog. Potins – Münzen aus einer Kupferlegierung mit hohem Zinnanteil – aus dem Moselgebiet kommen. Die Münzen sind aber auch für das Rheinland durchaus üblich und datieren in die Zeit kurz nach Caesars Gallienfeldzug (58–50 v. Chr.). Die teilweise sehr eng beieinanderliegenden Münzen sprechen eigentlich für einen versteckten Münzhort, allerdings konnte dies durch Ausgrabungen nicht nachgewiesen werden.
Römische Epoche
Im Tagebauvorfeld Garzweiler wurden nordwestlich des ehemaligen Ortes Lützerath* zwei nah beieinander gelegene römische Landgüter (villae rusticae) ausgegraben. Eines davon zeigt einen außergewöhnlich frühen Siedlungsbeginn, der anhand von Keramik- und Münzfunden bereits in die Zeit um Christi Geburt fällt. Einige der älteren Bauten aus Holz stehen mit ihrer Bauweise sogar noch in der Tradition eisenzeitlicher Gehöfte. Das jüngere Wohnhaus aus der mittleren römischen Kaiserzeit (69–284 n. Chr.) war hingegen zumindest teilweise schon aus Stein erbaut. Ein Beleg für die Verarbeitung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen sind zwei gemauerte Darren aus spätrömischer Zeit, die jeweils in einem hölzernen Schutzbau lagen. Funde verkohlter Körner belegen, dass hier Getreide gedörrt wurde. Ein besonderer Fund stammt aus der Verfüllung eines Erdkellers, der zum steinernen Hauptwohngebäude gehörte. Hier lag ein reliefiertes Stück einer Säule aus Kalkstein. Es war der mittlere Teil einer aus mehreren Bauteilen zusammengesetzten Jupitersäule. Das Relief zeigt die nur selten dargestellte strafende Göttin Diana-Nemesis mit Jagdlanze und Rad. Erst vor wenigen Jahren wurde ein vergleichbares Stück mit dieser Gottheit des gerechten Zornes in einem römischen Brunnen im Tagebau Hambach gefunden.Bei Vettweiß-Soller wurden nahe des bekannten römischen Töpfereibezirks Arbeiten zur Kampfmittelbeseitigung begleitet. Bei zwei Prospektionen mit dem Magnetometer konnten ohne Bodeneingriff mehrere Verdachtsstellen ausgemacht werden. Davon erwiesen sich bei der Ausgrabung vier als bisher unbekannte Töpferöfen. Bei weiteren geophysikalischen Untersuchungen konnten außerdem ein weiterer bisher nicht bekannter Ofen und zwei bereits bekannte Öfen dokumentiert werden. Letztere wurden bereits 1932 ausgegraben. Durch die Geophysik konnte nun bestätigt werden, dass sich die Öfen weiterhin im Erdboden erhalten haben. Spannend ist auch der Befund einer Grube aus der mittleren Jungsteinzeit, die mit verkohltem Emmerkorn gefüllt war.
Ebenfalls ohne Bodeneingriff wurde eine römische villa rustica bei Rheinbach-Flerzheim gemeinsam mit den Universitäten Bonn und Köln sowie dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig untersucht. In einem Pilotprojekt werden innovative Verfahren der archäologischen Fernerkundung und geophysikalischen Prospektion untersucht. Hierzu zählten mehrere geoelektrische Messungen und Untersuchungen mit dem Bodenradar sowie dem Magnetometer. Ergänzt wurden die oberflächennahen Prospektionsmaßnahmen durch UAV-Aufnahmen im Multispektralbereich, also in Frequenzbereichen jenseits der mit bloßem Auge sichtbaren Wellenlängen. Ziel der Forschungsgruppe ist es als Teil der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) Standards zu entwickeln, die im Bereich der archäologischen Prospektion auch auf nationaler Ebene Anwendung finden sollen. Die Kombination dieser Maßnahmen zeigt ein sehr detailliertes Bild der archäologischen Fundstelle. Künftig helfen diese Daten das archäologische Kulturerbe bestmöglich zu schützen und zu erhalten.
In der römischen Zivilsiedlung (vicus) von Bonn* wurde ein ungewöhnliches Grab des späten 2. bzw. frühen 3. Jahrhunderts freigelegt. Darin waren eine Körperbestattung in einem Holzsarg und eine Brandbestattung gemeinsam in einer Nische beigesetzt worden. Der Leichenbrand befand sich in einer mit einem Gesicht verzierten Urne und war zudem im Fußbereich des Skelettes verstreut. Neben Glasflaschen und Keramikgefäßen wurde den Toten als Beigabe auch eine Schminkpalette aus Marmor ins Grab mitgegeben. Dazu gehört ein äußerst selten erhaltenes Pigmentkästchen aus Holz, das erst durch die Restaurator*innen des LVR-LMB vollständig freigelegt und konserviert werden konnte. Das sehr kleine Kästchen enthielt noch reichlich rotes und schwarzes Pigment. Schminkpaletten zum Verreiben von Pigmenten und Öl sind während der gesamten Römischen Kaiserzeit weit verbreitet und treten häufiger in Frauengräbern auch im Rheinland auf. Hölzerne Pigmentkästchen sind hingegen deutlich seltener erhalten.
Bei Ausgrabungen im LVR-Archäologischen Park Xanten fanden Studierende drei mit Stroh bedeckte, antike Bronzehülsen, deren Funktion bislang unklar ist. Nach der Reinigung offenbarte sich ein aufwendiger Dekor mit Pflanzen und Girlanden. Auf dem Gelände der römischen Metropole kamen zudem völlig unerwartet die gut erhaltenen Überreste eines Luftschutzbunkers aus dem Jahr 1945 zutage. Die Anlage lag auf einem privaten Grundstück und diente zwischenzeitlich polnischen Zwangsarbeitern als Unterschlupf, bevor sie von der Wehrmacht verhaftet und ermordet wurden.
Unter den zahlreichen archäologischen Maßnahmen des vergangenen Jahres im Kölner Stadtgebiet wurden vom Römisch-Germanischen Museum (RGM) Ausgrabungen in einer der großen Nekropolen des antiken Köln* – der Hauptstadt der römischen Provinz Niedergermanien – durchgeführt. Diese ausgedehnten Gräberfelder erstreckten sich entlang der Hauptausfallstraßen im Norden, Westen und Süden der römischen Stadt. Obwohl Teile der im südwestlichen Gräberfeld an der damaligen römischen Fernstraße nach Trier (heutige Luxemburger Straße) gelegenen aktuellen Untersuchungsfläche bereits durch neuzeitliche Bodeneingriffe gestört waren, konnten noch zahlreiche und vielfach dem Grabraub entgangene römische Gräber untersucht werden, die einige besondere Funde erbrachten. Hervorzuheben unter den zum Teil reich mit Gefäßbeigaben aus Ton und Glas ausgestatteten Gräbern ist eine mit zahlreichen Glasgefäßen ausgestattete spätrömische Sarkophagbestattung sowie ein Grab des 4. Jahrhunderts, in dem auf der Brust der bestatteten Person eine kostbare Glasschale niedergelegt war. Die mit der eingeschliffenen Darstellung einer Eberjagd verzierte Schale ist einem gleichartig gearbeiteten, ebenfalls aus einem Kölner Grab stammenden Exemplar an die Seite zu stellen. Bisher als Einzelstück gehört dieses zu den Prunkstücken der bedeutenden Glassammlung des RGM. Von einem Grabbrauch, dessen Verbreitung auf das Territorium der römischen Koloniestadt Köln (CCAA) beschränkt war, zeugen bronzene Miniaturgeräte (Leiter und Joch) sowie Tierfiguren (Eidechse und Frosch/Kröte) aus einem anderen Grab des 3. Jahrhunderts. Sie waren der verstorbenen Person zusammen mit einer kleinen bronzenen Balkenwaage und mehreren Münzen in einem hölzernen Kästchen beigegeben worden.
Mittelalter
Bei einer Ausgrabung auf dem Gelände des ehemaligen mittelalterlichen Kartäuserklosters St. Barbara in der südlichen Kölner Altstadt konnte das RGM aufschlussreiche Einblicke in die bewegte Geschichte der im14. Jahrhundert in der Geburtsstadt Brunos von Köln, dem Begründer des Kartäuserordens, errichteten Kartause gewinnen. Untersucht werden konnte ein Teil der Klosterbebauung mit den für Kartäuserklöster typischen, um den ehemaligen großen Kreuzgang angeordneten Klosterzellen mit zugehörigen, von Mauern umfassten Hofbereichen. Die bei der Ausgrabung geborgenen zahlreichen Funde beleuchten eindrücklich das Leben und die vielfältigen handwerklichen Tätigkeiten der Klosterbewohner. Von besonderer Bedeutung ist der Nachweis einer im Kloster betriebenen, bisher unbekannten Bilderbäcker-Werkstatt. In großer Zahl wurden als Formen zur Herstellung von Figuren und Reliefschmuck aus weißem Pfeifenton verwendete tönerne Model sowie nach dem Brand aufgrund von Qualitätsmängeln verworfene Produkte der Werkstatt wie figürliche Darstellungen von Heiligen gefunden. Weitere wichtige Zeugnisse, die bei der Ausgrabung zutage kamen, sind Überreste der mit der Auflösung des Klosters durch französische Revolutionstruppen im Jahr 1794 einsetzenden militärischen Nutzung des Geländes als Lazarett und in der anschließenden preußischen Zeit als Artilleriedepot. Ein außergewöhnlicher Fund aus der militärischen Nutzungszeit ist eine rund 65 Kilogramm schwere gusseiserne Mörserbombe, die wahrscheinlich von den napoleonischen Truppen zurückgelassen wurde.
Nicht nur aus römischer Zeit konnten im letzten Jahr Anlagen zum Dörren nachgewiesen werden (siehe oben). Bei Kerpen-Blatzheim* wurde im Vorfeld des Kiesabbaus eine hochmittelalterliche Darre freigelegt (10.–13. Jahrhundert). Am Rande eines bisher unbekannten Fundplatzes aus dieser Zeit lagen zwei eingegrabene Gruben, die über eine unterirdische Röhre miteinander verbunden waren. Die aufsteigenden Heizgase des in der etwas tiefer liegenden Grube entfachten Feuers, trockneten die in der höherliegenden Grube auf einem Rost ausgebreiteten pflanzlichen Erzeugnisse. Aus einer der Gruben stammt ein vollständiger Tonbecher des 10. Jahrhunderts mit zeittypischer roter Bemalung, die als Wellenbänder mit den Fingern aufgetragen wurde.
Einblicke in den Alltag eines ländlichen Niederadelssitzes erbrachten die Untersuchungen an „Haus Immerath“ in Erkelenz-Immerath* im Vorfeld der Braunkohlengewinnung Garzweiler. Die spätmittelalterliche Kleinburg bestand aus einem Herrenhaus – wahrscheinlich eine Turmburg – und einer Vorburg. Beide waren jeweils von einem Wassergraben umgeben und durch eine hölzerne Brücke miteinander verbunden. In der Grabenverfüllung des einstigen Wassergrabens um die Herrenhausinsel fand sich eine beachtliche Anzahl von Funden, darunter mehr als 5.700 Bruchstücke von Keramikgefäßen. Das für das Spätmittelalter charakteristische Keramikspektrum reicht vom späten 13. bis ins ausgehende 15. Jahrhundert. Das Sortiment umfasst gängiges Haushaltsgeschirr aus rheinischer Produktion, aber auch höherwertiges Schank- und Trinkgeschirr, wie die in gehobenen Kreisen gebräuchlichen Trichterhalsbecher mit engem Hals aus Siegburger und Brühler Töpfereien; ebenso ein Trichterhalskrug mit dem Wappen der Familie von Merode-Vlatten sowie Spielzeuggefäße und Pilgerhörner. Neben der Gefäßkeramik ist ein Panzerhandschuh als Teil einer Ritterrüstung hervorzuheben. Der im späten 13. Jahrhundert errichtete Niederadelssitz „Haus Immerath“ wurde kurz vor 1500 durch einen Brand zerstört und nicht wiederaufgebaut. Schon zuvor hatten sich die Machtverhältnisse vor Ort geändert, nachdem das Rittergeschlecht derer von Immerath um 1400 ausgestorben war. Das aufgelassene Gelände fiel schließlich in Hände des auf dem nahe gelegenen Haus Pesch ansässigen Niederadels.
Einen spannenden Fund aus dem Hochmittelalter machte ein Ehrenamtlicher Mitarbeiter im Rahmen einer Begehung bei Goch*: ein kleines Täfelchen aus Gold. Auf der Vorderseite befinden sich Vertiefungen in Form eines Vogels, in denen noch Reste von verschiedenfarbigen Einlagen aus geschmolzenem Glas (sog. Emaille) erhalten sind. Möglicherweise verzierte das Täfelchen einst ein Altarkreuz oder ein Kästchen für Reliquien. Auf dem Acker waren bereits zuvor zwei ähnliche Goldtäfelchen gefunden worden.
Neuzeit
Von einem anderen Sondengänger mit Genehmigung stammt ein weiterer goldiger Fund. Bei Mönchengladbach* kam eine Goldmünze aus dem Jahre 1612 zutage. Es handelt sich dabei um eine Prägung aus der Reichsstadt Nürnberg. Die Vorderseite zeigt einen Adler und auf der Rückseite ist der Heilige St. Laurentius stehend zwischen der Jahreszahl dargestellt.In der Bonner Wesselstraße begleitete die Fachfirma Archäologie Team Troll Bauarbeiten zur Kanalerneuerung. Bei den Grabungen gelang es, eine der Mauern der Bonner Bastion aus dem 16. Jahrhundert aufzudecken. Des Weiteren wurde eine Mauer aus Bruchstein freigelegt, bei der es sich wahrscheinlich um einen Fundamentrest der mittelalterlichen Stadtmauer handelt.
Nur wenige Monate vor Ende des Dreißigjährigen Krieges standen sich die kaiserlich-katholischen und hessisch-protestantischen Kontrahenten am frühen Morgen des 14. Juni 1648 zwischen Grevenbroich und Wevelinghoven* gegenüber. Nach fünfstündigem Gefecht musste sich das größere kaiserliche Heer nach Bonn zurückziehen. Bei Begehungen des Schlachtfeldgeländes durch das LVR-ABR und die Fachfirma minerva X konnte dieses Ereignis nun durch Funde belegt und dessen Ausdehnung festgestellt werden, die größer war als in den historischen Karten verzeichnet. Zu den typischen Schlachtfeldfunden zählen zum Beispiel über hundert Bleikugeln unterschiedlicher Kaliber für Pistole, Karabiner und Muskete und eine Kanonenkugel, aber auch zeitgenössische Bekleidungsteile wie Schnallen und Knöpfe.
Mit der Industrialisierung des Ruhrgebietes gründete Johann C. Troost 1791 in Mülheim an der Ruhr* eine bis ins 19. Jahrhundert betriebene Textilfabrik. Die Abrissarbeiten wurden seit 2022 archäologisch von der Fachfirma LQ Archäologie begleitet. Dabei kam ein möglicher Brunnen zutage, in dessen Verfüllung sich Textilreste befanden. Die Konservierung durch die Restaurierungswerkstatt des LVR-LMB brachte über 2.000 Fragmente zum Vorschein, darunter zum Teil mehrfarbige und bedruckte Gestricke sowie Web- und Filzstoffe. Auch Bänder, Knopflöcher, Litzen und Schneiderkreide sind zu finden. Ungewöhnlich sind hingegen mehrere Socken, die aufgrund ihrer zahlreichen Reparaturen eher als persönliche Bekleidungsstücke und nicht als Fabrikprodukte einzuordnen sind.
Nicht um ein Kochutensil, sondern um einen besonderen Bunkertyp handelt es sich bei einem sog. Moerser Topf. Bei Straßenbauarbeiten am Rande der Arbeitersiedlung der ehemaligen Zeche Rheinpreußen in Moers-Meerbeck* wurde eine derartige, bis dahin vergessene Luftschutzanlage des Zweiten Weltkriegs überraschend entdeckt. Die runde Form führte zu der Bezeichnung „Moerser Topf“. Entworfen wurde er 1942 von dem Ingenieur Georg Ludwig Eberlein und war nur am Unteren Niederrhein verbreitet. Dieser Bunker war relativ materialsparend zu bauen und besaß dennoch eine hohe Schutzwirkung. Der gefundene Schutzbau ist ein sog. Doppeltopf mit zwei runden Schutzräumen und einem dazwischenliegenden Verbindungsbau. Spannenderweise war der Zugang bei seiner Wiederentdeckung verschlossen. Die Funde im Inneren der Zeitkapsel weisen auf eine Versiegelung des Bunkers in den 1950er-Jahren hin. Unter den Funden sind insbesondere ein Schokoladenbehälter der Alliierten mit der Aufschrift „Vitaminised Eating Chocolate“ und eine Zigarettenpackung der Marke „Texas“ hervorzuheben. Offenbar gab es noch eine Weiternutzung der Anlage in der Nachkriegszeit.
* Eine Fundauswahl ist in der Ausstellung zu sehen:
Archäologie im Rheinland 2024
Die Ausstellung des LVR-ABR zeigt Neufunde des Vorjahres und erstmalig präsentierte Funde der vergangenen Jahre aus dem Rheinland. Sie stellt zudem neueste Forschungsergebnisse vor. Die Neufundschau ist ein Gemeinschaftsprojekt, an dem auch das LVR-LMB, das RGM, das Ruhr Museum, Essen, Grabungsfirmen und private Leihgeber beteiligt sind. Die Restaurierung der Exponate ist den Werkstätten des LVR-LMB und für die Kölner Funde dem RGM zu verdanken. -
Verscharrt, verehrt, versteckt
Neueste Forschungsergebnisse und herausragende Funde aus Archäologie und Paläontologie des Jahres 2023
Bonn, 22. April 2024. Gedrechseltes aus Millionen Jahre altem Holz, ein verscharrter Toter im eisenzeitlichen Graben, ein stattlicher Palast auf dem Fürstenberg und eine bis heute verehrte Heilige: Viele spannende Funde und Befunde aus Archäologie und Paläontologie bietet der Rückblick auf das Jahr 2023 des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR).
Bereits zum 20. Mal tauschen sich die in der rheinischen Bodendenkmalpflege Tätigen über aktuelle Ausgrabungen, Forschungen und Funde auf der Jahrestagung des LVR-ABR im LVR-LandesMuseum Bonn (LVR-LMB) aus. Dort ist zudem im 1. Obergeschoss bis zum 28. April 2024 in der Ausstellung „Archäologie im Rheinland 2023“ eine Auswahl an besonderen Neufunden zu sehen.
Mit insgesamt 699 archäologischen Maßnahmen setzte sich auch 2023 der Trend fort, dass die bodendenkmalpflegerische Arbeit von Jahr zu Jahr zunimmt. Insgesamt 374 Maßnahmen führte das LVR-ABR selbst durch und die 325 von Grabungsfachfirmen vorgenommenen Ausgrabungen und Prospektionen wurden fachlich überwacht.
Das groß angelegte Projekt „Schadenskataster Hochwasser 2021“ wurde Ende letzten Jahres wie vorgesehen abgeschlossen. Insgesamt 538 Fundstellen wurden in den von der katastrophalen Flut betroffenen Gebieten des Rheinlands erfasst und untersucht. Bei fast 20 Prozent davon wurden Schäden an den Bodendenkmälern festgestellt und an die jeweiligen Kommunen gemeldet.
Erdgeschichte
Trilobiten gehören neben den Dinosauriern wohl zu den bekanntesten tierischen Vertretern aus der Erdgeschichte. Diese Gliederfüßer waren über 250 Millionen Jahre ein wichtiger Bestandteil der am Boden lebenden Meeresfauna. In der Nähe von Alperbrück wurden ca. 391 Millionen Jahre alte Fossilien von Trilobiten aus dem Erdzeitalter Devon entdeckt. Normalerweise sind Funde dieser Tierklasse im rechtsrheinischen Raum deutlich schlechter erhalten – diese Fundstelle bildet allerdings eine Ausnahme und wird in den kommenden Jahren noch weiter untersucht werden.Südwestlich von Wülfrath befinden sich im Neandertal Kalkablagerungen, die auf Meeresriffe aus dem Mitteldevon vor ca. 386 Millionen Jahren zurückgehen. Nach dem Absterben der Riffe wurden diese von Meerestieren besiedelt, darunter auch Goniatiten. Die ausgestorbenen Kopffüßer sind entfernt verwandt mit den heutigen Tintenfischen. Goniatitenfunde ermöglichen nicht nur eine exakte Datierung der Kalkschichten, sondern lassen Rückschlüsse auf ihren damaligen Lebensraum in einem küstenfernen, tiefen Meeresbecken zu.
Fossile Hölzer aus den Braunkohlentagebauen* sind nicht nur für die Wissenschaft nützlich, sondern aus ihnen lassen sich auch ganz besondere Alltagsgegenstände herstellen. Seit der Neuzeit werden natürlich sowie durch spezielle Verfahren gehärtete Hölzer zu Bilderrahmen, Skulpturen, Stifthaltern, Schalen und anderen Objekten verarbeitet. Die Herstellung ist mit einem erheblichen Zeitaufwand und handwerklichem Geschick verknüpft. Daher existieren nur wenige Stücke. Die in der Ausstellung gezeigten Gegenstände wurden aus 12–16 Millionen Jahre alten Hölzern eines Vorläufers des Küsten-Mammutbaums gefertigt.
Urgeschichte
In Euskirchen-Großbüllesheim* wurde durch die Archäolog*innen des LVR-ABR ein besonderer Befund freigelegt. Inmitten eines metallzeitlichen und römischen Siedlungsplatzes fand sich eine Bestattung, die gegen Ende der Jungsteinzeit angelegt worden war. Sie lässt sich der sog. Schnurkeramischen Kultur zuordnen (2800–2150 v. Chr.). In einer hölzernen Grabkammer lag eine wohl weibliche Person in gehockter Stellung in Seitenlage bestattet. Die Knochen waren bereits vergangen und nur ihr Abdruck ließ sich noch erkennen. Der Toten waren ein verzierter Tonbecher und Feuersteingeräte beigegeben: eine Klinge aus maasländischem Feuerstein und die Spitze eines Dolches aus französischem Feuerstein. Bereits 2015 war in der Nähe ein zeitgleiches, gut vergleichbares Grab entdeckt worden.Was zunächst wie ein ganz normaler Sandstein aussah, stellte sich bei näherer Betrachtung als das Bruchstück einer Gießform heraus. Dieser spannende Fund kam im Vorfeld des Tagebaus Inden in einer metallzeitlichen Siedlung bei Düren-Merken* zum Vorschein. Die vermutlich aus der späten Bronzezeit (1200–800 v. Chr.) stammende beidseitig nutzbare Form diente offenbar zum Gießen von mehreren Ringen und länglichen Rohlingen für drahtförmige Fingerringe oder Nadeln. Bislang sind in der niederrheinischen Bucht nur Gießformen aus Bronze oder Keramik bekannt. Die Form aus dem Tagebauvorfeld ist in dieser Region bisher die einzige aus Stein.
Mit einer Größe von über 30 ha gehört der spätbronze- bis mitteleisenzeitliche Fundplatz bei Erftstadt-Erp mittlerweile zu den größten Gräberfeldern dieser Zeit (1300–120 v. Chr.). Das Freilegen von Brandbestattungen ist hier Tagesgeschäft – mit einer ungewöhnlichen Körperbestattung hatten die Archäolog*innen jedoch nicht gerechnet: Auf der Sohle eines eisenzeitlichen Grabens stießen sie auf das Skelett eines ca. 20–25 Jahre alten Mannes. Die langgestreckte Lage des Toten auf dem Bauch und Fraßspuren an den Knochen von Raubtieren weisen darauf hin, dass die Person in der mittleren bis späten Eisenzeit (475 v. Chr. bis um Chr. Geburt) nicht regelhaft bestattet, sondern im Graben verscharrt wurde.
Römische Epoche
Dass sich auf dem Fürstenberg bei Xanten-Birten* mehr hinter der zivilen Siedlung vor den Toren des Legionslagers Vetera castra verbirgt als bislang angenommen, ist bereits bekannt (vgl. Presseinfo vom 20.04.2023). „Aber dass sich in der von Tacitus schriftlich überlieferten Siedlung ‚in Art einer römischen Landstadt‘ ein stattlicher Palast verbirgt, überraschte selbst uns Fachleute,“ sagt Dr. Erich Claßen, Leiter des LVR-ABR. Bei der weiteren Auswertung der geophysikalischen Messungen stellte sich nämlich heraus, dass das Anfang 2023 entdeckte Bad zu einem größeren Gebäudekomplex gehört. Dessen Aussehen und Größe von rund 10.000 m² ähneln sog. Peristylhäusern – städtische Wohnhäuser mit säulengerahmten Innenhöfen. Diese Villen der wohlhabenden römischen Bevölkerung sind im 1. Jahrhundert fast nur im mediterranen Gebiet zu finden. In der Lagervorstadt wohnte zweifellos eine höhergestellte Person; möglicherweise diente die Villa als Reiseresidenz des Statthalters des Heeresbezirks Niedergermanien, wenn er sich hier und nicht in der Colonia Claudia Ara Agrippinsensium (CCAA), dem heutigen Köln, aufhielt.Dazu passen die zwar unscheinbar wirkenden Funde aus der Vorstadt, die aber auf einen luxuriösen Lebensstil schließen lassen. Scherben von Fensterglas, aber auch Fragmente von Öllämpchen, Glasfläschchen und feinem Tafelgeschirr aus Italien sowie von Amphoren deuten auf weitreichende Importe hin. In den Amphoren wurden katalonischer und griechischer Wein sowie südspanische Fischsoße transportiert. Diese Funde aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. lassen erahnen, dass das Leben auf dem Fürstenberg dem im römischen Italien in fast nichts nachstand.
Die weitere Erforschung dieser urbanen Siedlung und des Legionslagers im Rahmen des Managements der UNESCO-Welterbestätte „Grenzen des Römischen Reiches – Der Niedergermanische Limes“ lässt noch Einiges erwarten.
Im LVR-Archäologischen Park Xanten hat der Einsatz von geophysikalischen Bodenuntersuchungen eine lange Tradition. Alte und neue Messungen mit dem Georadar auf nahezu allen Flächen der antiken Metropole wurden mit den Ergebnissen der bisherigen Ausgrabungen verglichen und zeichnen jetzt ein neues Bild dieses Bestandteils der UNESCO-Welterbestätte mit der einstigen Bebauung und dem westlichen Abschluss des zentral gelegenen Forums. Neue Ergebnisse lieferten auch die Ausgrabungen im Umfeld eines gallo-römischen Umgangstempels, bei denen mehrere Opfergruben entdeckt wurden. Die archäologischen Funde und Pflanzenreste zeigen, dass hier Kulthandlungen stattgefunden haben.
Spannende Funde stammen auch von einem weiteren Fundplatz des UNESCO-Welterbes Niedergermanischer Limes, dem Legionslager in Bonn*. Hier wurden in den principia, dem Stabsgebäude, schon vor einigen Jahren eine bronzene Statuette des römischen Gottes Merkur und eine Kiste mit Militärausrüstung entdeckt. Die Funde aus dem 2./3. Jahrhundert n. Chr. werden seit letztem Jahr restauriert und aufgearbeitet.
Besonderes Augenmerk verdient die Holzkiste, die unter dem Fußboden einer Kammer innerhalb der principia versteckt worden war. Darin befanden sich verschiedene Ausrüstungsgegenstände aus Metall, von denen ein erstes Objekt untersucht werden konnte: das verzierte Verschlussblech eines römischen Schuppenpanzers. Die Vorderseite des Stückes aus Buntmetall zeigt den Kriegsgott Mars und darunter einen Widder, das „Wappentier“ der in Bonn stationierten Legion I Minervia. Zweifellos schützte der Schuppenpanzer, der eine gute Beweglichkeit des Trägers im Kampf gewährleistete, einstmals einen ihrer Legionäre.
Das Römisch-Germanische Museum der Stadt Köln (RGM)* hat 2023 auf dem Neumarkt beim Bau eines Brunnens einen archäologischen Aufschluss durch 2000 Jahre Stadtgeschichte untersucht. In römischer Zeit entwickelte sich in diesem Areal im Westen der römischen Stadt ein Stadtquartier mit hochwertiger Wohnbebauung, von der bei der Grabung freigelegte Gebäudereste zeugen. Einen luxuriösen Lebensstil der Bewohnerschaft belegt der Einbau einer privaten Badeanlage und eine Ausstattung mit zum Teil aus dem Mittelmeerraum importiertem Marmor. Über den Bauresten des römischen Stadtquartiers wurde im 11. Jahrhundert mit dem Neumarkt einer der großen Marktplätze des mittelalterlichen Köln angelegt.
Bei der Ausgrabung konnte ein Ausschnitt des wohl bei der Gründung aufgebrachten ersten Kiespflasters der Platzanlage sowie die darüber in den letzten 1000 Jahren im Zuge der Nutzung des Platzes abgelagerten archäologischen Schichten untersucht werden. Vom Markttreiben zeugen unter anderem zahlreiche in das erste Marktpflaster eingetretene Hufeisen, Rechenpfennige (münzförmige Rechenmarken) sowie Tuchplomben aus Blei. Eine Tuchplombe mit der Aufschrift „ROVENSIS“ belegt den Handel mit Tuchwaren aus Rochester in der südenglischen Grafschaft Kent. Die jüngste Ausgrabung erbrachte eine schräg über die Platzfläche verlaufende, gepflasterte Straße, die im Spätmittelalter oder der frühen Neuzeit angelegt wurde.
Bei einer Ausgrabung auf der Südseite der Basilika St. Aposteln in dem etwa zeitgleich mit dem Neumarkt gegründeten ehemaligen Chorherrenstift konnten Teile des Kreuzgangs, angrenzender Stiftsgebäude sowie Baureste der im 19. Jahrhundert abgebrochenen 14-Nothelfer-Kapelle erkundet werden. Ein unerwarteter Fund wurde in einem Baukontext des 19. Jahrhunderts freigelegt: das Bodenstück eines romanischen Taufsteins. Neben dem in der Kirche aufgestellten Exemplar bildet er einen zweiten Beleg für Taufsteine aus diesem Zeitraum für St. Aposteln.
Im Zuge der voranschreitenden Sanierung der südlichen römischen Stadtmauer am Mühlenbach erfolgten weitere Sicherungsmaßnahmen an dem antiken Bauwerk. Neben der Durchführung von Fundamentsicherungen umfassten diese die Sicherung von freiliegenden Bereichen des römischen Mauerkerns im Bereich von zwei Musterachsen, in denen das entwickelte Konservierungs- und Restaurierungskonzept erprobt und umgesetzt wird.
Mittelalter
Neben den römischen Funden gibt es aus Bonn auch spektakuläre Funde des Frühmittelalters. Auf dem merowingerzeitlichen Gräberfeld in Bonn-Beuel* kam ein reich ausgestattetes Grab eines Mannes aus der 1. Hälfte des 7. Jahrhunderts zutage. Obwohl es bereits wenige Jahre nach der Bestattung wieder geöffnet und durchwühlt wurde, blieben erstaunlich viele wertvolle Objekte unangetastet: eine im Mund des Mannes niedergelegte Goldmünze, eine aufwändig mit Gold und Silber verzierte Gürtelschnalle, mit Silbereinlagen verzierte Beschläge und die Trense eines Pferdegeschirrs. Ebenfalls beeindruckend ist der Eimer aus Eibenholz mit bronzenen Beschlägen. Das Randblech zeigt punzierte Tiere und eine menschliche Figur sowie krokodilartige Wesen als Enden der Beschläge zur Befestigung des Henkels und des Randblechs. Den damaligen Grabräubern zum Opfer gefallen, ist das sicherlich wertvolle Langschwert, die Spatha, des Bestatteten. Davon zeugen noch Teile des silberverzierten Spathagurts. Der Sax, das einschneidige Kurzschwert, verblieb im Grab, ebenso eine Lanze und ein Pfeil, von denen die eisernen Spitzen erhalten sind. Zweifellos wollten die Angehörigen den Verstorbenen gehobenen gesellschaftlichen Standes als qualitätvoll ausgestatteten Reiterkrieger ins Jenseits schicken.Bei einer baubegleitenden Maßnahme in Aachen konnte die städtische Bodendenkmalpflege in Zusammenarbeit mit der archäologischen Fachfirma skArcheoConsult Teile des alten Paukanals freilegen. Der Kanal versorgte in karolingischer Zeit (751–919) die Stadt und die Aachener Pfalz mit Wasser aus der Pau. Die neuesten Grabungsergebnisse lassen darauf schließen, dass der Kanal vermutlich schon unter Pippin dem Jüngeren (714-768) errichtet wurde, dem Vater Karls des Großen.
Dem LVR-ABR gelang es, bei der Untersuchung einer Wallanlage bei Kürten-Sürth neue Erkenntnisse über die Besiedlung des Bergischen Landes zu gewinnen. Bei der „Burgring“ genannten Anlage handelt es sich um eine ca. 1 ha große mittelalterliche Befestigung. Sie besteht hauptsächlich aus einem noch bis zu 2,60 m hoch erhaltenen Hauptwall mit einem ca. 1,50 m tiefen Graben. Erstmals wurden nun auch der 100 m nordöstlich des Hauptwalls vorgelagerte Vorwall und zugehörige Graben untersucht. Mittels 14C-Datierungen von Holzkohlen aus beiden Wällen kann die Anlage nun genau in die karolingisch-ottonische Zeit (751–1024) datiert werden. Auf diese Weise verdichten sich die Hinweise für eine zunehmende Besiedelung des Bergischen Landes bereits im Frühmittelalter.
Einen besonderen Münzfund machte in Mönchengladbach* ein Sondengänger, der mit denkmalrechtlicher Genehmigung unterwegs war. Erstmalig kam in der Region eine Münze des Lütticher Bischofs Otbert (1091–1119) zum Vorschein. Der Denar zeigt dessen Bild und schlecht lesbaren Namen und könnte in Huy oder Lüttich geprägt worden sein. Diese Münze des Erzbistums Lüttich gehört zur sog. Leichten Pfennigwährung, die sich außerhalb ihres Herkunftsgebiets nur schlecht in den Geldumlauf integrieren ließ.
Im Vorfeld des Tagebaus Hambach untersuchte die Fachfirma arthemus GmbH bei Kerpen-Manheim* weiterhin das mittelalterliche bis neuzeitliche Hofgut Haus Bochheim. Im Rahmen des vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen finanzierten Projekts der Heimatfreunde Stadt Kerpen e.V. wurde ein besonderer Fund freigelegt: eine kleine Figur der Heiligen Barbara. Auch wenn der Statuette aus Pfeifenton der Kopf fehlt, weist ihr Attribut – der Turm – sie eindeutig aus. Die Statuette entstammt einer Kölner „Bilderbäckerei“, die sich vermutlich auf die Produktion von religiösen Figuren spezialisiert hatte. Als Patronin der Bergleute und vieler anderer Berufsgruppen schützt sie vor Feuer, Pest und jähem Tod. Die zu den 14 Nothelfern und den vier vorzüglichen Jungfrauen (virgines capitales) zählende Hl. Barbara gibt Einblick in die religiöse Verehrung im Haus Bochheim im späten 15. Jahrhundert.
Neuzeit
Die Grabungsfirma archaeologie.de konnte bei Rheinberg-Annaberg Spuren der Belagerung der Stadt im 16./17. Jahrhundert nachweisen. Eine Anlage mit doppeltem Graben und Wall gehörte sehr wahrscheinlich zum Lager von Prinz Friedrich Heinrich von Oranien-Nassau, der Rheinberg 1633 im Zuge des Achtzigjährigen Krieges belagerte. Mehrere Gruben sind vermutlich ebenfalls diesem Lager oder älteren Belagerungsanlagen zuzuordnen, die zwischen 1586 und 1606 angelegt wurden. In diesen Gruben kamen Musketen- und Pistolenkugeln zutage sowie eine Kugelzange zur Herstellung solcher Kugeln. Außerdem fand sich ein 1567 geprägter Silbertaler, der wahrscheinlich aus dem Sold der spanischen Truppen stammt.In Wuppertal-Elberfeld untersuchte die Fachfirma EggensteinExca ein Grundstück mit Spuren aus mehreren Jahrhunderten. Die für die frühe Neuzeit in Schriftquellen erwähnte Tuch- und Garnindustrie sowie ein Bleichgewerbe konnten durch die Ausgrabung bestätigt werden, ebenso wie die Ablösung dieses Gewerbes am Beginn des 19. Jahrhunderts durch das aufkommende Färbereigeschäft. Konkret konnten die Fundamente einer Rotfärberfabrik und einer späteren Schwarzfärberfabrik freigelegt werden. Auch die restlichen Mauern einer in den 1950er-Jahren errichteten Tankstelle kamen zum Vorschein, die Ende der 1990er-Jahre abgerissen wurde.
Ein unerwarteter Befund kam überraschend bei Straßenarbeiten in Zülpich-Niederelvenich hervor: Unmittelbar unter der Asphaltdecke aus den 1980er-Jahren lagen drei menschliche Skelette. Die zunächst alarmierte Polizei konnte keine Spuren eines Verbrechens feststellen und übergab die Knochen an das LVR-ABR. Wie alt die Skelette sind und was vielleicht die Todesursache war, werden erst die noch ausstehenden anthropologischen Untersuchungen zeigen.
* Eine Fundauswahl ist in der Ausstellung zu sehen:
Archäologie im Rheinland 2023
Die Ausstellung des LVR-ABR zeigt Neufunde des Vorjahres und erstmalig präsentierte Funde der vergangenen Jahre aus dem Rheinland. Sie stellt zudem neueste Forschungsergebnisse vor. Die Neufundschau ist ein Gemeinschaftsprojekt, an dem auch das LVR-LMB, das RGM, Grabungsfirmen und private Leihgeber beteiligt sind. Die Restaurierung der Exponate ist den Werkstätten des RGM, des Museums Burg Linn in Krefeld und in großem Umfang dem LVR-LMB zu verdanken, wo diese Präsentation seit 20 Jahren gezeigt wird.„Archäologie im Rheinland 2023“, 19.04. – 28.04.2024
LVR-LandesMuseum Bonn, Colmantstr. 14-16, 53115 Bonn, 1. OG.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen 11 – 18 Uhr, Montag geschlossen -
Eindrucksvolle Vorstadt vor den Toren des römischen Legionslagers auf dem Fürstenberg
Untersuchungen des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland liefern neue Erkenntnisse zum UNESCO-Welterbe bei Xanten
Auf dem Fürstenberg bei Xanten untersucht das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR) seit einigen Jahren mit modernen Prospektionsmethoden die Bebauung im Vorfeld des römischen Legionslagers Vetera castra. Dabei hat sich gezeigt, dass die sogenannte canabae, die Lagervorstadt, deutlich größer und besser ausgebaut war als bislang angenommen. Zur Überprüfung der Ergebnisse und der Erhaltung der antiken Substanz haben die Archäolog*innen der Außenstelle Xanten des LVR-ABR nun dort eine Ausgrabung mit minimalen Bodeneingriffen durchgeführt.
Die Grabungsergebnisse bestätigten, was die Geophysikmessungen im freigelegten Bereich der südlichen Lagervorstadt vermuten ließen: zwei auffallend große Gebäude von jeweils mind. 60 x 20 m Größe. Die Ausgrabung lieferte aber auch weitere Informationen: Während ein Bau offenbar aus Fachwerk mit einem Ziegeldach bestand und bei einem katastrophalen Brand zusammenstürzte, bestand das zweite Gebäude aus Stein und wurde wohl noch in römischer Zeit als Steinbruch für neuere Bauten genutzt. Dennoch verraten die erhaltenen Fundamentreste, dass es sich einst um eines der größten Badegebäude im 1. Jahrhundert n. Chr. am Rhein handelte. Vorsichtige Hinweise auf Thermen hatten auch ältere Oberflächenfunde von den Resten römischer Glasfenster gegeben, die unter Kaiser Nero (54 – 69 n. Chr.) in den luxuriösen Badeanlagen in Rom in Mode kamen. Da Lager und Zivilsiedlung auf dem Fürstenberg bereits 70 n. Chr. zerstört wurden, zeigt sich, wie schnell die neueste Technik in der Hauptstadt auch an Roms nördlicher Rheingrenze umgesetzt wurde.
Die Ausgrabung erbrachte jedoch auch, dass die Befunde im südlichen Bereich, also stärker hangabwärts, direkt unter dem Pflughorizont liegen und in ihrer Erhaltung stark gefährdet sind. „Die Untersuchungen vermitteln uns nicht nur neue Erkenntnisse, sondern helfen uns, das UNESCO-Welterbe nachhaltig zu schützen“, führt Landesarchäologe und Leiter des LVR-ABR Dr. Erich Claßen aus. „Zugleich können wir unsere Methoden und deren Aussagekraft überprüfen, was uns hier in unserer Vorgehensweise zur möglichst minimalinvasiven Erfassung von Bodendenkmälern im Rheinland bestärkt.“
Dass es sich bei der zivilen Siedlung sogar um die vom römischen Geschichtsschreiber Tacitus (um 58 – um 120 n. Chr.) beschriebene Landstadt, die nicht weit vom Legionslager entfernt entstanden sei, handeln könne, hatte bei den ersten Messungen in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut niemand erwartet. Doch das Bild, das die Messverfahren (s.u.), Luftbilder, Oberflächenfunde und die Ausgrabung liefern, fügt sich zusammen.
„Bislang war sich die Forschung nicht einig, ob Tacitus die Vorgängerstadt der Colonia Ulpia Traiana beschrieben habe oder die Siedlung auf dem Fürstenberg zu suchen sei“, erklärt Steve Bödecker, Wissenschaftlicher Referent und Limes-Koordinator des LVR-ABR, „Aber möglicherweise beschrieb Tacitus eigentlich die canabae, also die zivile Lagervorstadt im direkten Umfeld des Legionslagers. Die planmäßige Anlage mit Straßensystem und die weitläufigen Gebäude machen dies wahrscheinlich“.
Laut Tacitus hatten die Römer selbst [im Zusammenhang mit dem Bataveraufstand 68/70 n. Chr.] die besagte Landstadt absichtlich zerstört, damit der Feind sie nicht nutzen könne. Daher könnten die Spuren der Brandkatastrophe rühren, die bei der Ausgrabung festgestellt wurden.
Information zu den Messverfahren
Dank der Kooperation mit dem Deutschen Archäologischen Institut konnte der gesamte Fürstenberg mit einem Magnetometersystem untersucht werden. Damit lassen sich die Magnetfelder von z.B. Mauern im Boden messen. Dabei zeigten sich auffällige Strukturen südöstlich der Legionslager. Dort kam dann weiterführend ein Bodenradarsystem der Prospektionsabteilung des LVR-ABR zum Einsatz, das schichtweise den elektrischen Widerstand im Erdboden misst und Aussagen zur Befundtiefe in Kombination mit ihrer flächigen Ausdehnung ermöglicht, wodurch u.a. die Fundamente von Mauern noch besser zu erkennen sind.Hintergrund
Das Legionslager Vetera castra auf dem Fürstenberg bei Xanten war eines der größten Legionslager im Römischen Reich. Zeitweise beherbergte es zwei Legionen, also bis zu 10.000 Soldaten. Seit 2021 gehört es als Teil des Niedergermanischen Limes zum UNESCO-Welterbe.Die länderübergreifende Welterbestätte „Grenzen des Römischen Reiches – Niedergermanischer Limes“ umfasst entlang des Rheins in den Niederlanden und in Deutschland insgesamt 44 Fundplätze von Katwijk an der Nordsee (Niederlande) bis Remagen in Rheinland-Pfalz, darunter 24 in Nordrhein-Westfalen. Es handelt sich dabei um Roms früheste lineare Grenze. Deren 450-jährige Geschichte bildet zugleich die gesamte Bandbreite von Militärlagern und zugehörigen Zivilsiedlungen der Römischen Kaiserzeit ab. An vielen Fundplätzen lassen sich heute noch authentische Grundrisse, aber auch Roms innovativer Umgang mit dieser dynamischen Flusslandschaft erfahren. Herausragende organische Erhaltungsbedingungen machen den Niedergermanischen Limes dabei zu einem der bedeutendsten archäologischen Zeugnisse römischer Grenzen.
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Zwei Könige, ein Geköpfter und im Tod unsterblich
Neueste Forschungsergebnisse, herausragende Funde und vom Leben und Sterben durch die Jahrtausende
Millionen Jahre alte Fossilien aus einer tropischen Lagune, ein Geköpfter aus der Eisenzeit, Neues zum römischen Wohnkomfort, beeindruckende Knochenschnitzereien und ein Vogel für den König: Der Jahresrückblick des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR) auf die archäologischen und paläontologischen Höhepunkte 2022 bietet ein breites Spektrum.
Vom 1. März bis zum 20. August ist außerdem die gemeinsame Ausstellung mit dem LVR-LandesMuseum Bonn „Archäologie im Rheinland – Im Tod unsterblich“ zu sehen, die sich anhand von Grabfunden mit teils spektakulärer Ausstattung dem Leben, Sterben und dem Umgang mit Verstorbenen durch alle Epochen widmet.
Das LVR-ABR führte im letzten Jahr insgesamt 315 archäologische Maßnahmen durch und überwachte fachlich 621 Ausgrabungen und Prospektionen von Grabungsfirmen, die überwiegend im Vorfeld von Bautätigkeiten durchgeführt wurden. Damit setzt sich die Entwicklung fort, dass die Maßnahmen und der verbundene Aufwand jedes Jahr weiter stetig ansteigen. Künftig kommt zudem eine erhebliche Mehrbelastung durch das am 1. Juni 2022 in Nordrhein-Westfalen in Kraft getretene novellierte Denkmalschutzgesetz hinzu. Dazu zählt als neue Aufgabe die Führung der Denkmalliste für 163 Kommunen durch das LVR-ABR. Außerdem wurde die Frist für die Gutachtenerstellung verkürzt.
Auch das katastrophale Hochwasser im Juli 2021 hat das LVR-ABR vor neue Herausforderungen gestellt. Im letzten Jahr hat das Projekt „Schadenskataster Hochwasser 2021“ seine Arbeit aufgenommen und erfasst seither systematisch die entstandenen Schäden an Bodendenkmälern im Rheinland. Es wird vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen (MHKBD NRW) gefördert.
Erdgeschichte
Durch die Erschließung des ehemaligen Steinbruchgeländes „Kalköfen Cox“ in Bergisch Gladbach wurde auch 2022 großräumig der mitteldevonische untere Plattenkalk (ca. 385 Millionen Jahre) untersucht. Diese charakteristischen Bildungen einer Lagune sind weltberühmt für ihre exzellent erhaltenen Fossilien von Fischen und im Meer lebenden Gliederfüßern (Arthropoden). Insbesondere verschiedenste Armfüßer (Brachiopoden) sowie seltene Korallen und fossile Schwämme (Stromatoporen) konnten bei der Maßnahme gesichert werden.Bei weiträumigen Erdarbeiten südwestlich von Heiligenhaus konnten umfangreiche Profile des Oberdevons (Famennium, ca. 372 Millionen Jahre) freigelegt werden. Überraschend war die vergleichsweise gut erhaltene und diverse Fauna an dreilappigen Gliederfüßern (Trilobiten), die für diesen Bereich bisher noch gänzlich unbekannt war. Daneben kamen auch verschiedene Kopffüßer (Goniatiten), Seelilien, gut erhaltene Pflanzenreste sowie zahlreiche andere Fossilfunde zum Vorschein.
Vorgeschichte
In Erftstadt-Erp wurde das spätbronze- bis mitteleisenzeitliche Gräberfeld weiter erforscht. Es ist mittlerweile eines der größten Gräberfelder aus dieser Zeit im Rheinland und umfasst derzeit mehr als 30 Hektar. Insgesamt konnten im letzten Jahr 32 Urnengräber und 35 Brandschüttungsgräber freigelegt werden. Unter den Urnengräbern befand sich eine besondere Bestattung aus der Hallstattzeit (800 – 475 v. Chr.): Der verstorbenen Person waren ein kleines Gefäß und zwei Keramikschälchen mit je einer kugelförmigen Rassel beigegeben worden. Die Rasseln können Kinderspielzeug oder Kultgegenstände gewesen sein.Einen außergewöhnlichen Hinweis auf die Rollenverteilung zwischen Frau und Mann fand sich in dem eisenzeitlichen Gräberfeld von Weeze-Knappheide. In zwei Gräbern aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. lagen neben dem ausgeschütteten Leichenbrand und anderen Beigaben auch jeweils mehrere Schleudergeschosse aus Ton. Schleudern wurden typischerweise als Jagd- und Kriegswaffen eingesetzt. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei den Individuen um männliche Jäger oder Krieger gehandelt hat. Die Untersuchung der menschlichen Überreste ergab allerdings, dass es sich bei der einen Bestattung wohl um eine Frau handelt. Bei der anderen konnte das Geschlecht nicht festgestellt werden. Schleudergeschosse waren demnach keine typisch männliche Waffe, sondern auch Frauen wussten damit umzugehen.
Aus der späten Eisenzeit stammt eine in mehrfacher Hinsicht einzigartige Bestattung aus Euskirchen-Kuchenheim, die von der Fachfirma archaeologie.de freigelegt wurde. Hier wurden in einem Körpergrab drei etwa 20 bis 30 Jahre alte Männer bestattet. Das Spannende: Von einem befand sich nur der Kopf im Grab und zwar zwischen den Köpfen der beiden vollständigen Körperbestattungen. Der Kopf wurde kurz vor der Beisetzung vom Körper des bereits toten Mannes abgetrennt. Unklar ist, warum nur der Kopf niedergelegt wurde. Dem ältesten Mann war zudem ein Schwert beigeben worden – das erste dieser Zeit aus dem Rheinland. Vergleiche finden sich im französischen Gebiet. Auf dem Schwert lag der zweite Mann, der seitlich gegen die Grabwand gelehnt war – seine Beisetzung mit im Grab war wohl ursprünglich nicht geplant. Die Ursache für den Tod der drei Personen und warum sie auf diese Weise bestatten wurden, gibt derzeit noch Rätsel auf. Die noch ausstehenden Ergebnisse naturwissenschaftlicher Analysen bringen vielleicht mehr Aufschluss über die Herkunft oder auch Verwandtschaftsverhältnisse der drei jungen Männer.
Römische Epoche
Ein unerwarteter Befund tat sich im wahrsten Sinne des Wortes in Bonn-Friesdorf auf. Während die archäologische Fachfirma Fundort die Mauerzüge eines römischen Landgutes freilegte, stieß sie überraschend auf einen Hohlraum. Unter dem originalen römischen Fußboden verbarg sich eine noch vollständig erhaltene Fußbodenheizung. In der Regel sind solche Hypokaustanlagen nur im eingestürzten oder verfüllten Zustand bekannt.Zu diesem Befund passen die neuen Erkenntnisse aus der Bauforschung des LVR-Archäologischen Park Xanten, wo mithilfe eines Computermodells die Warmluftströme hinter den Fußböden und Wänden einer nachgebauten römischen Badeanlage simuliert wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass vermeintlich gesicherte Ergebnisse zur Funktionsweise antiker Fußbodenheizungen revidiert werden müssen.
Aus seinen Ausgrabungen in einem gallo-römischen Tempel stellt der Archäologische Park außerdem eine kultisch genutzte Grube vor, die Hinweise auf ein Kultmahl und die Entsorgung der Essensreste lieferte.
Neue Erkenntnisse zur römischen Wasserversorgung gelangen an gleich zwei Orten:
So wurde bei Straßenbaumaßnahmen westlich von Zülpich ein Teilstück der bereits bekannten römischen Wasserleitung freigelegt. Diese versorgte den vicus tolbiacum (das römische Zülpich) aus einem bisher nicht genau lokalisiertem Quellgebiet. Durch das neu entdeckte Leitungsstück gelang es nun aber, den Verlauf auf Luftbildern weiterzuverfolgen und auf diese Weise die Quelle bei Floisdorf zu verorten.
Den Trassenverlauf der Eifelwasserleitung, die das römische Köln versorgte, konnte ein zufällig entdecktes Teilstück bei einer Maßnahme der Grabungsfirma Goldschmidt Archäologie & Denkmalpflege in Bornheim-Merten näher klären. Bislang war die Trasse an anderer Stelle vermutet worden. Interessanterweise überlagert die Wasserleitung einen leicht versetzt verlaufenden Graben, der folglich älter sein muss. Dessen Maße stimmen fast mit denen des Baugrabens der Eifelleitung überein, was vermuten lässt, dass ein ursprünglich geplanter Leitungsverlauf aus unbekannten Gründen aufgegeben wurde.
Das verheerende Hochwasser im Juli 2021 hatte bei Euskirchen-Palmersheim Teile einer bisher unbekannten römischen Siedlung freigespült. Der Ohrbach hatte sich so stark verbreitert, dass in den Seitenhängen des Bachbettes Fundamentspuren und Gruben zu erkennen waren. Diese wurden 2022 im Rahmen des Projektes „Schadenskataster Hochwasser 2021“ nach dem Hinweis eines Anwohners archäologisch dokumentiert.
Zwischen Euskirchen-Euenheim und -Wißkirchen erfolgten umfangreiche Baumaßnahmen, da der Veybach zum Schutz vor Hochwasser in ein neues Bett verlegt wurde. Die archäologische Begleitung erfolgte anfangs durch das LVR-ABR und anschließend durch die Fachfirma Planum1. Bei Euenheim konnte neben mehreren Brandgrubengräbern auch eine Körperbestattung aus spätrömischer Zeit dokumentiert werden. Das vollständig erhaltene Skelett lag auf mehreren Ziegelplatten. Weitere Brandgräber und die Spuren einer villa rustica wurden bei Wißkirchen freigelegt. Zu den besonderen Funden zählen neben einer eisernen Öllampe mit Wandhalterung auch mehrere spätrömische Münzen.
Bei Emmerich fand der Sondengänger Dirk Berns auf einem Acker eine römische Gemme in einer Goldfassung und meldete sie dem LVR-ABR. Vermutlich handelt es sich bei dem Stein um einen Onyx. Darin ist ein Vogel eingearbeitet, der einen Gegenstand pickt. Ursprünglich saß die Gemme wohl in einem Ring, in zweiter Verwendung wurde sie in einen Goldrahmen eingefasst und diente möglicherweise als Ohrring. Ein Vergleichsstück ist bislang nicht bekannt.
Das Römisch-Germanischen Museum der Stadt Köln hat 2022 in der Huhnsgasse einen größeren Ausschnitt der römischen Vorstadt der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA) untersucht. Das Baugrundstück liegt an der nach Trier führenden Ausfallstraße der antiken Stadt. In römischer Zeit war das Areal in schmale Parzellen eingeteilt. Freigelegt wurden zwei Streifenhäuser, die durch eine dazwischen verlaufende Gasse von der römischen Fernstraße aus erschlossen wurden. Die Gebäude bestanden anfangs aus Holz und wurden später in Stein ausgebaut. Von einer gewerblichen Nutzung zeugen zwei Keramikbrennöfen, die im Hinterhofbereich der Gebäude betrieben wurden. Fragmente tönerner Theatermasken dürften aus örtlicher Produktion stammen.
Bei einer Ausgrabung in der Südnekropole des römischen Köln an der Severinstraße wurde eine Gruppe von Urnenbestattungen der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. untersucht. Eines der Gräber erbrachte einen spektakulären Fund: Der Tote war auf einem mit aufwendigen Knochenschnitzereien verzierten Speisesofa (Kline) verbrannt worden. Die Fragmente des im Feuer zersprungenen Schnitzwerks waren nach der Totenverbrennung zusammen mit den Resten vom Scheiterhaufen in das Grab gegeben worden. Im Nordwesten des römischen Reiches sind vergleichbare Funde bisher nur aus den Gräberfeldern der römischen Militärlager von Xanten (Vetera) und Haltern am See (Aliso) bekannt.
Bei Ausgrabungen im Bereich des Forums im Zentrum der römischen Stadt wurde an der Schildergasse ein Abschnitt der Ringportikus untersucht. Im Hochmittelalter wurden die Baureste dieser halbkreisförmigen monumentalen Säulenhalle, welche die weitläufige Platzfläche des Forums nach Westen einfasste, zur Gewinnung von Baumaterial genutzt. Tief in den Untergrund geführte Ausbruchgruben erfassten auch die unterirdische Säulenhalle des Großbaus. Nach einer längeren Brache wurde das Areal im 12. Jahrhundert durch Auffüllung und Einplanierung für eine Neuparzellierung und die nachfolgende mittelalterliche Bebauung wiederhergestellt.
Mittelalter
Aus dem Frühmittelalter stammt ein besonderer Sondengängerfund: Die erste und bislang einzige ostgotische Münze im Rheinland entdeckte Karlheinz Schultze in Kleve. Die nur 11 mm große Silbermünze zeigt auf der Vorderseite den oströmischen Kaiser Justinian (482 – 527) und auf der Rückseite das Monogramm „R D“, was auf den Ostgotenkönig Theoderich der Große (451 – 526) verweist. Diesen Münztypus hat der Ostgote Witigis prägen lassen, der von 536 bis 540 König war. Ein Loch am Rand der Münze weist auf eine Zweitverwendung als Anhänger hin.Ehrenamtliche Mitarbeiter des LVR-ABR entdeckten an der hochmittelalterlichen Burgruine Hardenberg bei Neviges durch unerlaubte Bodeneingriffe entstandene Schäden. Das Amt führte daher auf kleiner Fläche Untersuchungen an den freigelegten Mauerabschnitten durch. Auf diese Weise wurde die genaue Burgstruktur erfasst: Ein großer quadratischer Turm thronte mittig als Bergfried auf einer Anhöhe, umgeben von einer Umfassungsmauer und mächtigen Gräben. Interessanterweise wurden für den Bau der Burg ortsfremde Kalk- und Tuffsteine verwendet, die aus unbekannten Gründen aufwendig importiert worden sein müssen.
Bei Nideggen-Wollersheim legte die Fachfirma AbisZ-Archäologie an der Wasserburg Gödersheim einen interessanten Befund frei: Reste eines Zwingers aus Bruchsteinmauerwerk. Der Zwinger war mit Schießscharten versehen und befand sich an der westlichen Seite des Hauptgebäudes. Er wurde wahrscheinlich im Zuge des Ausbaus der 1343 erstmals erwähnten Burg zu einem repräsentativen Adelssitz im 15./16. Jahrhundert errichtet.
Im letzten Jahr gelang es, zwei mittelalterliche Hofanlagen wieder zu entdecken. Beide Höfe waren durch Schriftquellen zwar bekannt, ihre genaue Verortung aber bislang unbekannt. So konnten bei Grabungen im Vorfeld von Bauarbeiten bei Dormagen-Rheinfeld Teile des Umfassungsgrabens und eine Backsteinmauer des Walhover Hofs freigelegt werden, der erstmals 1291 schriftlich erwähnt und im 19. Jahrhundert aufgegeben wurde. Ehrenamtliche Mitarbeiter des Amtes hatten bereits zuvor durch Oberflächenfunde und Luftbilder die ungefähre Lage des Hofes ausfindig machen können. Daher war es nun möglich, den größten Teil der Anlage als Bodendenkmal zu erhalten. Bei Kerpen-Manheim gelang es der archäologischen Fachfirma Arthemus im Vorfeld des Tagebaus Hambach, mehrere Befunde des 1138 erstmalig genannten Hofes Bochheim freizulegen. Der Hof befindet sich unmittelbar südwestlich des neuzeitlichen Hofes Groß-Bochheim. Unter den Befunden waren neben mittelalterlichen Gräben auch frühneuzeitliche Brunnen und eine gemauerte Grube aus dem 19. Jahrhundert. Der mittelalterliche Hof wurde offenbar bis in die Neuzeit genutzt. Die Grabung erfolgte im Rahmen eines Projektes der Heimatfreunde Stadt Kerpen e. V., welches verschiedene Ortsgenesen erforscht und vom MHKBD NRW gefördert wird.
Neuzeit
Bereits 2020 hatte der Sondengänger Henk Verhoeven einen gut erhaltenen Fund aus Rees gemeldet: eine silberne Vogelfigur mit der eingravierten Jahreszahl 1569. Erst 2022 gelang es, die Bedeutung des Vogels festzustellen. Es handelt sich um einen Papageien, der am Ende einer Kette für den Schützenkönig angebracht war. Diese Tradition kommt erst im 16. Jahrhundert auf, der Fund ist also eines der frühesten erhaltenen Exemplare.Das Niedrigwasser des Rheins im Sommer 2022 machte bei Kleve einen interessanten Fund am Ufer sichtbar: Dort tauchten hölzerne Wrackteile eines Schiffes auf. Auch wenn das Wrack weiterhin die meiste Zeit unter Wasser lag, konnte es durch das LVR-ABR dokumentiert werden. Möglicherweise handelt es sich dabei um eines der fünf Schiffe, die 1895 bei der Explosion des mit Dynamit beladenen Frachtschiffes „Elisabeth“ untergingen. Das Wrack eines dieser Schiffe, die „De Hoop“, ist bereits seit den 1980ern bekannt und befindet sich in unmittelbarer Nähe. Ob es sich bei dem neu erfassten Wrack um eines der besagten Schiffe oder vielleicht sogar die „Elisabeth“ selbst handelt, ist allerdings nicht sicher.
Durch Prospektionen mit dem Georadar gelang es bei Hellenthal-Hollerath die Strukturen eines Kriegsgefangenenlagers aus dem Zweiten Weltkrieg zu untersuchen. Die Existenz des Lagers war aus Schriftquellen bekannt, es wurde in den 1930er Jahren als Unterkunft für den Reichsarbeitsdienst errichtet und diente während des Krieges als Lager für sowjetische Kriegsgefangene. Die Universität Osnabrück konnte 2021 erstmals das Lager genau lokalisieren. Bei den weiterführenden Untersuchungen des LVR-ABR wurden auf einer Fläche von ca. 6.000 m² insgesamt fünf langrechteckige Baracken, eine Latrine und vermutlich ein Brunnen festgestellt, die um einen großen Platz angeordnet sind.
Archäologie im Rheinland – Im Tod unsterblich
Die „Archäologie im Rheinland“ widmet sich in diesem Jahr Gräbern von der Jungsteinzeit bis in die Neuzeit. Anhand von Neufunden, aber auch weiteren ausgewählten Grabfunden mit teils spektakulärer Ausstattung beleuchtet sie, wie menschliche Gemeinschaften mit ihren Verstorbenen umgingen und welche Rückschlüsse Archäologinnen und Archäologen daraus ziehen. Die Ausstellung gibt hierbei nicht nur einen Überblick zu Bestattungssitten durch die Jahrtausende, sondern die Besucher*innen lernen auch einzelne Personen kennen, wie den Bogenschützen aus Rheinbach, die Schöne aus Zülpich, die Priesterin aus Borschemich, aber auch den Geköpften aus Kuchenheim und andere mehr. -
Römische Heizung unter der Straße entdeckt
Besonders gut erhaltene Fußbodenheizung in Bonn-Friesdorf freigelegt
Bei Bauarbeiten in Bonn-Friesdorf wurden Spuren eines römischen Gebäudes freigelegt. Besonders bemerkenswert sind die Überreste einer Fußbodenheizung der Römer. Der hervorragende Erhaltungszustand der Anlage ist außergewöhnlich.
Römische Gebäude mit einer Fußbodenheizung, einem sogenannten Hypokaustum, sind im Rheinland nicht selten. Doch als in der Pfarrer-Merck-Straße der noch völlig erhaltene Hohlraum der Heizung unter dem originalen Fußboden entdeckt wurde, waren die Archäolog*innen des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) erstaunt. „Üblicherweise ist der Boden eingestürzt oder der Hohlraum anderweitig verfüllt. Dieser Befund ist also etwas Besonderes“, erklärt Dr. Jens Berthold, Leiter der für die Archäologie des Bonner Raumes zuständigen Außenstelle Overath des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR). Der Estrichboden ruht auf 65 Zentimeter hohen Ziegelsäulen, die in regelmäßigen Reihen auf einem Unterboden aufgestellt sind. Zwischen den Säulen konnte die Wärme zirkulieren, die mittels einer Feuerstelle an der westlichen Raumseite erzeugt wurde. Die zwischen Estrichboden und Säulen eingebaute Ziegeldecke diente zudem der Wärmespeicherung.
Die römischen Funde waren bei Bauarbeiten in der Pfarrer-Merck-Straße und der Hochkreuzallee freigelegt worden. BonnNetz, der Netzbetreiber in der Bundesstadt Bonn, hatte in der Pfarrer-Merck-Straße über 85 Meter Gasrohre neu verlegt und auf einer Länge von ca. 115 Meter Wasserleitungen ausgewechselt. Da in der geplanten Trasse mehrere Bodendenkmäler vermutet worden waren, wurden die Arbeiten von der archäologischen Firma Fundort begleitet, unter der fachlichen Überwachung des LVR-ABR. Unerwartet waren die Funde daher nicht. Denn bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts ist bekannt, dass sich dort ein römisches Gebäude im Boden verbirgt. „Überraschend war für uns die vergleichsweise geringe Tiefe, in der die Funde unter der Oberfläche lagen und deren gute Erhaltung“, so Dr. Bettina Carruba von der Firma Fundort. Sie leitet die Untersuchungen in Friesdorf. Neben dem Raum mit der Fußbodenheizung kamen auch die Fundamente von zwei weiteren Räumen zum Vorschein. Außerdem konnte der Abschnitt einer Wasserleitung dokumentiert werden. Von der aufwendigen Innenausstattung der Räume zeugt die überdurchschnittliche Anzahl an bemalten Wandputzfragmenten, die das Team um Carruba bei der Maßnahme fand.
Die Dokumentation des Hohlraums gestaltete sich schwierig, da dieser nur durch ein schmales Loch im römischen Estrich einsehbar ist. Mit Hilfe von Videokameras gelang es den Hohlraum weitestgehend zu erfassen. Um die Größe des Hohlraums genauer nachvollziehen zu können, führte das LVR-ABR eine Messung mit dem Georadar durch. Mit dieser Methode ist es möglich Strukturen im Boden zu erkennen, ohne dass eine Ausgrabung notwendig ist. Dabei ließ sich im Radarbild erkennen, dass sich die Fußbodenheizung unter einem Raum mit einer Apsis befindet. Die volle Ausdehnung des Raumes und der Heizungsanlage ist allerdings auch hier nicht erfassbar, da die Gegebenheiten an der Oberfläche den Platz zur Messung beschränken.
Bereits Ausgrabungen Ende des 19. Jahrhunderts und in den 1920er sowie -50er Jahren hatten Mauern und Räumlichkeiten erfasst, die zu einem stattlichen römerzeitlichen Gebäude gehörten. Das Gebäude wird bisher als ein römisches Landgut, eine villa rustica, gedeutet. Die neuen Befunde lassen aber auch andere Funktionen möglich erscheinen. „Vielleicht haben wir es hier, südlich des Bonner Legionslagers, auch mit einer kleinen Badeanlage zu tun“, so Berthold. Um genaueres sagen zu können, müssen nun erst die Ergebnisse der Grabung ausgewertet werden.
In Abstimmung mit der Stadt Bonn und der SWB wird der Hohlraum nun mit Flüssigboden verfüllt. „Das soll nicht nur ein Absacken des Bodens verhindern, sondern vor allem auch diesen besonderen Befund konservieren“, erläutert Dr. Tanja Baumgart, die beim LVR-ABR für die Überwachung der Maßnahme verantwortlich ist. Durch Verwendung einer speziellen Mischung wird der Flüssigboden zwar fest, kann aber jederzeit wieder leicht entfernt werden. Auf diese Weise wird das Bodendenkmal vor Schäden durch das Einbrechen des Hohlraums gesichert und steht möglichen archäologischen Untersuchungen späterer Zeiten dennoch zur Verfügung.
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Gewänder, Goldschmuck und ein Welterbe
Archäologie und Paläontologie präsentieren neueste Forschungsergebnisse und herausragende Funde aus dem Jahr 2021
Das Amt für Bodendenkmalpflege des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) blickt auf die archäologischen und paläontologischen Highlights des vergangenen Jahres zurück: von 389 Millionen Jahre alten Krebsen mit Rundumblick über eine 6000 Jahre alte monumentale Grabenanlage und metallzeitliche Waffen, römische Wandmalereien, besondere Brunnenfunde und einzigartigen Goldschmuck hin zu mittelalterlichen Schätzen und außergewöhnlichen neuzeitlichen Gewändern. Eine Auswahl der Fundhighlights ist in der Ausstellung „Archäologie im Rheinland 2021“ im LVR-LandesMuseum in Bonn zu sehen. Die Jahrestagung des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR) wird aufgrund der Pandemie nicht wie gewohnt zum Auftakt der Ausstellung stattfinden, sondern erst am 2. & 3. Mai 2022.
Erdgeschichte
Der Neufund eines Trilobiten aus Blankenheim* belegte, dass diese Dreilapperkrebse schon vor 389 Mio. Jahren den Rundumblick besaßen. Sie verfügten über Komplexaugen aus zahlreichen Einzellinsen, die rechts und links am Kopf saßen, ähnlich heutigen Insekten.Mit Bernstein bringen viele Menschen die Ostsee in Verbindung. Aber auch im Rheinland kann der begehrte Schmuckstein gefunden werden, wenn auch äußerst selten. Aus den großen Kalksteinbrüchen bei Wülfrath* kommen 100 Millionen Jahre alte Sande und Tone, die Bernsteinbröckchen enthalten. Deren Analyse durch ein internationales Geochemiker*innen-Team ergab, dass das fossile Harz von Zypressen- und Kieferngewächsen stammte.
Vorgeschichte
Bereits 1963 wurde bei Swisttal-Gut Capellen* eine jungsteinzeitliche Siedlung entdeckt. Mit Hilfe von Georadar- und Magnetikmessungen konnte nun ein detaillierter Einblick in die Struktur der mehr als 20 Häuser umfassenden Siedlung gewonnen werden. Die bei Begehungen gefundene Keramik mit Ritzlinien, Einstichen sowie Knubben oder Ösen datiert die Siedlung in die Bandkeramik, in die Zeit von 5300 bis 4900 v. Chr.Erstmals wurde eine weitgehend vollständig erhaltene Tierplastik aus der Bandkeramik (5300 bis 4900 v. Chr) im Rheinland entdeckt. Sie kam bei Trassengrabungen der Fachfirma Archaeonet in Würselen-Broichweiden* in einer Siedlung zutage. Die kleine Rinderfigur ist Fund des Monats Februar (mehr Informationen unter https://t1p.de/tierplastik).
Bei Waldfeucht-Obspringen* wurde im Luftbild eine monumentale jungneolithische Grabenanlage mit einem Doppelgraben entdeckt. Die Anlage hat einen Durchmesser von 775 m und verfügt über mehrere Torbereiche. Ein Grabungsschnitt zur Qualifizierung des Bodendenkmals am 9,80 m breiten und max. 1,70 m tiefen, äußeren Graben erbrachte auch Holzkohlereste. Die mit Hilfe der Radiokarbonmethode (14C) untersuchten Reste bestätigten mit einer Datierung von 4000 v. Chr. die vermutete Zeitstellung.
2021 wurde ein vergessenes Schwert bei Aufräumarbeiten während der Pandemie in einem Privathaushalt wiederentdeckt. Das bereits in den 1950er-Jahren vom Großvater des Wiederentdeckers in einer Kiesgrube in Wesel-Aue* gefundene und neu gerichtete spätbronzezeitliche Schwert aus dem 9. Jh. v. Chr. gelangte damals durch Handel an den Niederrhein. Es war nach seiner Nutzung rituell niedergelegt worden wie sein ursprünglicher verbogener Zustand nahelegt. Der Besitzer hat dem LVR-LandesMuseum Bonn den Fund als Dauerleihgabe überlassen.
Von der Blouswardt* bei Emmerich-Praest, einem von der späten Bronzezeit bis heute hochgewohnten Siedlungshügel, stammen tönerne Schleudergeschosse der jüngeren Eisenzeit (450 v. Chr. bis um Chr. Geburt). Derartige Geschosse wurden von den Kelten als Jagd- oder Kriegswaffe genutzt.
Römische Epoche
Der Höhepunkt des vergangenen Jahres war im Juli die Ernennung des Niedergermanischen Limes zum UNESCO-Welterbe. Die länderübergreifende Welterbestätte „Grenzen des Römischen Reiches – Niedergermanischer Limes“ umfasst entlang des Rheins in den Niederlanden und in Deutschland insgesamt 44 Fundplätze von Katwijk an der Nordsee (Niederlande) bis Remagen in Rheinland-Pfalz, darunter 24 in Nordrhein-Westfalen.Passend zur Ernennung hat im September 2021 die Archäologische Landesausstellung Nordrhein-Westfalen „Roms fließende Grenzen“ eröffnet. Sie präsentiert die neuesten Forschungsergebnisse zum Niedergermanischen Limes. Fünf verschiedene Standorte (Detmold, Xanten, Bonn, Haltern am See, Köln) widmen sich mit fünf unterschiedlichen Schwerpunkten dem Leben an und mit dieser Flussgrenze (mehr Informationen unter https://www.roemer.nrw/).
Zu den Fundplätzen des Welterbes zählt auch das Bonner Legionslager. In Bonn-Castell* wurden bei Grabungen der Fachfirma AbisZ-Archäologie im Bereich des Lagers Gebäudereste freigelegt. Zahlreiche verstürzte, aber auch noch stehende Wände waren mit bemaltem Wandputz versehen und zeugen so von einer gehobenen Ausstattung des Militärstandortes. Auf weißem Grund waren vielfältige geometrische Muster sowie Pflanzenmotive in verschiedenen Farben aufgebracht. Rund 300 Kisten mit Wandputzfragmenten wurden gesichert und in die Werkstätten des LVR-LandesMuseums Bonn gebracht.
Im Vorfeld des Braunkohlentagebaus Garzweiler wurde bei Erkelenz-Lützerath* ein römisches Landgut des späteren 1. bis ausgehenden 4. Jh. n. Chr. vollflächig ausgegraben. Im Laufe der Zeit sind dort insgesamt acht zwischen 15 und 18 m tiefe Holzbrunnen angelegt worden. Neben den eisernen Resten einer Hebe- und Kippvorrichtung mit fassartigem Förderbehältnis im größten der Brunnen, die möglicherweise der Wasserversorgung einer Badeanlage diente, sind auch zahlreiche Gerätschaften aus Haus und Hof in die Tiefe gelangt. Neben einem Kesselhaken und Werkzeugen fanden sich auch persönliche Gegenstände, wie eine Fibel, die wahrscheinlich beim Wasserholen verloren gingen. Besonders aufschlussreich ist eine große Lanzenspitze germanischer Machart, deren anhaftende Brandspuren möglicherweise von Germanenüberfällen im 3. bis 4. Jh. Zeugnis geben.
Durch den fortschreitenden Abbau konnte in einer Kiesgrube bei Bornheim-Uedorf* der Brunnen einer villa rustica bis in 10 m Tiefe verfolgt werden. Zwischen den Tuffblöcken des Brunnenschachts fand sich eine Münze des Tetricus (271–274) als Bauopfer, sie macht eine Errichtung des Brunnens ab dem letzten Viertel des 3. Jhs. n. Chr. wahrscheinlich. Auf seine Verfüllung nach 367–375 geben Münzen der Kaiser Valentinian, Gratian und Valens Hinweise. Im Brunnen lagen zahlreiche Architekturteile und Bauschutt des Landguts, darunter auch Fragmente einer Jupitersäule inklusive der beschädigten Skulptur des darauf thronenden Göttervaters. Sie lassen auf ein Jupiterheiligtum in diesem Landgut schließen, das möglicherweise in der Spätantike Opfer von Verwüstungen wurde. Eine Teilrekonstruktion des massiven römischen Tuffsteinbrunnens ist in der Ausstellung zu sehen.
Bei einem römischen Landgut in Zülpich* konnte 2021 ein kleines Gräberfeld des 2.–4. Jhs. abschließend untersucht werden, das Bestattungen mit besonderer Ausstattung umfasste. Hervorzuheben sind feinste Glasgefäße aus fast durchsichtigem Glas aus einem der neu freigelegten Brandgräber, einem bustum, die sich unverbrannt in einer Beigabennische fanden.
In einem Brandgräberfeld des 2. und 3. Jhs. in Tönisvorst-Vorst* waren die Gräber durch dicht beieinanderliegende, rechteckige Gräbchen eingefriedet, in denen einst Zäune standen. Ein derartiger Befund war vom Niederrhein bislang unbekannt. Von dort stammen auch umfängliche Gefäßbeigaben für Speise und Körperpflege.
Am Rande einer ländlichen Straßensiedlung (vicus) aus römischer Zeit wurde bei Selfkant-Tüddern* ein Brandgräberfeld zu beiden Seiten einer römischen Straße entdeckt. In einem der Gräber aus dem 1. Viertel des 3. Jhs. n. Chr. lag der Leichenbrand eines Mannes. Unter den Beigaben sind die sog. Unguentarien in einem Männergrab ungewöhnlich. In den kleinen Glasfläschchen bewahrte man Öle, Salben oder spezielle Flüssigkeiten auf. Ungewöhnlich ist auch die Beigabe einer bereits in römischer Zeit über 4000 Jahre alten Antiquität: eine jungsteinzeitliche Beilklinge aus Jadeitit. Das Grab ist in der Archäologischen Landesausstellung NRW in Bonn zu sehen. Ein gut ausgestattetes Frauengrab mit umfangreichen Gefäßbeigaben wird in der Ausstellung Archäologie im Rheinland 2021 gezeigt.
Bei Nideggen-Abenden* gelang dem ehrenamtlichen Mitarbeiter Stephan Mros und dem lizenzierten Sondengänger Günther Ehlen ein besonderer Fund bei einer vom LVR-ABR beauftragten Suche: eine kostbarer Goldschmuck. Die goldene Rollenkappenfibel des 1. Jhs. n. Chr. weist einen aufwändigen Dekor aus Goldkügelchen und eckig gefassten Glasperlen auf. Wahrscheinlich stammt sie aus einer renommierten Goldschmiedewerkstatt, die sich am ehesten in der Provinzhauptstadt Köln oder auch in Gallien befunden haben dürfte.
Im LVR-Archäologischen Park Xanten kamen bei Ausgrabungen in einem Wohnviertel am Rande der römischen Stadt überraschend die Überreste eines privaten Kultbaus mit Funden von speziellen Lampen, Räucherkelchen und Pinienkernen zutage. Neue Forschungen über die ältesten Gräber im Stadtgebiet geben Hinweise auf die früheste römische Siedlung am Ort. Sie zeichnen das Bild einer ausgesprochen heterogenen Bevölkerung, die sich von Anfang an aus verschiedenen Regionen des Imperiums zusammensetzte.
Die Bodendenkmalpflege des Römisch-Germanischen Museums der Stadt Köln war auch im letzten Jahr an vielen Orten der Colonia Claudia Ara Agrippinensium tätig. Bei aufwändigen Sondagen am Marsplatz gelang es, den Verlauf der rheinseitigen römischen Stadtmauer mit dem ehemaligen Marstor genau zu dokumentieren. Dabei konnten auch außergewöhnlich gut erhaltene Baureste des römischen Torbaus mit mittelalterlichen Ausbaumaßnahmen freigelegt werden. Durch eine mit Hilfe der Radiokarbonmethode (14C) gewonnene Datierung kann die mittelalterliche Bautätigkeit mit dem Umbau des Torbaus in die für das 12. Jahrhundert bezeugte Michaelskapelle in Verbindung gebracht werden.
In der Vorstadt des römischen Köln wurden an der Frankstraße auf einer Fläche von knapp 1000 m² ein vollständig erhaltener Abschnitt der römischen Fernstraße nach Trier (Aggrippastraße) und Überreste der daran anschließenden Vorstadtbebauung ergraben. Ein parallel zur Straße verlaufender römischer Kanal diente wahrscheinlich dem Auffangen von Regenwasser für eine weitere Nutzung.
Bei einer Untersuchung im Rahmen von Leitungsverlegungen in der Christophstraße konnten die Fundamente des nördlichen Turms der Gereonstorburg aus dem frühen 13. Jh. freigelegt, dokumentiert und unterirdisch erhalten werden. Sie war Teil der großen mittelalterlichen Stadtbefestigung auf Höhe der Kölner Ringe, die auf das Jahr 1180 zurückgeht.
Mittelalter
Aus dem Frühmittelalter stammen zwei fränkische Gräber, die bei einer Baustellenbegleitung in Bad Honnef-Rhöndorf* zutage kamen. In einem der Gräber war eine reich verzierte Goldscheibenfibel der zweiten Hälfte des 7. Jhs. der Beraubung entgangen. Die Bestattungen gehören zu einem Gräberfeld, das bereits durch ältere Funde bekannt ist.Ein großer Hortfund aus dem Mittelalter kann als versteckte Barschaft gelten: Nahe Rheinberg-Ossenberg* fanden Peter Bluth, ein Sondengänger mit denkmalrechtlicher Genehmigung, und sein Sohn Moritz über 200 Silbermünzen vom Ende des 12. Jhs. zerstreut auf einem Acker. Die nachfolgenden Untersuchungen des LVR-ABR deckten die ursprüngliche Grube sowie weitere Münzen auf. Die hier seltenen Prägungen des Utrechter Bischof Balduin II. (1178–1198) und seines Bruders, Graf Floris III. von Holland (1157–1190), sind wahrscheinlich im Rahmen einer geschäftlichen Transaktion hierher gelangt.
Eine besondere Form der Deponierung wurde in Goch* bei einer Sachverhaltsermittlung durch die Fachfirma Wroblewski Archäologie und Burgenforschung im Vorfeld der Gebäudesanierung entdeckt. Vor dem Bau des gotischen Hauses „zu den fünf Ringen“ um 1500 hatte man an einer Ecke des Hinterhauses einen bronzenen Grapen, ein kleines Kochgefäß mit drei Standbeinen, mit zwei Goldgulden aus der Zeit um 1400 als Bauopfer deponiert. Warum prägefrische Münzen 100 Jahre später zur Grundsteinlegung des Patrizierhauses in ein Bauopfer gelangten, entzieht sich unserer Kenntnis.
Neuzeit
In die Frühe Neuzeit datiert ein besonderer Grabfund aus Düren-Rölsdorf*. Bei Grabungen der archäologischen Fachfirma Goldschmidt Archäologie und Denkmalpflege wurden die Fundamente einer ehemaligen Kirche freigelegt. Eines der dabei entdeckten Gräber des späten 17. bzw. beginnenden 18. Jhs. beherbergte außergewöhnliche Lederobjekte. Bei der Restaurierung im LVR-LandesMuseum Bonn zeigte sich, dass es sich um liturgische Gewänder eines Priesters handelte: Kasel (Obergewand), Stola und Manipel. Statt des üblichen bestickten Seidenstoffs besteht die Gewänder aus sog. Goldleder.Von der Grabungsfirma Archbau wurden bei einer Ausgrabung in Essen-Werden Gräber des Begräbnisplatzes der Königlich-Preußischen Strafanstalt erfasst. Die Bestattungen erfolgten in genagelten Holzsärgen in eng nebeneinanderliegenden Grabgruben. Bemerkenswert sind mehrere Skelette mit Sägespuren, darunter drei Schädel mit abgesägter Schädelkalotte und mindestens eine Person mit abgesägter Hand. Offensichtlich dienten diese Leichen anatomischen Studien.
Aus der jüngeren Vergangenheit stammt ein stilles Zeugnis des Holocausts. In Zülpich* wurden bei der Begleitung von Kanalsanierungsarbeiten durch die Fachfirma AbisZ-Archäologie die Fragmente jüdischer Gebetbücher entdeckt, wie die Restaurierung der Funde im LVR-LandesMuseum Bonn ergab. Die Gebetbücher waren ursprünglich in einer Holzkiste vergraben worden, um sie vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu bewahren. Ihre einstigen Besitzer*innen fielen alle dem Holocaust zum Opfer. Ausführlichere Informationen finden sich hier: https://t1p.de/Judaica
*Eine Fundauswahl ist in der Ausstellung zu sehen:
Archäologie im Rheinland 2021
Bis zum 8. Mai 2022 werden anlässlich des Jahresrückblicks herausragende Neufunde aus dem Jahr 2021 präsentiert. Zugleich informiert die Ausstellung anhand der Funde über die verschiedenen archäologischen Quellengattungen und ihre Aussagekraft. -
Überreichung der Urkunden zum UNESCO-Welterbe Niedergermanischer Limes
Urkundenübergabe und Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung zum UNESCO-Welterbe „Grenzen des Römischen Reiches – Niedergermanischer Limes“ / LVR übernimmt die Aufgabe des Welterbebeauftragten
Der Niedergermanische Limes wurde am 27. Juli von der UNESCO als Welterbe anerkannt. Über die Hälfte der Fundplätze der länderübergreifenden Welterbestätte liegen in Nordrhein-Westfalen. Nun überreichte Dr. Birgitta Ringbeck vom Auswärtigen Amt zusammen mit Ministerin Ina Scharrenbach den zugehörigen 19 Kommunen und den sechs Kreisen sowie dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) und dem Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen (MHKBG) in Bonn offiziell die Urkunden der UNESCO. Anschließend unterzeichneten die Kommunen und Kreise sowie der LVR und die Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege eine Kooperationsvereinbarung zum zukünftigen Umgang mit dem Welterbe.
Vor 16 Jahren begann der Weg zum Welterbe. Die Überreichung der Urkunden markiert nach der Ernennung nun den Höhepunkt dieses Weges. In einem feierlichen Akt nahmen Ministerin Scharrenbach für das MHKBG und LVR-Direktorin Ulrike Lubek für den LVR die Urkunden im LVR-LandesMuseum in Bonn entgegen. Staatsministerin Michelle Müntefering vom Auswärtigen Amt sandte eine Videobotschaft, in der sie allen Beteiligten herzlich für ihr Engagement dankte.
Ministerin Scharrenbach würdigte den besonderen Moment: „Die Urkunden machen deutlich sichtbar, welchen Schatz unser Bundesland beherbergt und welche Aufgaben nun auf uns warten. Ich freue mich, dass das Land Nordrhein-Westfalen die ersten wichtigen Schritte zur Sichtbarmachung des neuen Welterbes mit einer Anschubförderung von 1,5 Millionen Euro unterstützt. Dem Amt für Bodendenkmalpflege des Landschaftsverbands Rheinland und den kommunalen Limes-Partnern danke ich herzlich für ihr Engagement. Sie machen es möglich, dass das Welterbe Niedergermanischer Limes sehr viel mehr ist, als die Summe seiner Teile.“
Ebenso empfingen die Ober- bzw. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sowie Landräte und Landrätinnen der Kommunen und Kreise ihre jeweiligen Urkunden. „UNESCO-Welterbestätten genießen ein hohes Ansehen und stellen eine besondere Wertschätzung des kulturellen Erbes dar. Für unsere 19 Kommunen am Niedergermanischen Limes mit ihren herausragenden Bodendenkmälern ist die Anerkennung als Welterbe eine wichtige Auszeichnung“, betonte Ulrike Lubek zum Auftakt der Veranstaltung. „Wir wollen als kommunale Familie nun gemeinsam daran arbeiten, dass dieses Erbe für die Menschen vor Ort erlebbar wird. So wird zum Beispiel bald das Welterbe auf einem entsprechend markierten Rad- und Wanderweg ‚erfahr-und begehbar‘. An den insgesamt 24 Fundplätzen vermitteln Info-Tafeln Wissenswertes. Und bereits jetzt lädt der LVR-Archäologische Park Xanten in seinen ‚Limes-Pavillon‘ ein: Hier transportieren Lebensbilder und begehbare Karten ganz niederschwellig ein Verständnis vom Niedergermanischen Limes.“
Denn unmittelbar nach der Verleihung folgte der nächste Schritt im Umgang mit dem Welterbe: Der LVR, die Kommunen, Kreise und die Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege unterzeichneten eine Kooperationsvereinbarung, in der sie sich gemeinsam zu Schutz und Pflege der Welterbestätte verpflichten. Diese Vereinbarung bildet die Basis für die zukünftige und nachhaltige Entwicklung des Niedergermanischen Limes in Nordrhein-Westfalen, der mit all seinen vielfältigen Bestandteilen als eine integrale, einheitliche Welterbestätte erkennbar sein und touristisch erschlossen werden soll. Künftig wird der LVR, konkret das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR), die Aufgabe des Welterbebeauftragten übernehmen.„Wir sind uns des außergewöhnlich universellen Wertes des Niedergermanischen Limes und der Verantwortung dafür bewusst“, hob Milena Karabaic, LVR-Dezernentin für Kultur und Landschaftliche Kulturpflege, hervor. „Nicht zuletzt hat gerade unser römisches Erbe dazu beigetragen, dass wir im Rheinland eine urbane, vielfältige und dynamische Kulturlandschaft haben. Der Schutz und die Pflege unseres kulturellen Erbes ist uns allen ein gemeinsames Anliegen.“
Hintergrund
Die länderübergreifende Welterbestätte „Grenzen des Römischen Reiches – Niedergermanischer Limes“ umfasst entlang des Rheins in den Niederlanden und in Deutschland insgesamt 44 Fundplätze von Katwijk an der Nordsee (Niederlande) bis Remagen in Rheinland-Pfalz, darunter 24 in Nordrhein-Westfalen. Es handelt sich dabei um Roms früheste lineare Grenze. Deren 450-jährige Geschichte bildet zugleich die gesamte Bandbreite von Militärlagern und zugehörigen Zivilsiedlungen der Römischen Kaiserzeit ab. An vielen Fundplätzen lassen sich heute noch authentische Grundrisse, aber auch Roms innovativer Umgang mit dieser dynamischen Flusslandschaft erfahren. Herausragende organische Erhaltungsbedingungen machen den Niedergermanischen Limes dabei zu einem der bedeutendsten archäologischen Zeugnisse römischer Grenzen.Bereits 2005 hatte das MHKBG und das LVR-ABR die Initiative zu einem UNESCO-Welterbeantrag ergriffen. Fünf Jahre später wurde dann mit den Kolleginnen und Kollegen in den Niederlanden eine Kooperation bei diesem Antrag vereinbart. Unter Federführung des LVR-ABR gelang mit vom MHKBG geförderter Forschung ein so großer Wissenszuwachs, wie es ihn seit vielen Jahrzehnten an keinem anderen Abschnitt der einstigen Grenze des Römischen Reiches gegeben hat.
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Uralte "Schriftsteine", alte Gräber und ältere "Gezähe"
Archäologie und Paläontologie präsentieren neueste Forschungsergebnisse und herausragende Funde aus dem Jahr 2020
Zum 17. Mal präsentiert das Amt für Bodendenkmalpflege des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) eine Auswahl von sehenswerten Neufunden des vergangenen Jahres. Zugleich widmet sich die Ausstellung übergreifenden Themen der archäologischen und paläontologischen Bodendenkmalpflege, wie Methoden der Prospektion, den Herausforderungen für die Bodendenkmalpflege in den Braunkohletagebauen und den Kiesabbauflächen, aber auch neuen Forschungen zu Altbekanntem.
Als besonderes Angebot wird demnächst eine digitale Führung in der Ausstellung durch Dr. Erich Claßen, Leiter des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland, auf dem YouTube-Kanal „LVR-Bodendenkmalpflege“ zu sehen sein (https://t1p.de/lp7q).
Erstmalig werden dieses Jahr die neuen Forschungsergebnisse und Funde des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR) auch in einer Digitalen Tagung für ganz Nordrhein-Westfalen vorgestellt. Zusammen mit der LWL-Archäologie für Westfalen zeigt das LVR-ABR insgesamt 18 Beiträge zu paläontologischen und archäologischen Themen im Rheinland und in Westfalen. Die Videos zur „Archäologie in NRW 2020“ werden am 12. April ab 9.00 h abwechselnd auf den beiden YouTube-Kanälen der Landesarchäologien ausgestrahlt (Das Programm und nähere Informationen auf www.bodendenkmalpflege.lvr.de).
Erdgeschichte
Rund ums Meer drehen sich zum größten Teil die Ausstellungsstücke der Paläontologie: Bemerkenswert alte „Schriftsteine“ – millimetergroße wurmförmige Graptolithen (Flügelkiemer) – lebten vor 480 Millionen Jahren in Kolonien am Meeresboden. Warum genau sie „Schriftsteine“ heißen ist nicht bekannt, die Bezeichnung stammt aus dem 18. Jahrhundert. Wahrscheinlich erinnerten die Fossilien den Entdecker an Schriftformen. Diese ältesten Makrofossilien des Rheinlandes stammen aus Schiefern des Erdzeitalters Unterordoviz, die in der Grube „Elise“ in Hürtgenwald-Großhau, Kreis Düren, abgebaut wurden. Weitere Meeresbewohner waren die großen Nautiliden (Tintenfisch-Verwandte) aus den 360 bis 390 Millionen Jahre alten mittel- und oberdevonischen Gesteinen, die erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden. Sie gehören zur legendären Nautiliden-Fauna aus dem Steinbruch Pack bei Lindlar-Linde, Oberbergischer Kreis. Der kopflose Fisch aus dem Tagebau Hambach bei Niederzier, Kreis Düren, schwamm vor ca. 3 Millionen Jahren im oberen Pliozän in einem Süßwassersee oder schwach fließenden Gewässer. Es ist der erst zweite zusammenhängende fossile Fischfund im Revier.Vorgeschichte
Neben der im Rheinland bislang einzigartigen steinzeitlichen Kreisgrabenanlage in Swisttal-Ollheim, Rhein-Sieg-Kreis, kam 2020 auch ein bisher unbekanntes Erdwerk aus der frühen Jungsteinzeit (5300–4900 v. Chr.) bei Jakobwüllesheim, Kreis Düren, mit Methoden der Prospektion zutage: Begehungen, magnetischen Messungen und Sondagen. Die Maßnahme zur Klärung der Funderwartung in Kiesabbauflächen erbrachte auch zahlreiche Fragmente von Keramikgefäßen und Steinartefakten. Gut erhaltene Vergleichsfunde vom gleichzeitigen Fundplatz Düren-Arnoldsweiler, Kreis Düren, geben einen Eindruck davon, wie der Hausrat der ersten Bauern im Rheinland ursprünglich einmal aussah. Dass der Platz bei Jakobwüllesheim auch in der späten Jungsteinzeit (4300–2800 v. Chr.) aufgesucht wurde, belegt das Fragment eines geschliffenen Beils aus Lousbergfeuerstein, der beim heutigen Aachen abgebaut und weit verhandelt wurde.Stück für Stück fand der lizenzierte Sondengänger Helge Heimbach seit 2015 bei Bergheim-Fliesteden, Rhein-Erft-Kreis, Teile eines Bronzeschwertes aus der mittleren Bronzezeit (1400–1200 v. Chr.). Die noch fehlende Spitze entdeckte er 2020 – nun ist das Meisterstück früher Schmiedekunst mit interessanten Herstellungsmerkmalen vollständig.
Bei Inden, Kreis Düren, gelang es im gleichnamigen Tagebau, das bislang größte Gräberfeld der frühen Eisenzeit (8.–5. Jahrhundert v. Chr.) im Rheinland freizulegen. Bei den 1500 aufgedeckten, zum Teil überhügelten Brandbestattungen zeigt sich die gesamte Bandbreite an Keramikformen dieser Zeit. Neben grob gearbeiteten Töpfen existieren sorgfältig geglättete sowie verzierte Exemplare zur Aufbewahrung des Leichenbrandes. Ein weiteres Gräberfeld aus der Zeit von 800–600 v. Chr. stammt aus Erftstadt-Erp, Rhein-Erft-Kreis. Hier wurde der Leichenbrand der Verstorbenen in besonders großen Urnen beigesetzt. Über den Gräbern wurden Hügel aufgeschüttet, die weithin sichtbar wohl an einem überregional bedeutenden Verkehrsweg lagen. Ein seltenes Fundstück aus Weeze-Vorselaer, Kreis Kleve, weist auf die Produktion von Keramikgefäßen hin. Das Fragment einer Lochtenne, auf der die Keramikgefäße zum Brand gestapelt wurden, gehörte zu einem der ältesten im Rheinland nachgewiesenen Zweikammeröfen aus der Eisenzeit und datiert nach der Radiokarbonmethode in die Zeit von 850–693 v. Chr.
Alle drei genannten Fundplätze wurden bei Ausgrabungen im Vorfeld des Rohstoffabbaus aufgedeckt, zum einen Braunkohle in Inden, und Kies in Erftstadt-Erp und Weeze-Vorselaer. Die vom Umfang vergleichbaren, riesigen Verlustflächen in den energetischen und nicht-energetischen Abbaubereichen können nur in geringen Teilen archäologisch untersucht werden, bevor die Kulturlandschaft zerstört wird. Sie bieten dennoch die Chance, gezielte archäologische Ausgrabungen auf größeren Flächen durchzuführen – das bislang 30 Hektar große und sich über 2,2 Kilometer erstreckende Gräberfeld von Inden zeugt von den Dimensionen.Römische Epoche
In den fruchtbaren rheinischen Lössbörden erstreckte sich in römischer Zeit eine Villenlandschaft, der immer wieder besondere Befunde und Funde zu verdanken sind. So stammt aus einer Villa bei Kerpen-Manheim, Rhein-Erft-Kreis, ein Hortfund aus Fibeln, Armringen und Werkzeugen des 1. Jahrhunderts, der als Bauopfer zu deuten ist. Welche restauratorischen Maßnahmen ein solcher Fund oder auch eine spätantike Kindersandale aus dem Brunnen eines anderen Gutshofs am selben Ort erfordern, ist auch ein Thema der diesjährigen Präsentation.
In eben diesem römischen Brunnen bei Kerpen-Manheim im Tagebau Hambach fanden sich Teile einer fast vollständigen Jupitersäule aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. mit einer seltenen Darstellung der Göttin Nemesis-Diana (nähere Informationen dazu in der Pressemitteilung zum Fund des Monats März). Von dieser Göttin des gerechten Zorns aus dem römischen Götterhimmel bis zu einem spätantiken goldenen Siegelring mit christlichem Motiv aus Dormagen-Zorns, Rhein-Kreis Neuss, geben gleich mehrere sehenswerte Funde Einblicke in religiöse Vorstellungen und Glaubenswandel in der römischen Zeit. Dass auch der Aberglaube eine Rolle spielte, zeigt ein Fund bei Erkelenz-Lützerath, Kreis Heinsberg, im Tagebau Garzweiler. Im Grab eines 5–7-jährigen Kindes aus dem 4. Jahrhundert befand sich ein Röhrchen aus zusammengerolltem Zinnblech mit magischen Zeichen oder einer Zauberformel. Solche unheilabwehrenden Amulette sind im spätantiken Rheinland aus vielen Kindergräbern bekannt. Sie zeigen wie sich die Angehörigen um das Wohl verstorbener Kinder im Jenseits sorgten.Einen erheblichen Erkenntnisgewinn zur ländlichen Besiedlung am unteren Niederrhein in den Metallzeiten (1500–um Chr. Geburt) und insbesondere in der römischen Epoche (1.–3. Jahrhundert) erbrachten die archäologischen Untersuchungen in Weeze-Vorselaer. Im Vorfeld des Kiesabbaus wurden sukzessive über 20 Jahre mehrere Siedlungen und Gräberfelder freigelegt, zuletzt eine römische Ansiedlung mit Wohnstallhäusern und Brunnen. Die Menschen siedelten hier auf sog. Donken, flachen Erhöhungen in sumpfigem Gelände, die sich für Ackerbau eigneten. Sie wohnten nicht in Häusern römischer Bauart, wie man im Hinterland der Colonia Ulpia Traiana (Xanten) vielleicht erwarten würde, sondern in Häusern einheimischer, eisenzeitlicher Tradition – mit dem Vieh unter einem Dach. Ganz dem Römischen war man jedoch nicht abgeneigt, wie Koch- und Essgeschirr sowie seltene Metallfunde – ein Kerzenhalter und der Beschlag eines Militärgürtels – zeigen.
Auch aus der spätantiken Colonia Claudia Ara Agrippinensium gibt es Neues: Das Römisch-Germanische Museum der Stadt Köln untersuchte in Köln-Altstadt-Süd eine Sarkophagbestattung aus dem 4. Jahrhundert. Zu dem leider bereits beraubten Steinsarg gehören mehrere Beigaben, darunter die Metallbeschläge eines hölzernen Kästchens und ein Set aus Keramik- und Glasgefäßen. Älter sind hingegen die Überreste einer römischen Villa in Köln-Ehrenfeld aus dem 2./3. Jahrhundert. Die hochwertige Ausstattung bezeugen Mosaikreste und Teile von Wand- bzw. Deckenmalereien, deren besonderes Dekor sich auch im italienischen Pompeji findet. Ausgrabungen in einer Stadt – insbesondere wie Köln – stellen durch die enormen Kulturschichten eine besondere Herausforderung dar. Sie öffnen einzelne Fenster in die Vergangenheit, die wie ein Puzzle zusammengesetzt werden müssen.
Mittelalter und Neuzeit
Illegal geborgen wurden frühmittelalterliche Funde bei Wesel, Kreis Wesel, darunter eine Goldscheibenfibel. Das Fundspektrum aus dem 7./8. Jahrhundert weist darauf hin, dass hier mindestens ein Frauengrab, vermutlich von einem nicht lizensierten Sondengänger, rechtswidrig geplündert wurde. Immerhin gab der Finder die Objekte anonym und über Umwege mit Nennung des angeblichen Fundorts ab. Dass sich die Zusammenarbeit mit Privatpersonen, die mit erforderlicher Lizenz und Auflagen der Suche nach archäologischen Funden mit Metallsonden nachgehen, durchaus positiv entwickelt, zeigen andere Beispiele. Nicht nur der zuvor erwähnte, von Mirko Karagöz entdeckte, spätantike Siegelring einer hochstehenden Persönlichkeit aus Dormagen-Zons, sondern auch die Goldmünzen aus Mönchengladbach-Rheindahlen wurden von Matthias Budzicki und Marcel Spreyer legal mittels einer Metallsonde gefunden und gemeldet. Neben einer – am unteren Niederrhein singulären – keltischen Prägung aus Frankreich sind es ein spätmittelalterlicher rheinischer Gulden und zwei neuzeitliche spanische Dublonen. An der jüngeren Dublone wurden kleine Stückchen abgeknapst, um den Wert der Münze zu senken und zugleich an das Gold zur Weiterverarbeitung zu kommen. Neue Forschungsergebnisse gibt es zu bereits lange bekannten Funden aus dem Bergischen Museum für Bergbau, Handwerk und Gewerbe in Rösrath-Bleifeld, Rheinisch-Bergischer-Kreis. Mit der Radiokarbonmethode wurden mehrere hölzerne, als mittelalterlich geltende Gezähe – Geräte der Bergleute – untersucht, die man in alten Abbauschächten am Lüderich geborgen hatte. Die Mehrzahl war mittelalterlich, doch die Ergebnisse von zwei hölzernen Spaten sorgten für eine Überraschung: Sie stammen aus der Eisenzeit (Mitte 4.–Mitte 1. Jahrhundert v. Chr.) und zeigen, dass dort nicht nur im hohen Mittelalter (11.–13. Jahrhundert) und in frührömischer Zeit (1. Jahrhundert) Abbau betrieben wurde, sondern deutlich früher. Neue Untersuchungen an altbekannten Funden und Fundplätzen lohnen sich daher auf jeden Fall. Dies zeigte sich auch beim angeblichen „Römerlager“ in Gummersbach-Lieberhausen, Oberbergischer Kreis, das erst im Mittelalter entstand (7.–12. Jahrhundert), und bei der vermeintlich mittelalterlichen Wallanlage bei Windeck-Leuscheid, Rhein-Sieg-Kreis, die bereits in der späten Eisenzeit (150–80 v. Chr.) errichtet wurde. Letzteres ergaben die bei Prospektionen ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des LVR-ABR – Dorothea und Fred Emps, Adrian Gutjahr, Gero Heinze, Ingo Prox und Heinz Wolter – aufgesammelten Funde, wie Münzen und Gürtelhaken.Durch die Zeiten
Funde durch alle Epochen illustrieren die Tätigkeiten der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des LVR-ABR. Durch deren unermüdlichen Einsatz und ihre Kenntnisse vor Ort mehren sie unser Bild von der prähistorischen und historischen Kulturlandschaft. Unscheinbare Funde, die durch die stete Arbeit von Heinrich Smits, auf den Feldern in Goch-Pfalzdorf, Kreis Kleve, oder durch Walter Bender bei Zülpich, Kreis Euskirchen, entdeckt, eingemessen und aufgesammelt wurden, zeichnen z.B. ein Bild der jungsteinzeitlichen Besiedlung (5300–2150 v. Chr.) bei Pfalzdorf oder der ackerbaulichen Nutzung der Region um Zülpich während der römischen Epoche und dem Mittelalter. Aber auch ansehnlichere Funde, wie die oben genannten aus Windeck-Leuscheid, Rhein-Sieg-Kreis, oder die von Klaus Ludwig gefundene römische Tierfibel mit einer Wildschweinjagd aus Selfkant-Tüddern, Kreis Heinsberg, und die von der AG „Kervenheimer Keramik“ bei Baumaßnahmen aufgesammelte Töpferware des 17.–19. Jahrhunderts aus Kervenheim, Kreis Keve, sind den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu verdanken. -
Besondere Siedlungsfunde am Unteren Niederrhein
Nach über zwei Jahrzehnten sind die Untersuchungen in Weeze-Vorselaer beendet
Nach 22 Jahren sind die hauptsächlich vom Landschaftsverband Rheinland (LVR), aber auch von Grabungsfirmen durchgeführten archäologischen Untersuchungen in der Abgrabung Weeze-Vorselaer im Kreis Kleve nun abgeschlossen. In dieser Zeit haben die vor Ort tätigen Archäologinnen und Archäologen für den Niederrhein wichtige Erkenntnisse gewonnen und spannende Befunde und Funde zutage gefördert. Sie fanden Siedlungen aus der Bronzezeit bis in die Zeit der Römer und damit auch interessante Hinweise auf die Lebensweise der damaligen Bewohnerinnen und Bewohner.
Insgesamt fünf Siedlungsplätze aus der Bronzezeit (2150–800 v. Chr.) und der Eisenzeit (800 v. Chr. bis um Chr. Geburt) sowie vor allem aus der römischen Epoche vom 1. Jahrhundert bis ca. 250 n. Chr. wurden in Vorselaer entdeckt. „Bis dahin war am gesamten Unteren Niederrhein keine ländliche Siedlung der Römerzeit ausgegraben worden. Nun konnte man erstmals nachweisen, wie die einheimische Bevölkerung lebte“, erklärt Dr. Julia Obladen-Kauder, Leiterin der Außenstelle Xanten vom LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR), die für die Grabungen in Vorselaer verantwortlich ist.
Besonders spannend ist, dass jüngst bei den Grabungen ein bronzener Beschlag eines römischen Militärgürtels aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. gefunden wurde. Vergleichbare Stücke finden sich am Hadrianswall in Großbritannien und entlang des gesamten Limes an Rhein und Donau. Möglicherweise hat sich ein Veteran der römischen Truppen nach seiner Dienstzeit in der Siedlung beim heutigen Vorselaer niedergelassen. Gefunden wurde das Zierobjekt in einer Grube zwischen zwei Häusern. Unklar muss bleiben, ob der Beschlag versehentlich verloren ging oder ob er absichtlich entsorgt wurde.
Anders als in den neu gegründeten Städten der Römer wohnte man in den zeitgleichen Siedlungen nicht in Häusern nach römischer Bauweise, sondern in Häusern, die in eisenzeitlicher Tradition errichtet waren: aus Holz und Lehm sowie mit dem Vieh unter einem Dach. Auch an der Ernährung änderte sich nichts zur vorangegangenen Eisenzeit. „Durch die Untersuchung von verkohlten Pflanzenresten wissen wir, dass auf dem Speiseplan zuoberst die Getreidesorten Gerste und Hirse standen“, erläutert Grabungsleiterin Dr. Marion Brüggler, von der Außenstelle Xanten des LVR-ABR. „Obst und Gartenkräuter waren nicht gefragt.“ Gleichwohl war römische Sachkultur nicht unbekannt: Das Geschirr zum Kochen und Essen stammt aus Töpfereien der umliegenden römischen Städte, teils sogar vom Mittelrhein.
Im Jahr 2018 legten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des LVR-ABR ein römisches Gräberfeld mit knapp 150 Bestattungen frei. In den Gräbern fanden sich mehrere teils vollständig erhaltenen Keramikgefäße und einige Gewandspangen. Das Gräberfeld lag etwa 300 Meter westlich der entdeckten Siedlungen und datiert vom 1. bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. Hier haben also die Bewohnerinnen und Bewohner der römischen Siedlungen ihre Angehörigen begraben.
Seit Juli 2020 wird nun der letzte Siedlungsplatz untersucht. Ganz im Süden der Abgrabungsfläche gelegen, gelang die Entdeckung einiger Hausgrundrisse sowie zwei Brunnen der Römerzeit. Dort wurde auch der römische Gürtelbeschlag gefunden.
Insbesondere für die römische Zeit zeigt sich die Region um Vorselaer und das benachbarte Grotendonk nun als verhältnismäßig dicht besiedelt: Mehrere Einzelhöfe und zwei Gräberfelder zeugen davon. Die Region ist günstig für die Gründung von Siedlungen. Auf den sog. Donken (flache Erhöhungen in sumpfigem Gelände), konnte man Wohnen und Ackerbau betreiben sowie Vieh in den nahen gelegenen Auen weiden.
Da nun die gesamte für den Kiesabbau vorgesehene Fläche untersucht wurde, enden die seit 1998 laufenden Maßnahmen.
Die archäologischen Maßnahmen wurden größtenteils von der GMG, die seit 2015 zum Hülskens Unternehmensverband gehört, finanziert und denen für die gute Kooperation gedankt wird. Dank gilt auch dem Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bereitstellung von Mitteln im Denkmalförderprogramm.
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Römische Säule mit seltener Gottheit
Fund einer Jupitersäule mit seltener Reliefdarstellung im Rheinland
Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) hat am Rande des Tagebaus Hambach der RWE Power AG bei Kerpen-Manheim im Rhein-Erft-Kreis erneut einen römischen Brunnen mit bemerkenswerten Funden freigelegt. Im Inneren des wahrscheinlich vom 2./3. bis in das 5. Jahrhundert genutzten Brunnens konnte das Team des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR) Teile einer Jupitersäule freilegen, die Darstellungen von mehreren römischen Gottheiten zeigen.
Bei den Gottheiten handelt es sich zunächst um den obersten römischen Gott Jupiter, der auf einem Thron sitzend die nach ihm benannte Säule bekrönte. Von dieser Skulptur sind nur der Thron und der Unterkörper des Gottes erhalten. Möglicherweise zeigt ein stark beschädigtes Relief am Fuße der ehemals ungefähr fünf Meter hohen Säule ebenfalls Jupiter. Besser erhalten ist ein weiteres Relief, welches drei weibliche Göttinnen zeigt: Juno, die Gattin Jupiters, Minerva, die Göttin der Weisheit, und sehr wahrscheinlich Nemesis-Diana, die Göttin der gerechten Rache. „Die Darstellung von Nemesis-Diana ist im Rheinland etwas Besonderes“, erläutert Dr. Erich Claßen, Leiter des LVR-ABR. „Wir haben kaum Nachweise darüber, dass sie zu römischer Zeit im Rheinland verehrt wurde.“ Die Göttin ist auf dem Relief anhand des Wagenrads zu erkennen. Zudem ist sie aber auch mit einem kurzen Gewand ausgestattet, das normalerweise für Diana, die Göttin der Jagd, typisch ist. Diese Darstellung als sogenannte Nemesis-Diana ist aus dem gesamten Römischen Reich bisher nur selten nachgewiesen.
Anhand von Keramikscherben, die sich in der Verfüllung des Brunnens befanden, konnte Grabungsleiter Dr. Martin Grünewald von der Außenstelle Titz des LVR-ABR nachweisen, dass der Brunnen noch bis in das 5. Jahrhundert in Gebrauch war. „Eine so lange Nutzung des Brunnens ist außergewöhnlich. Normalerweise wurden die bisher entdeckten Brunnen mit Jupitersäulen bereits im 3. oder 4. Jahrhundert verfüllt.“, so Grünewald. Dieser Umstand könnte auch Aufschluss über die religiösen Verhältnisse im Rheinland während der spätrömischen Zeit geben. In vielen Brunnen auf den römischen Landgütern fanden sich die Reste von Jupitersäulen, die daher wahrscheinlich auf dem Hofgelände standen. Im Zuge der Christianisierung wurden diese als heidnisch erachteten Göttersäulen vielleicht absichtlich in die Brunnen gestürzt. Dass dies im Falle von Kerpen-Manheim erst im 5. Jahrhundert geschah, zeigt die zu dieser Zeit auf dem Land noch immer stattfindende Verehrung der römischen Gottheiten, nachdem in Köln und andernorts schon längst Kirchen errichtet worden waren. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass die Säule bei einem Einfall germanischer Stämme zerstört wurde und in den Brunnen gelangte. Denn seit dem 3. Jahrhundert drangen immer wieder Stammesverbände in das römische Gebiet links des Rheins ein.
Aber nicht nur der Inhalt, sondern auch der Brunnen selbst ist aufschlussreich. Die massive steinerne Fassung des Brunnens verrät einen hohen baulichen und logistischen Aufwand. „Die mehrere Tonnen wiegenden Sandsteine mussten über etliche Kilometer aus der Nordeifel zur Villa transportiert werden“, führt Dr. Udo Geilenbrügge an, Leiter der Außenstelle Titz des LVR-ABR. „Das konnte sich nur ein wohlhabender Gutsherr leisten.“ Wann der Brunnen errichtet wurde, ist jedoch noch nicht klar. Die Funde aus der Verfüllung des Brunnens, neben Keramikscherben auch einige Münzen und ein Lederschuh sowie ein Sieb aus Bronze, geben darüber leider keinen zuverlässigen Aufschluss, da sie eher gegen Ende der Brunnennutzung in diesen gelangt sind. Ähnliche Brunnen aus diesem Gebiet wurden meistens im 2./3. Jahrhundert errichtet, weswegen das auch für den jetzt ausgegrabenen Brunnen denkbar wäre. Geilenbrügge und seine Kollegen erhoffen sich von den noch ausstehenden Untersuchungen an den Hölzern der Brunnenkonstruktion eine genaue Erkenntnis über den Zeitpunkt des Baus.
Im Rahmen des Braunkohletagebaus wurden in der Vergangenheit bereits mehrere römische Brunnen ausgegraben, die zu römischen Gutshöfen gehörten. Die villa rustica, zu der dieser Brunnen gehört, wurde bereits 1980/81 untersucht. Fast vier Jahrzehnte später erreichte der Tagebau Hambach den ca. 15 m tiefen Brunnen nun planmäßig. Nach vorsichtigem Abtrag der Tagebaurandböschung mit dem großen Schaufelradbagger konnte der Brunnen dank logistischer Unterstützung durch RWE Stück für Stück freigelegt und die Säulenfragmente geborgen werden.
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Einzigartige archäologische Anlage entdeckt
Bei Swisttal wurde erstmalig im Rheinland eine Kreisgrabenanlage gefunden
Im Rhein-Sieg-Kreis untersuchen die Archäologinnen und Archäologen des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) einen für die Region bislang einzigartigen Fundplatz. Bei Swisttal-Ollheim stießen sie auf drei kreisförmig angelegte Gräben, die konzentrisch um einen zentralen Innenbereich herum verlaufen. Bisher sind die genaue Funktion und vor allem die Datierung dieser im Außendurchmesser circa 65 Meter großen Anlage noch unklar. Aus diesem Grund führt das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR) derzeit eine Ausgrabung an diesem besonderen Fundplatz durch, um nähere Erkenntnisse zu gewinnen.
Vergleichbare Grabenkonstruktionen sind aus Sachsen-Anhalt, Bayern und vor allem Österreich bekannt. Diese Anlagen variieren in ihrem Aussehen hinsichtlich der Anzahl von Gräben und der Position der Unterbrechungen in den Grabenverläufen. Oftmals gibt es auch noch zusätzlich Palisaden und Wälle. Allen gemeinsam ist allerdings die Kreisform der Gräben. „Über die Funktion dieser Anlagen wird in der Forschung viel diskutiert. Die Vermutungen reichen von Befestigungsanlagen über Kultplätze bis hin zu astronomischen Observatorien“, erläutert Dr. Erich Claßen, Leiter des LVR-ABR. „Über die Anlage in Ollheim wissen wir aber derzeit noch zu wenig, um sie einordnen zu können.“ Die bisher bekannten Fundplätze mit drei Kreisgräben datieren hauptsächlich in die mittlere Jungsteinzeit. Daher ist es naheliegend, dass auch die Anlage bei Ollheim aus dieser Zeit stammt (im Rheinland circa 4900 bis 4300 vor Christus). „Sicher können wir uns da aber erst sein, wenn wir aussagekräftige Funde in der Hand halten, die eine Datierung erlauben“, so Claßen.
Bereits 2015 wurde die Kreisgrabenanlage vom Luftbildfotografen Andreas Schmickler entdeckt. Aus Flugzeugen aufgenommene Fotos lassen archäologische Strukturen im Boden anhand von Merkmalen im Bewuchs auf Feldern und Wiesen sichtbar werden. Je nachdem, welche Überreste sich im Boden verbergen, wachsen Pflanzen darauf unterschiedlich gut und geben so indirekt ein Abbild der Strukturen im Boden wieder. Auch die drei kreisförmigen Gräben in Ollheim sind auf diese Weise auf der Oberfläche sichtbar. Aufgrund der Luftbilder wurden vor Ort über die Jahre verschiedene zerstörungsfreie Untersuchungen durchgeführt. Unter anderem wurde eine geomagnetische Prospektion vorgenommen. Bei dieser Methode können mithilfe des Erdmagnetfelds Bodenstrukturen nachgewiesen werden. Auf diese Weise konnten die Gräben aus dem Luftbild bestätigt werden ohne in den Boden einzugreifen.
Doch um die Funktion der Anlage und ihr Alter zu bestimmen, ist es notwendig eine Ausgrabung vorzunehmen. „Leider ist die Kreisgrabenanlage nicht mehr vollständig erhalten“, erklärt Dr. Jens Berthold, Leiter der zuständigen Außenstelle Overath des LVR-ABR. „Insbesondere in der Mitte der Anlage stören moderne Überbauungen den Befund.“ Die Expertinnen und Experten des LVR sind dennoch optimistisch, genügend Informationen zum Auswerten nach Abschluss der Ausgrabungen zu gewinnen.
Für die Grundlage dieser Auswertung sorgt gegenwärtig Alexandra Ziesché, die unter der wissenschaftlichen Leitung von Jens Berthold die Grabung zusammen mit weiteren Kollegen vornimmt. Für sie ist dies nicht nur wegen der einzigartigen Kreisgrabenanlage ein besonderes Projekt. Sie absolviert beim LVR-ABR eine Fortbildung zur Grabungstechnikerin und führt in Ollheim ihre Prüfungsgrabung durch. „Die im Luftbild und in der Geomagnetik sichtbaren Gräben haben wir durch die Ausgrabungen erfasst“, führt Ziesché an. „Wir hoffen, dass wir durch die Untersuchungen vor Ort bald mehr über die Anlage sagen können.“
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Ministerin Scharrenbach: Niedergermanischer Limes soll UNESCO-Welterbe werden – Antrag ist jetzt eingereicht
Das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung teilt mit:
2021 soll der Niedergermanische Limes als UNESCO-Welterbe eingetragen werden. Heute (9. Januar 2020) wurde der gemeinsame Antrag der Limes-Partner Niederlande, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz beim World Heritage Center der UNESCO in Paris eingereicht.
„Damit ist ein neuer Meilenstein auf dem Weg zum sechsten nordrhein-westfälischen Welterbe erreicht. Sehr viele Menschen waren über die Jahre an der Fertigstellung des Antrages beteiligt. Ihnen allen danke ich für ihren unermüdlichen Fleiß und die herausragend gute Kooperation bei diesem anspruchsvollen Projekt“, kommentiert Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen die Einreichung.
In einer gemeinsamen Feierstunde in der niederländischen Botschaft haben die UNESCO-Botschafter der Bundesrepublik Deutschland und der Niederlande die Antragsunterlagen offiziell unterzeichnet. Mit der Einreichung des Antrages durch die Niederlande als Konsortialführer ist ein wesentlicher Schritt im Nominierungsprozess erfolgt. Der Eintragungsprozess des Niedergermanischen Limes ist jedoch noch nicht zu Ende. Als nächstes steht die Bereisung der Limes-Stationen durch die von der UNESCO beauftragte Kommission im Sommer 2020 an.
„Die Aufnahme des Niedergermanischen Limes in die Liste des UNESCO-Welterbes wäre in kultureller und touristischer Hinsicht sehr bedeutend für Nordrhein-Westfalen“, erklärt Ministerin Scharrenbach und hebt die Chancen hervor, die sich aus der weiteren grenzüberschreitenden Limes-Kooperation mit den Partnern ergeben: „Eine frühere Grenze wird uns in Zukunft noch näher zusammenbringen.“
„Die vielen Überreste von diversen römischen Befestigungsanlagen in unserem Boden machen das alte Grenzgebiet zu einem wichtigen archäologischen Denkmal, das es wert ist, für zukünftige Generationen erhalten zu werden“, sagt die niederländische Ministerin für Bildung, Kultur und Wissenschaft, Ingrid van Engelshoven.
Prof. Dr. Konrad Wolf, Kulturminister Rheinland-Pfalz: „Mit der Einreichung dieses Antrags leisten wir einen Beitrag zum optimalen Erhalt eines bedeutenden Bausteins unseres römischen Erbes. Wir danken unseren Partnern in den Niederlanden und in Nordrhein-Westfalen für ihr großes Engagement. Eines Tages werden, so ist es geplant, alle Grenzen des Römischen Reiches von Schottland bis Marokko Welterbe sein. So wird Zug um Zug aus einem ehemals trennenden Element eine länderübergreifende, völkerverbindende Linie werden.“
Ulrike Lubek, Direktorin des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), die die inhaltliche Ausarbeitung des Antrags verantwortet, betont: „UNESCO-Welterbestätten genießen ein hohes Ansehen und stellen eine besondere Wertschätzung des kulturellen Erbes dar. Für unsere 19 Kommunen am Niedergermanischen Limes mit ihren herausragenden Bodendenkmälern bedeutet schon die Antragstellung eine besondere Auszeichnung. Ich freue mich, dass aufgrund der fachlichen Kompetenz des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege ein wesentlicher Beitrag geleistet worden ist, dieses international bedeutende Zeugnis der Menschheitsgeschichte in unserer Region auf den Weg zum UNESCO-Welterbe zu bringen.“
Hintergrund:
- Der Niedergermanische Limes war eine der wichtigsten Grenzen des Römischen Reiches. Seine archäologischen Überreste finden sich in Nordrhein-Westfalen in insgesamt 19 Kommunen und gehören zu den bedeutendsten Denkmälern des Bundeslandes. Dazu zählen: Alfter, Alpen, Bad Münstereifel, Bedburg-Hau, Bonn, Bornheim, Dormagen, Duisburg, Moers, Monheim, Neuss, Kalkar, Kleve, Köln, Krefeld, Swisttal, Uedem, Wesel, Xanten.
- Gemeinsam mit den Niederlanden und dem Land Rheinland-Pfalz haben das Land Nordrhein-Westfalen und der Landschaftsverband Rheinland den Antrag auf Aufnahme des Niedergermanischen Limes in die Liste des UNESCO-Welterbes erarbeitet. Die Entscheidung über den Antrag von Seiten der UNESCO soll nach eingehender Prüfung im Jahr 2021 fallen.
- 400 Kilometer lang reichte er von Remagen bis Katwijk an der Nordsee und bestand mehr als 400 Jahre.
- Entlang dieser Flussgrenze reihten sich zahlreiche Wachttürme, Kastelle und Legionslager auf. Daraus entstanden sind bedeutende Städte und vielfältige Kulturlandschaften. Herausragende archäologische Denkmäler zeugen davon. Sie prägen die Region am Rhein noch heute und sind gerne und viel besuchte Orte.