Story: Ein betriebsintegrierter Arbeitsplatz für Moritz
Wie Moritz Schultheis mit einem betriebsintegrierten Arbeitsplatz eine Alternative zur Werkstatt gefunden hat
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Von außen wirkt alles vertraut: die langen Flure, die hellen Klassenzimmer, der Duft von Mittagessen, der durch das Schulhaus zieht. Für Moritz Schultheis ist die LVR-Christy-Brown-Schule in Duisburg ein ganz besonderer Ort.
„Ich kenne die Schule schon seit 2010“, erzählt der 22-Jährige, „damals wurde ich hier eingeschult – und jetzt bin ich wieder hier. Aber diesmal nicht als Schüler, sondern als Mitarbeiter.“ Heute arbeitet er auf einem sogenannten betriebsintegrierten Arbeitsplatz – kurz BiAp – als Hausmeistergehilfe. Und hat dabei ein Stück Selbstbestimmung gefunden.
Nach seinem Abschluss an der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt „Körperliche und motorische Entwicklung“ stand Moritz Schultheis vor einer Herausforderung, die viele junge Menschen mit Behinderung betrifft: Der direkte Weg auf den allgemeinen Arbeitsmarkt war für ihn (noch) nicht möglich. Der junge Mann hat eine Autismus-Spektrum-Störung. Er braucht im Arbeitsalltag Struktur und Unterstützung, sonst erlebt er schnell Stress. Also begann er zunächst in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM). Im Rheinland arbeiten rund 35.000 Menschen mit Behinderung in einer solchen Werkstatt, bundesweit sind es etwa 276.000 Menschen.
Dort absolvierte Schultheis verschiedene Stationen in der Bürokommunikation und der Hauswirtschaft. Aber die Routinearbeiten in der Werkstatt unterforderten ihn auf Dauer. Der Wunsch nach mehr Eigenverantwortung und Nähe zu einem „normalen“ Arbeitsumfeld wurde größer. Durch Praktika, in einem Kindergarten und sechs Monate in einer Jugendherberge, wurde sein Wunsch nach einer neuen Perspektive gefördert. Und so entstand der Plan, es mit einem betriebsintegrierten Arbeitsplatz zu versuchen.
Dass er diesen Arbeitsplatz ausgerechnet an seiner alten Schule fand, war ein Glücksfall – auch, weil er dort viele Kolleg*innen von früher kannte. Die Ausschreibung der Stelle erreichte ihn über familiäre Kontakte. „Ich wusste sofort: Das ist meine Chance.“
Heute ist Moritz Schultheis ein fester Teil des Schulteams. Er unterstützt den Hausmeisterdienst – zuverlässig, engagiert und mit Freude an der Arbeit. Seine Aufgaben beschreibt er ganz pragmatisch: „Ich fülle Papierhandtücher, Toilettenpapier und Seife nach, verteile das Essen. Ich bringe Müll weg und halte den Schulhof sauber.“
Seine Lieblingsaufgabe? „Ich freue mich immer, wenn ich in die Klassen gehen und mit den Kindern ein bisschen Spaß machen kann.“ In diesen Momenten ist spürbar, wie sehr ihn die Tätigkeit erfüllt – und wie sehr ihn die Arbeit stärkt.
Betriebsintegriert arbeiten bedeutet: Moritz Schultheis ist weiter über die Werkstatt angestellt und wird durch Fachkräfte dort begleitet.
Gleichzeitig ist die Schule eng eingebunden: Lehrer*innen, Schulbegleiter*innen und der Hausmeister unterstützen ihn im Alltag. Auch Olaf Peters, kommissarischer Schulleiter, ist überzeugt von diesem Modell – und von seinem Mitarbeiter.
„Moritz ist ein richtiger Gewinn für uns“, sagt er. „Er ist einsatzbereit, sucht sich Hilfe, wenn er nicht weiterkommt, und wird von allen Kolleg*innen geschätzt.“
Gleichzeitig profitiert auch die Schulgemeinschaft. „Unsere Schüler, die selbst mit Behinderung leben, sehen in Moritz ein lebendiges Beispiel dafür, was nach der Schule möglich ist. Das motiviert viele“, so Peters. Besonders beeindruckt sei er von Moritz’ Engagement: „Er hat nicht nur die Schule erlebt, sondern auch andere Arbeitsplätze – und bringt diese Erfahrungen hier konstruktiv ein.“
Trotz der guten Erfahrungen an der Schule hat Moritz Schultheis weitere berufliche Wünsche. „Ich würde gerne irgendwann im Kindergarten arbeiten“, sagt er. „Als Alltagshelfer oder vielleicht auch Integrationshelfer.“ Erste Erfahrungen in diesem Bereich konnte er bereits während eines Praktikums sammeln. Auch seine aktuelle Tätigkeit mit Kindern macht ihm sichtlich Freude.
Noch ist dieses Ziel nicht ganz in Reichweite. Moritz braucht weiterhin Unterstützung im Arbeitsalltag. „Er ist manchmal noch nicht ganz sicher, ob er jetzt Kollege oder doch noch Schüler ist“, sagt Schulleiter Peters. „Aber wir begleiten ihn dabei. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht.“
Der Landschaftsverband Rheinland verfolgt mit dem Konzept betriebsintegrierter Arbeitsplätze das Ziel, den Übergang von der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt systematisch zu fördern. Denn obwohl ein betriebsintegrierter Arbeitsplatz örtlich auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt stattfindet, bleibt er ein arbeitnehmerähnliches Rechtsverhältnis. Er bietet Menschen mit Behinderung reale Arbeitserfahrungen im regulären Betrieb – mit der Sicherheit, weiterhin über die Werkstatt begleitet zu sein.
Dass mittlerweile etwa 3.000 der insgesamt rund 37.000 Werkstattbeschäftigten im Rheinland auf einem solchen Außenarbeitsplatz tätig sind, ist nicht zuletzt auf entsprechende Zielvereinbarungen zwischen dem LVR und den rheinischen Werkstätten zurückzuführen.
„Betriebsintegrierte Arbeitsplätze sind für viele Menschen mit Behinderung ein wertvoller Zwischenschritt hin zu einer Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt“, betont Dirk Rist, Sozialdezernent des LVR. „Unser Ziel ist es, noch mehr Menschen diese Chance zu ermöglichen – und dabei den Übergang in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aktiv zu unterstützen.“
Die Übertrittswahrscheinlichkeit aus einem betriebsintegrierten Arbeitsplatz in ein reguläres Arbeitsverhältnis liegt höher als bei Menschen ohne diese Erfahrung. Dennoch bleiben die tatsächlichen Zahlen bisher niedrig.
Mit einem Modellprojekt erprobt der LVR nun Wege, wie dieser Schritt häufiger gelingen kann. In zwei Modellregionen sollen bestehende betriebsintegrierte Arbeitsplätze daraufhin überprüft werden, ob und wie ein Übergang in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis möglich ist. Ziel ist es, mindestens zehn Prozent in reguläre Beschäftigungsverhältnisse umzuwandeln.
Moritz Schultheis ist eines der positiven Beispiele dafür, wie betriebsintegriertes Arbeiten Entwicklungen anstoßen kann. Er hat für sich einen sinnvollen, arbeitsmarktnahen Platz gefunden – mit Perspektive auf mehr. Dieser Weg soll künftig noch mehr Menschen offenstehen, so das Ziel des LVR: Betriebsintegrierte Arbeitsplätze sollen zur echten Brücke in den allgemeinen Arbeitsmarkt werden.