Story: Garthigan wechselt auf den ersten Arbeitsmarkt
Wie Garthigan Gnanasegharan den Sprung aus der Werkstatt in den ersten Arbeitsmarkt geschafft hat
Ende des Seitenheaders.
Wenn Garthigan Gnanasegharan morgens seinen Arbeitstag im REWE-Markt in Aachen beginnt, ist er sofort in seinem Element. Blumen vor den Eingang fahren, Leergut sortieren, Getränkekisten stapeln, Pfandbons prüfen – und zwischendurch immer wieder ein freundliches Wort mit den Stammkundinnen und Stammkunden. „Ich mag den Kontakt zu Menschen“, sagt er. „Auf der Arbeit komme ich mit vielen Leuten in Kontakt – das macht mir Spaß, das brauche ich auch.“
Der 27-Jährige arbeitet heute fest im Team seines Marktes. Ein Erfolg, der nicht selbstverständlich ist – denn Garthigan hat eine Autismus-Spektrum-Störung und eine leichte Intelligenzminderung. Sein Weg in die Festanstellung führte über viele Stationen – und zeigt, wie mit professioneller Begleitung und Mut der Übergang aus der Werkstatt für Menschen mit Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gelingen kann.
Begonnen hat alles mit einem betriebsintegrierten Arbeitsplatz (BiAp). Betriebsintegriertes Arbeiten heißt: Man ist weiter in der Werkstatt angestellt, arbeitet aber direkt im Betrieb. Damit ist das Erproben verschiedener Tätigkeitsbereiche möglich, wie Garthigans Weg zeigt. Unterstützung erhält der Beschäftigte dabei weiterhin von der Werkstatt, indem ihn eine pädagogische Fachkraft eng begleitet. Dafür haben die Werkstätten der Lebenshilfe Aachen beispielsweise den Fachdienst Betriebsintegrierte Arbeitsplätze im Tochterunternehmen LEWAC gGmbH ins Leben gerufen. Die LEWAC gGmbH arbeitet eng mit den Unternehmen in Aachen zusammen und kann so das Angebot an betriebsintegrierten Arbeitsplätzen stetig ausbauen. Über mehrere Jahre konnte Garthigan verschiedene Tätigkeiten ausprobieren: in der Verpackung, in einem Restaurant, in der Briefsortierung bei der Deutschen Post und in einer Jugendherberge. „Ich musste erst herausfinden, was zu mir passt“, erinnert er sich. „Ich habe verschiedene Dinge ausprobiert – und jetzt das gefunden, was mir wirklich Spaß macht: den Einzelhandel.“
Nach einer längeren Zeit während der Corona-Pandemie, in der er wieder an seinen Arbeitsplatz in der WfbM zurückkehren musste, fand er schließlich den REWE-Markt Reinartz in Aachen – und mit ihm den Arbeitsplatz, der zu ihm passt. Zunächst arbeitete er dort über den BiAp, begleitet durch den Fachdienst. „Mein Begleiter kam regelmäßig vorbei, erst alle zwei Wochen, später einmal im Monat. Wir haben geschaut, wie es mir geht und ob alles passt“, erzählt Garthigan. Auch mit Marktinhaber Herrn Reinartz gab es immer wieder Gespräche. Anfangs war nicht sicher, ob eine Übernahme möglich wäre. „Wir haben auch einen Plan B gemacht – falls es nicht klappt“, erinnert sich Garthigan.
„Aber am Ende hat Herr Reinartz sich entschieden, mich fest einzustellen. Das fand ich super!“
Im Februar 2024 wurde er übernommen – ein Meilenstein, auf den er stolz ist.
Im Markt ist Garthigan heute ein fester Bestandteil des Teams. Gemeinsam mit einem Kollegen kümmert er sich um die Getränkelogistik, sortiert Pfandflaschen, räumt das Lager auf und sorgt dafür, dass alles an seinem Platz ist. „Ich mache morgens die Vorbereitung, Blumen rausfahren, Leergut packen – und dann geht’s weiter mit den Angeboten“, beschreibt er seinen Alltag. Besonders schätzt er die abwechslungsreichen Aufgaben und den direkten Kontakt mit Kundinnen und Kunden: „Da sind viele nette Leute. Einige kenne ich schon mit Namen.“
In der Werkstatt hatte er diesen Austausch vermisst. „Was mir da gefehlt hat, war das unter Menschen sein – der Kontakt zu Leuten außerhalb der Werkstatt“, sagt er. Heute spürt er, dass ihm genau das Kraft gibt. Und auch, dass er gebraucht wird: „Ich freue mich, dass ich endlich was leisten kann. Ich kann mir jetzt sogar mal einen Urlaub leisten oder Geld sparen – zum Beispiel für ein Haus.“
Sein Weg in den ersten Arbeitsmarkt wurde von vielen Menschen unterstützt – vor allem vom BiAp-Fachdienst der LEWAC und dem Integrationsfachdienst (IFD). Der Integrationsfachdienst ist im Auftrag des LVR-Inklusionsamtes tätig. Er berät und unterstützt Berufstätige und Auszubildende mit (Schwer-)Behinderung und ihnen Gleichgestellte. „Mein Ansprechpartner vom IFD hat sich das alles angeschaut, wir haben lange geredet, wie das läuft“, erzählt Garthigan. „Das hat mir Sicherheit gegeben.“ Auch die enge Zusammenarbeit zwischen Betrieb, Fachdiensten und der Werkstatt war entscheidend dafür, dass der Übergang gelang. Dass es diesen Weg überhaupt geben kann, ist Teil der Inklusionsstrategie des Landschaftsverbands Rheinland (LVR).
Mit dem Modell „Betriebsintegrierte Arbeitsplätze“ (BiAp) sollen Menschen mit Behinderung reale Arbeitserfahrungen im allgemeinen Arbeitsmarkt sammeln – mit der Rückendeckung der Werkstatt. Und mit der Möglichkeit, jederzeit in die Werkstatt zurückkehren zu können. Garthigans Geschichte zeigt, wie aus diesem Zwischenschritt ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis entstehen kann.
Heute blickt Garthigan selbstbewusst auf seinen Weg zurück. Er weiß, dass nicht alles leicht war. „Heute weiß ich: Ich habe mir das alles erarbeitet. Ich habe klein angefangen und mich hochgearbeitet – von der Werkstatt bis zum REWE.“
Anderen, die noch zögern, gibt er einen klaren Rat: „Erfahrung sammeln! Die Angst verlieren! Einfach mutig sein – und dranbleiben. Jeder hat eine Chance verdient.“
Sein Ziel für die Zukunft ist klar: „Ich möchte weiter bei REWE arbeiten. Das macht mir Spaß und ich kann hier etwas erreichen.“
Und wer ihn in seinem Markt erlebt, merkt sofort: Das tut er schon jetzt.