Mit der Provinzialordnung von 1887 begann ein neues Kapitel: Die Rheinprovinz entwickelte sich zu einer staatlich unabhängigen, demokratisch organisierten Regionalverwaltung. An die Stelle der ständischen Vertretung trat ein Kommunalverband mit gewählten Abgeordneten. Diese wurden entsprechend der Einwohnerzahl von den Stadt- und Landkreisen für jeweils sechs Jahre entsandt.
Wachsende Aufgaben in einer sich wandelnden Gesellschaft
Bereits im 19. Jahrhundert übernahm der Provinzialverband zentrale gesellschaftliche Aufgaben, die bis heute prägend für den Landschaftsverband Rheinland sind. Dazu zählten unter anderem:
Fürsorge für gehörlose und blinde Menschen
Ausbau und Verwaltung von Straßeninfrastruktur
Organisation von Versicherungs- und Finanzinstitutionen
Förderung von Museen, Kultur und Denkmalpflege
Unterstützung von Jugendhilfe und sozialen Einrichtungen
Mit den sogenannten Dotationsgesetzen wurde der Aufgabenbereich weiter ausgebaut – etwa durch die Gründung von Museen in Bonn und Trier sowie die institutionalisierte Denkmalpflege.
Ausbau sozialer Einrichtungen im Rheinland
Ein Schwerpunkt lag auf der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Ab 1865 entstanden in mehreren Regionen neue Heil- und Pflegeanstalten, darunter in Andernach, Bonn und Düren. Aufgrund steigender Bedarfe wurden weitere Einrichtungen gebaut, etwa in Langenfeld, Viersen-Süchteln und Bedburg-Hau. Parallel dazu entstanden Erziehungsheime für Jungen, um auf soziale Herausforderungen der Zeit zu reagieren.
Demokratischer Aufbruch in der Weimarer Republik
Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm der Provinzialverband zusätzliche Aufgaben wie die Versorgung von Kriegsopfern. Mit der Weimarer Republik wurde auch das Wahlrecht reformiert: Die Abgeordneten des Provinziallandtags wurden nun direkt, gleich und geheim von der Bevölkerung gewählt. Bis 1933 erlebte die regionale Selbstverwaltung eine Phase der Weiterentwicklung und Stärkung.
Bruch durch die NS-Zeit und ihre Folgen
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die demokratische Selbstverwaltung beendet. Der Provinziallandtag wurde aufgelöst, die Verwaltung gleichgeschaltet. In dieser Zeit kam es auch in Einrichtungen des Provinzialverbands zu schwersten Verbrechen: Tausende Patient*innen wurden im Rahmen der nationalsozialistischen Gewaltpolitik ermordet.
Erinnerung und Verantwortung heute
Die Aufarbeitung dieser Geschichte ist ein zentraler Bestandteil der Arbeit des LVR. Seit den 1980er Jahren setzt sich der Verband intensiv mit den Verbrechen der NS-Zeit auseinander – mit dem Ziel, das Unrecht sichtbar zu machen und dauerhaft im Bewusstsein zu halten. Publikationen und Forschungsprojekte leisten dazu einen wichtigen Beitrag und unterstreichen die historische Verantwortung des LVR bis in die Gegenwart.